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"Bellstedt haut drauf" - Teil 11: Erlebnisse eines Pinkelprinzen

"Schöner als Sex". Wo kann man das schon fühlen, außer auf der Herrentoilette im Olympiastadion. Dumm nur, dass das Spiel weitergeht, während man noch mit dem Seifenspender ringt.

Neulich auf der Herrentoilette des Berliner Olympiastadions. Ja, Sie haben Recht, über die Notdurft im Stadion zu reden, das wird ein heikles Thema. Ich kann es Ihnen nicht ersparen. Also noch mal: neulich auf der Herrentoilette des Berliner Olympiastadions. Mein Nebenmann: "Dit is doch schöner wie Sex". Sein rechter Nebenmann: "Jenau, och ohne Prostata". Jetzt bin ich wohl an der Reihe: "Tolles Spiel unserer Mannschaft, oder Jungs?". Keine Reaktion, die beiden bierseligen 150-Kilo-Kolosse sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt und schnaufen fiebrig.

Bier will in die Freiheit

Na gut, auch wenn die Burschen mich ignorieren, sie sind mir doch irgendwie sympathisch. Weil sie klug sind, genau wie ich (glauben wir drei zumindest). Die beiden haben sich nämlich nicht die Halbzeitpause zum Budweiser-Lassen ausgesucht, sondern sind eben den entscheidenden Tick später los von ihren Plätzen, um den Super-Stau zu umgehen. Denn man muss wissen: In der Halbzeitpause drängelt sich das halbe Berliner Olympiastadion in genau einer Herrentoilette. Bleibt also nur, sich während des Spiels zur Örtlichkeit aufzumachen.

Draußen läuft gerade die 57. Minute als ich mich ordnungsgemäß zum Seifenspender begebe. Meine neuen Freunde, die nicht mit mir sprechen, sind immer noch kräftig am Pressen. Und da passiert es: 71.997 (72.000 passen rein) brechen in einen unbändigen Jubelsturm los. Lukas Podolski hat gerade für Deutschland im letzten Vorrunden-Gruppenspiel gegen Ecuador das entscheidende 3:0 erzielt. Toller Pelz, ich steh hier blöd aufm Klo rum, während Fußball-Deutschland gerade explodiert. 11Freunde-Herausgeber Philipp Köster hat das mal als "Tor-Toiletten-Theorem" bezeichnet.

Sandwich mit Doppel-Busserl

Das besagt: Es fällt immer dann ein Tor, wenn wir gerade erleichtert den Seifenspender betätigen. Dann rennen wir mit schaumigen Händen die Treppen hinauf, aber verpasst ist verpasst. Soweit kommt es bei unserer kleinen Herrentoiletten-Party allerdings nicht. Noch bevor ich überhaupt hygienisch tätig werden kann, haben mich die beiden Kerle ins Sandwich genommen. Wir machen zu dritt die Jubeltraube, jeder tätschelt jeden ins Gesicht. Es hilft nichts, da muss ich jetzt durch. Und während der eine bereits zum Bierholen abbraust, kreisen meine Gedanken mehr und mehr um den Seifenspender.

Der ist, Sie ahnen es vielleicht schon, natürlich leer. Wütend und hektisch versuche ich ein letztes Tröpfchen rauszuholen, vergeblich. Gut, dann eben nur mit Wasser. Die beiden mit der Sumo-Figur denken übrigens nicht mal im Entferntesten daran, auch nur irgendetwas anderes Fließendes außer Bier an sich heran zu lassen. Mir haben sie selbstverständlich keines mitgebracht. Jetzt aber wieder schnell auf die Plätze. Aber nicht ohne der Klofrau zwei Euro in die Schale zu legen und ihr vor Freude noch einen aufzudrücken. Genau das machen die beiden Übergewichte. Und ich? Zück die Börse, kram zwei Euro hervor, drück sie der verdatterten alten Dame in die Hand und deute zaghaft eine Umarmung an. Nächstes Mal geh ich doch in der Halbzeitpause.

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