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Abstiegsangst: Borussia Dortmund am Abgrund

Während sich der neue Trainer Thomas Doll optimistisch gibt, tritt der alte nach: Jürgen Röber hat mit den Dortmundern Spielern schonungslos abgerechnet - mangelnde Disziplin sei ein Hauptgrund für sein Scheitern. Aber nicht nur: Die Dortmunder Club-Führung agiert ebenfalls unglücklich.

"Ich hätte manchen Profi knallhart aus dem Kader streichen sollen", sagte der 53 Jahre alte Ex-Coach in einen Interview der "Ruhr Nachrichten". Röber warf den BVB-Spielern mangelnde Einstellung vor. Lediglich Florian Kringe und Markus Brzenska seien charakterlich über jeden Zweifel erhaben. Vor allem kritisierte Röber Nationalspieler Christoph Metzelder. "Ich habe ihn anders eingeschätzt. Im Training laufe ich immer vorne weg. Metzelder lässt sich lieber ans Ende zurückfallen", teilte Röber aus.

Damit hat Jürgen Röber eine Ursache für den sportlichen Niedergang beim Namen genannt. Dem Team fehlt es an Aggressivität, Zweikampfhärte und Disziplin. Eine konsequente Linie tut Not. Die schonungslose Abrechnung von Röber mit seinem Team machte deutlich, dass Nachfolger Thomas Doll eine ähnlich schwierige Aufgabe wie zuletzt in Hamburg bevorsteht. Er muss die Abwärts-Spirale stoppen und den Meister von 2002 vor einem folgenschweren Sturz in die Zweitklassigkeit bewahren. Nur einen Tag nach dem Rücktritt von Röber unterschrieb der 40 Jahre alte Fußball-Lehrer bei dem vom Abstieg bedrohten Bundesligisten am Dienstag einen Vertrag bis zum 30. Juni 2008.

Doll geht hohes Risiko ein

Doll geht ein hohes Risiko ein. Denn ähnlich wie in Hamburg sind an der Dortmunder Misere nicht nur unwillige und leidenschaftslose Spieler schuld. Die Clubführung unter BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc demonstriert, wie chronische Selbstüberschätzung und eine fehlgeschlagene Einkaufspolitik eine Bundesliga-Mannschaft an den Rand des Abgrunds führen können. Die Dortmunder Führung leidet an chronischer Inkompetenz.

Trotzdem ist Watzke guter Dinge, dass der vor knapp sechs Wochen beim Hamburger SV gescheiterte Doll die Borussia zu neuem Leben erweckt: "Die Gespräche mit ihm haben uns begeistert, sein Konzept hat uns überzeugt. Er hat uns neue Zuversicht gegeben. Wir sind uns sicher, dass er in unserer Situation genau der richtige Mann ist." Die Börse sieht das allerdings anders. Die Berufung von Doll hat bei Investoren keine Aufbruchstimmung entfacht. Die Aktie von Deutschlands einzigem börsennotierten Klub dümpelte am Dienstag nach Bekanntgabe der Verpflichtung um 1,90 Euro. Zum Wochenstart war das BVB-Papier, das beim Börsengang im Jahr 2000 noch elf Euro Wert war, um mehr als fünf Prozent auf ein Jahrestief von 1,85 Euro abgesackt.

Doll gibt sein Debüt gegen starke Nürnberger

Der nach Röber und Bert van Marwijk dritte BVB-Trainer der Saison steht gleich bei seinem Debüt am Samstag im Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg mächtig unter Druck. Nach zuletzt drei Niederlagen ist der Revierclub nur noch einen Punkt vom 16. Tabellenplatz entfernt. Trotz der bedenklichen Ausgangslage ging Doll ohne zu zögern auf das BVB- Angebot ein: "Der Verein musste keine große Überzeugungsarbeit leisten. Für einen jungen Trainer wie mich ist es eine Ehre, von solch einem großen Club kontaktiert zu werden. Im Dortmunder Stadion habe ich mein erstes Spiel als Profitrainer erlebt. Jeder Fußball-Fan weiß, was das hier für ein Gänsehaut-Feeling ist."

Nach kurzer Suche der Vereinsführung und der Absage von Felix Magath machte Doll das Rennen. Schließlich ist der ehemalige Nationalspieler ein im Abstiegskampf erprobter Trainer: Mit neuen Ideen und großem Engagement führte er den HSV nach seinem Amtsantritt im Oktober 2004 vom letzten Bundesliga-Rang in die Champions League. Allerdings scheiterte er in dieser Saison bei dem Versuch, den in Not geratenen HSV wieder auf Kurs zu bringen.

BVB kämpft um die nackte Existenz

Mit der Verpflichtung von Doll zieht der BVB den letzten Trumpf. Nur zwei Jahre nach der Beinahe-Insolvenz kämpft der Club erneut um die nackte Existenz. Die meisten Verträge mit Leistungsträgern hätten im Abstiegsfall keine Gültigkeit mehr. Zudem drohen Verluste bei den TV-Einnahmen und Sponsoren-Verträgen. Das erschwert die Arbeit bei der Sanierung. Schwierigkeiten bei der Lizenzvergabe schließt Watzke jedoch aus: "Wir sollten im Abstiegsfall keine Probleme haben, die Lizenz für die Zweite Liga zu bekommen. Aber daran verschwenden wir derzeit keinen Gedanken."

Heinz Büse/dpa/Reuters/tis / Reuters

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