HOME

"Bellstedt haut drauf" - Teil 6: Willkommen in Proll-Town

Tiefergelegte Schenkelbürsten, abgehackte Bäume und aufgeplatzte Därme. Dortmund ist etwas für Genießer. Klaus Bellstedt ist in der Metropole von Büchsenbier und Waschbeton der Appetit vergangen.

Kennen Sie Dortmund? Jene westfälischen Provinz-Metropole, in der die deutsche Nationalmannschaft so gerne ihre Spiele austrägt, weil sie den Elite-Kickern schon immer Glück gebracht hat? Noch nie wurde hier ein Länderspiel verloren. Im Vorfeld der WM-Partie gegen Polen merkte man Spielern und Trainerstab die Vorfreude auf die Reise nach Dortmund mal wieder an. Vorfreude auf Dortmund? Sie haben richtig gelesen, auch wenn Sie als Ortskundige jetzt berechtigterweise denken, dass das ein Widerspruch in sich ist. Vielleicht nicht für Ballack und Co., aber für den Otto-Normal-Reiser allemal.

Sperrgebiet für Sensibelchen

Und ich kann Sie beruhigen. Sie, die Sie noch nicht wissen, wohin es diesen Sommer mit den Kleinen auf Deutschland-Urlaub gehen soll. Dortmund sollten Sie großräumig meiden. Endlich kann auch ich aus Erfahrung plaudern, nachdem mich mein Kumpel Christoph sein gesamtes Jura-Studium über mit Erfolg von einem Besuch bei sich in Dortmund hat abhalten können. Immer mit derselben Begründung: "Tue Dir das nicht an, komm bloß nicht her, es ist einfach nur zum Knochen-Kotzen in dieser Stadt."

Hungrig ins gelobte Land

Aber jetzt, zur WM, geht für mich kein Weg mehr an Dortmund vorbei. Auf das Schlimmste vorbereitet, erreiche ich am Tag des Deutschland-Spiels nach zig hundert Autobahnkilometern bei gefühlten 70 Grad Innentemperatur die Stadtgrenze. Fünf Stunden noch bis zum Anpfiff…. und schon geht gar nichts mehr auf den Straßen. Alles dicht, restlos verstopft. Exzellent! Dazu verwirrende Hinweisschilder und das bohrende Hungergefühl, das mich in etwa seit Braunschweig quält. Am Hauptbahnhof muss es ein Mc Doof geben, dachte ich und schlug antizyklisch den Weg in die Dortmunder Innenstadt ein. Bloß weg von diesem völlig undurchschaubaren Wirrwarr am Westfalenpark.

Tiefergelegter Schnauzer

Vorbei an grauen Nachkriegsbauten und tristen Menschenbildern kämpfe ich mich vor. Und habe sofort einen ständigen Begleiter an meiner Seite. An jeder roten Ampel heult neben mir ein tiefer gelegter Opel Astra mir Rallyestreifen, super-breiten Schluppen und Doppelrohrauspuff auf. Drin sitzt ein Vollblutwestfale mit Dortmunder-Union-Bierbauch und der guten alten Schenkel-Bürste im Gesicht. Die ist in Dortmund übrigens immer noch so was von in. Mein Kumpel hatte mich schon damals gewarnt, dass jedermann von außerhalb ausnahmslos von den Einheimischen zu einem illegalen Autorennen aufgefordert werden würde. Neben meinem Wohnmobil wird der Schummel-Schumi-Wanst natürlich mutig. Ich ignoriere den Pedal-Quäler so gut es geht und lasse ihn sechs Mal den Ampel-Burnout praktizieren. Dortmund live, kein Scherz!

Schlechte Menschen haben keine Bäume

Am Bahnhof angekommen finde ich, richtig, keine genormte US-Fast-Food-Klitsche vor. Haben die hier nicht. Ergo: Auto abstellen, rein in die Fußgängerzone. Schön grau, denn in Dortmund wachsen keine Bäume. Die müssen die Einwohner in einem kollektiven Anfall mal abgehackt haben. Vor Monis-Eck mit "gutbürgerlicher Küche" kenne ich schließlich keine Gefangenen mehr und bestellte das Erstbeste, Kartoffelsalat und Bockwürstchen. Von der Bestellung bis zum Servieren vergehen keine fünf Minuten. Jeder schlechte Hobbykoch weiß, dass so ein Blitz-Menü definitiv ein Alarmzeichen ist.

Der Salat gärt, der Hass schwelt

Und natürlich, genauso war es: Umgekippter Kartoffelsalat mit dem von mir geschätzten Ablaufdatum April/06 inklusive aufgeplatzter Würste. Ich bin bedient, restlos. Echter Hass macht sich breit auf alles und jeden in dieser Stadt. Plötzlich kann ich Christoph verstehen. In Dortmund ist es wirklich so schlimm, wie er immer gesagt hatte. Also schnell das Spiel über die Bühne bringen und dann auf nimmer Wiedersehen.

Oder etwa doch nicht? Der Alptraum Dortmund könnte, wie ich mit Schrecken beim Studieren des WM-Spielsplans nach dem Match gegen Polen feststelle, doch noch weitergehen. Ein mögliches Halbfinale würde das DFB-Team, wenn es die Gruppenphase als Erster überstehen sollte, ins Westfalenstadion zurückbringen. ……..

Juhu!

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity