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WM in Südafrika: Jeden Tag 50 Morde am Kap

2010 blickt die Fußball-Welt nach Südafrika. Doch drei Jahre vor der Weltmeisterschaft regiert am Kap die Angst. Laut einer Umfrage stieg die Kriminalität in den letzten Monaten stark an. Jeden Tag werden durchschnittlich 50 Menschen ermordet.

Südafrikas Kriminalstatistik ähnelt der Bilanz einer kriegerischen Auseinandersetzung. Jeden Tag werden in dem Kap-Staat im Schnitt 50 Menschen ermordet und 150 Menschen vergewaltigt. Und das sind nur die Fälle, die angezeigt werden - die Dunkelziffer ist nach Expertenmeinung viel größer. Nun beginnen selbst die an Schlimmes gewohnten Südafrikaner zu argwöhnen, dass die hohe Kriminalität im Lande das größte Problem bei der Fußball- Weltmeisterschaft 2010 werden könnte. Eine in dieser Woche veröffentlichte Umfrage des halbstaatlichen Sozialwissenschaftlichen Forschungsrates (HSRC) belegt die negative Stimmung im Land.

Im Vorfeld der in drei Jahren am Kap der Guten Hoffnung stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft lotet der Forschungsrat seit 2005 jährlich einmal die Gefühlslage von 3000 Südafrikanern aus. In der jüngsten Studie führt erstmals die Kriminalität die Liste der drängendsten Probleme vor dem Fußballfest an. Südafrikas Polizeichef Jackie Selebi konnte das schon bei einer Anhörung im Parlament nicht nachvollziehen. "Was soll die ganze Aufregung über Kriminalität und ihren Effekt auf die Fußball-Weltmeisterschaft angesichts der Tatsache, dass die Situation sich verbessert hat, seit Südafrika vor 12 Jahren den Rugby-Weltcup organisiert hat", sagte er. Die WM 2010 werde problemlos "kommen und gehen".

Kriminalität zerstört Touri-Image

Das sehen die Tourismusverbände des Landes anders. Der von den Medien stark beachtete Mord an dem renommierten Historiker David Rattray machte international Negativ-Schlagzeilen. Meldungen über einen Mord an einem Schweizer in Kapstadt oder einem Österreicher in Johannesburg, Überfälle auf deutsche Touristen in Durban oder auf britische Urlauber am Tafelberg trüben das Bild vom sonnigen Fernreiseziel mit wunderschönen Landschaften, freundlichen Menschen, kultureller Vielfalt und wilden Tieren. US-Botschafter Eric Bost warnte bereits Ende vergangenen Jahres, dass die hohe Kriminalität im Lande einen Großteil der 365.000 erwarteten WM-Besucher von einem Besuch am Kap fern halten könnte.

Der Mord an dem mit Prinz Charles befreundeten Historiker Rattray kam nur wenige Tage nach einer Kontroverse um öffentliche Äußerungen von Präsident Thabo Mbeki. Der hatte mit Blick auf das in Umfragen immer häufiger geäußerte Unbehagen der Bevölkerung gemeint: "Niemand kann zeigen, dass die überwältigende Mehrheit der 40 bis 50 Millionen Südafrikaner das Gefühl hat, das Verbrechen sei außer Kontrolle; niemand kann das, weil es nicht wahr ist!"

Weit verbreitete Unsicherheit und Angst

Mbeki verweist auf die seit dem Ende der Apartheid nach unten zeigende Tendenz in der Kriminalitätsstatistik. Was er nach Kritiker- Ansicht dabei zu erwähnen vergisst: Die bürgerkriegsähnlichen Zustände während des Zusammenbruchs der Apartheid Anfang der 90er Jahre sind nicht mit der aktuellen Situation im Land vergleichbar. Zudem liegen selbst die heutigen Werte - die von der Polizei ohne unabhängige Prüfung von außen erstellt werden - acht Mal über dem internationalen Durchschnitt.

"Was die Situation noch erschwert, ist die Tatsache, dass trotz sinkender Verbrechenszahlen die Gewaltbereitschaft zunimmt", erklärte Johan Burger vom Institut für Sicherheitsstudien. Mbeki, der die auch von der Afrikanischen Union (AU) kritisierte Gewalt im Lande als "Wahrnehmungsproblem" abtun möchte, wird auch von Umfragen immer wieder widerlegt. Quer durch alle Rassen weisen sie stets das gleiche Ergebnis auf: eine weit verbreitete Unsicherheit und Angst.

Ralf E. Krüger/DPA / DPA

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