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Senioren-Kicken: Comeback in der Greis-Klasse

Wie es ist, wenn man sich nach gut 40 Jahren Pause bequatschen lässt, im Fußballverein wieder um Punkte zu spielen. Eine Selbsterfahrung von stern-Redakteur Harald Kaiser.

Oh, oh, das Knie. Es ist der Morgen danach. Gerade versuche ich von der Bettkante aufzustehen, um ins Bad zu gehen, da stemmt sich im rechten Knie etwas vehement gegen jede Bewegung. Wahrscheinlich eine Schwellung. Außerdem knackt es laut.

Es ist der Morgen nach dem 22. August. An dem Freitagabend bin ich um halb acht zu meinem ersten Fußballpunktspiel angetreten - seit etwa 40 Jahren. Auf dem Platz war ich vielleicht 25 Minuten, und habe gepumpt wie ein Maikäfer.

Nun schlurfe ich ins Bad und mache mir Gedanken darüber, wie ich in meine Jeans komme.

Ich will gleich zum Bäcker fahren, um Brötchen zu kaufen. Soll ich die Hose so auf den Boden legen, dass ich nur noch in die Beine rein zu treten brauche? Meine Frau liegt noch im Bett und blinzelt mich an. Wüsste sie, was ich gerade überlege, sie würde einen Lachkrampf kriegen. Also: Hose anziehen wie immer, nur etwas langsamer.

Mein Nachbar, der Manni, hat mich reingequatscht in den Aufbau einer Oldietruppe des SV Bendestorf. Es ist die Kategorie der Alt-Senioren. Nach den Statuten des Fußballverbandes zählt man ab 40 dazu. Für mich ist das ein Comeback in der Greis-Klasse. Denn ich bin 58 und in der Phase des edlen Verwelkens, mit grauen Schläfen und breiter werdendem Scheitel. Aber auch mit dem Wissen, den präzisen Pass spielen zu können. Theoretisch. Ich habe eine kleine Speckrolle, fühle mich ganz proper und war mal ein guter Linksaußen in einem Kölner Vorortverein.

Seither habe ich mich allerdings darauf beschränkt

, den Maulhelden zu geben und während der Sportschau von der Couch ins Fernsehspielfeld "Das darf ja wohl nicht wahr sein" rein zu rufen, wenn die Profis Mal wieder Kacke spielen. Ungnädig bin ich auch, wenn ich der A-Jugend-Mannschaft meines fast 18-jährigen Sohnes zuschaue und die mit ihren Holzbeinen außer Fehlpässen nichts zustande bekommt. Dann brülle ich gerne rein, dass sie es besser mit Sackhüpfen versuchen sollen. Wenn meine Frau das hört, stellt sie sich 20 Meter weg. Sie findet mich dann peinlich.

Das ist der Hintergrund, vor dem ich wieder Fußballschuhe schnüre und kurze Hosen anziehe. Mir blieb also angesichts der großen Klappe nichts anderes übrig, als bei den alten Säcken meines neuen Klubs mit zu machen. Aus Spaß, nicht, um Meister der 2. Kreisklasse Harburg zu werden. Jeder von uns will nur den Ball streicheln, zwei Gegner austanzen und mit der Vorahnung fürs Spielgeschehen in den nächsten zehn Sekunden den Zentimeter genauen Pass auf den Mittelstürmer zirkeln, der die Kugel dann nur noch antupfen muss, damit sie über die Torlinie rollt.

Ich spiele in der Defensive links, damit ich nicht soviel wetzen muss.

Dachte ich. Im ersten Spiel gegen Eintracht Elbmarsch 1 hätte ich schon nach zehn Minuten die Druckbetankung aus einer Sauerstoffflasche gebrauchen können. Praktischerweise erlauben es die Regeln, dass in der Altersklasse der Komposties laufend Spieler ausgewechselt werden dürfen. Also habe ich unserem Betreuer das Zeichen gegeben, dass ich verschnaufen muss. Zehn Minuten später war ich wieder drin und ein anderer durfte ausdampfen. Unterm Strich bin ich ziemlich blind rumgeirrt und hatte meinen Gegenspieler nicht im Griff, was leider zu Toren führte.

Das Knie? Seit Tagen habe ich nun auch im linken ein Spannungsgefühl.

Wir spielen zweimal 35 Minuten auf dem halben Fußballplatz.

Das nennt sich Kleinfeld. Darauf spielt auch die E-Jugend, die Zehnjährigen!!! Die Tore sind nur zwei Drittel so groß wie normal. Und ein Team besteht aus sieben Mann. Blöd ist, dass wir fast immer nur zu siebt sind, dass höchstens einer zum Auswechseln bereit steht. Obwohl zehn bis zwölf Kerle fest versprochen hatten, immer zu kommen. Gut, es gibt auch Verletzte. Einem ist im Training sogar die Achillessehne rechts gerissen. Ich stand nur wenige Meter entfernt, als er zusammensackte. Andere haben sich beim Aufwärmen direkt vor dem Spiel nur Muskeln gezerrt und fallen aber seit Wochen aus.

Manni zum Beispiel. Er soll eigentlich unser Mittelfeld-Stratege sein und dem Mittelstürmer "Assists" geben, wie Vorlagen heute genannt werden. Aber damit ist es bislang Essig, denn gleich beim ersten Spiel humpelte er nach nur drei Minuten mit einem Muskelfaserriss im linken Oberschenkel vom Feld. Die Memme ist genauso alt wie ich. Seit Wochen lässt er sich an der Stelle massieren und mit Fangopackungen behandeln. Angeblich hat er den lädierten Muskel in einer Massage-Praxis sogar so unter Strom setzen lassen, dass der Schenkel wie wild rumgezuckt hat. Wir glauben, dass es in Wahrheit ein Massage-Club ist und dass er sich dort auf Krankenschein verwöhnen lässt.

Seit zehn Spielen hetze ich mich jetzt ab.

Es zwickt und zwackt hier und dort, doch die Knochen, Knorpel, Bänder und Sehnen halten. Auch, weil ich es langsam angehen lasse, eher trabe als sprinte. Manni lobt zwar meine Ballführung und auch die Passgenauigkeit, verspottet mich aber wegen meines Zeitlupen-Laufstils als "aristokratischen Linksfuß". Der hat's nötig. Nach gut zwei Monaten Pause machte es im selben Oberschenkel wieder zack. Diesmal im Training.

Meine Knie? Der Druck ist stark zurückgegangen.

Sieben Spiele haben wir gewonnen, vier verloren. Die schlimmste Klatsche bislang war ein 3:8 gegen Elbmarsch 2. Es hätte auch 5:3 für uns ausgehen können. Doch Ralle, unser wieselflinker und trickreicher Mittelstürmer, hatte wie Miro Klose von Bayern die Seuche. Manchmal würde ich gerne vorne mit meiner linken Klebe auf den Kasten hämmern. Doch Puste und Kraft reichen nicht, um beim Gegenangriff gleich wieder nach hinten zu jagen. Also bleib' ich lieber an der Mittellinie. Und weil ich bei dem einen oder anderen Stürmer tempomäßig nicht mithalten kann, versuche ich, den Raum eng zu machen. Hab' ich den Profis abgeschaut. So eng, dass der Gegner entweder nur quer abspielen kann oder von mir an die Außenlinie gedrängt wird. Das klappt immer öfter.

Wochenlang waren wir Dritter von 13. Unglaublich für ein Team, das vor dem ersten Spiel im August keine Minute zusammen gespielt hat. Jetzt ist Winterpause und wir sind Vierter. Das letzte Heimspiel gegen den MTV Hanstedt am 14. Dezember haben wir leider 1:3 verloren. Die Jung spielten klasse und haben verdient gewonnen. Wir dagegen waren völlig von der Rolle. Dennoch meinte Ralle: "Wir haben Kontakt zur Spitze." Das stimmt. Die drei Clubs vor uns sind punktgleich mit 25 Punkten. Wir haben 21 Zähler und ein Spiel weniger.

Trotz der Niederlage, die Mannschaft hat Biss. Bei der Gründung war noch alles locker. Einige kannten sich, wie Donky, oder Thomas, Torsten und Manni und Ralle und Knut. Mich kannte kaum einer. Beim Bier haben wir gewitzelt, dass wir uns am liebsten von einer scharfen Altenpflegerin auf den Platz führen lassen würden, die uns nach dem Spiel an jeder (!) Stelle sorgsam abduscht und anschließend ins Heim fährt. Inzwischen flackert in uns eine kleine Flamme Ehrgeiz. Der eine oder andere mault auch mal, wenn die Pässe mehrfach nicht ankommen. Ralle zum Beispiel ruft dann gerne: "Du spielst wie ein Frisör." Unterm Strich empfinden wir den Altenkick aber als Jungbrunnen. Ich esse seither bewusster, um nicht mit einer dicken Plauze antreten zu müssen.

Bei allem Ehrgeiz, auf die Knochen zu kloppen kommt für mich nicht in Frage.

Als wir gegen Ashausen spielten fing einer von denen damit an. Die Burschen wollten die Klatsche etwas mildern, die sich abzeichnete, und noch ein Tor schießen. Es stand schon 6:2 für uns, da tickte einer aus und trat unseren Mittelfeldmann Torsten von hinten. Es gab ein Riesengebrüll. Und wenig später wollte ein Teil des Ashausener Teams aus Protest gegen eine Entscheidung des Schiris sogar den Platz zu verlassen. Sie haben es nicht gemacht.

Überhaupt Schiris. Vor dem Spiel gegen den ESV Maschen vermutete Thomas, unser Abräumer, dass dieser Schiedsrichter in der letzten Minute einen Strafstoß (Neunmeter) für die Heimmannschaft pfeifen würde, sollte es eng werden. Er hat das schon einmal mit dem Herrn erlebt. Genauso kam es. Es stand 4:3 für uns. Der Ball flog in unseren Strafraum, es folgte ein harmloses Gerangel, dann kam der Pfiff. Wir haben gekotzt, hätten den Kerl am liebsten auf die Gleise des nahen Rangierbahnhofs geschnallt und haben ihn übel beschimpft. Der Typ blieb cool und zeigte stoisch auf den Punkt. Dann geschah etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Der Schütze hat vorbei geschossen - ich glaube absichtlich, weil ein Unentschieden zu peinlich gewesen wäre. Wir haben ihm dafür auf die Schulter geklopft.

Was mit meinen Knien ist? Sieht besser aus.

Seit ich vor ein paar Wochen erstmals die vollen 70 Minuten durchgespielt habe (weil wir keine Auswechselspieler hatten), spüre ich nur noch wenig.

Stattdessen hatte ich eine Vorahnung, dass ich bald Opfer eines Fouls werden könnte. Die Steilvorlage dafür liefert mein Geburtstag. Zusammen mit dem Fußball-Comeback eine ideale Gelegenheit für meine Familie, um mich für all die Pöbeleien am Spielfeldrand büßen zu lassen.

Genau so kam es.

Mit süffisantem Lächeln in den Gesichtern wurde mir von Frau und Sohn ein weiches Päckchen überreicht. Für einen Moment dachte ich: Das wird doch keine Wärmeunterwäsche sein? Drin war ein weißes Fußballtrikot mit drei Aufdrucken, womit mir ein Spiegel vorgehalten werden sollte. Doch zwei davon sind eindeutig Komplimente, also Eigentore. Hinten steht groß "58" drauf. Das kann ja nur als Botschaft an meine Gegenspieler gerichtet sein: Achtung, der spielt wie ein junger Gott, ist aber in Wahrheit viel älter! Nicht anders verhält es sich mit dem Namenszug "Kaiser Franz" über der Nummer. Gut beobachtet, auch ich habe ein sensibles Füßchen.

Bleibt der Spruch auf der Brust, der mir das Maul stopfen soll. Dort steht: "Das darf ja wohl nicht wahr sein". Da ist etwas dran, denn seit dem letzten Spiel schmerzt wieder das rechte Knie und obendrein auch meine Bauchmuskulatur.

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