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Wolfsburg vs. Schalke: Tor-Explosion in der Fußball-Provinz

Sieben Tore und ein furioser brasilianischer Torjäger: Nach dem spektakulären Sieg über Schalke träumen sie in Wolfsburg von der Champions League. Nur einer hat was dagegen. Trainer Felix Magath tritt auf die Euphorie-Bremse. Auf Schalke herrscht dagegen weiter sportliche Tristesse.

Von Tim Schulze, Wolfsburg

Als Felix Magath den Spieler des Abends kurz vor Ende der Partie auswechselte, brandete noch einmal Applaus durch die restlos ausverkaufte Volkswagen Arena. Frenetisch feierten die Wolfsburger Fans den brasilianischen Torjäger Grafite, denn der hatte in den zurückliegenden fast 90 Minuten die Gäste aus Schalke mit drei Toren fast im Alleingang abgeschossen. Ein ums andere Mal hatten er und sein kongenialer Sturmpartner Edin Dzeko die gegnerische Abwehr in höchste Nöte gestürzt. Das Team von Trainer Felix Magath zeigte während des spektakulären Torfestivals, warum es in der Bundeliga ganz oben mitmischt. Vier Tore standen am Ende für Wolfsburg zu Buche. Dass auch die Schalker drei Treffer markierten, störte die wie berauscht feiernden Fans in der Nordkurve herzlich wenig. In der Autostadt träumen sie jetzt von der großen, weiten Fußballwelt namens Champions League - oder vielleicht sogar von mehr.

Der strenge Trainer Felix Magath hat seinem jungen Team allerdings eine klare Linie eingeimpft: Tiefstapeln, abwiegeln und bloß nicht das "böse" Wort von der Meisterschaft in den Mund nehmen - auch wenn die Wolfsburger zumindest für einen Tag Tabellenzweiter sind. Als Grafite später den zahlreichen Journalisten Rede und Antwort stand, gab sich der Brasilianer höchst bescheiden: "Unser Ziel ist weiter der fünfte Platz", ließ er Keeper Diego Benaglio übersetzen. "Es ist zu früh, um von der Meisterschaft zu reden. Wir halten die Füße auf dem Boden." Außenbahn-Turbo Marcel Schäfer formulierte es so gestochen scharf wie er seine Flanken schlägt: "Wir hüten uns davor, unsere Ziele neu zu definieren." Aber auf eines ist der überragende Grafite dann doch ein bisschen stolz. Mit jetzt 17 Toren in 15 Spielen hat er Diego Klimowicz als erfolgreichsten Wolfsburger Torschützen abgelöst.

Bei Felix Magath kann man den Eindruck gewinnen, dass ihm Fußball-Spektakel wie an diesem Abend überhaupt nicht in den Kram passen. Fast mürrisch und gebetsmühlenartig betonte er nach dem Spiel, dass sein Team schließlich in einem Heimspiel drei Tore kassiert habe: "Wir haben eine der jüngsten Mannschaften der Liga, wir sind zu grün für den Titelkampf". Trotzdem führt kein Weg daran vorbei: Der VfL Wolfsburg präsentierte sich gerade in der Offensive wie ein echter Titelkandidat.

Wolfsburger "anfangs gehemmt"

Grafite und Edin Dzeko, der das wichtige Tor zur 2:1-Führung kurz vor der Halbzeitpause erzielte, bilden aktuell das beste Sturmduo der Liga. Bedient von Spielmacher Zvjezdan Misimovic zerlegten sie die Schalker Abwehrreihen phasenweise in ihre Einzelteile. Nur in den ersten 20 Minuten war Schalke überlegen, während die Wolfsburger "anfangs gehemmt" (Magath) agierten. Aber der frühe Rückstand durch das Traumtor von Heiko Westermann verhinderte nicht, dass die Gastgeber ihre Offensiv-Maschine anwarfen. Als Grafite im Strafraum von seinem überforderten Gegenspieler Mladen Krstajic gelegt wurde und den folgenden Elfmeter gleich selbst verwandelte, war es vorbei mit der Herrlichkeit in Königsblau. In der zweiten Halbzeit sorgte Grafite mit seinen Toren zwei und drei für die Entscheidung. Schalke konnte zwar immer wieder verkürzen, weil Wolfsburg fahrlässig in der Defensive agierte. Aber das Torverhältnis gab nicht die wahren Machtverhältnisse auf dem Platz wider. Gegen die geballte Offensivpower der Niedersachsen war kein Kraut gewachsen.

Die Wolfsburger müssen sich jetzt mit dem Luxusproblem herumschlagen, dass ihre guten Ergebnisse nicht zu hohe Erwartungen schüren. Beim Traditionsclub aus dem Revier kennen sie das. Dort sind die Erwartungen der Fans immer gewaltig. So war Trainer Fred Rutten darum bemüht, die Niederlage seiner Mannschaft in ein rechtes Licht zu rücken: "Man kann gegen eine sehr gute Mannschaft im Auswärtsspiel verlieren." Was soll er auch sagen? Der Niederländer ist dieser Tage nicht um seinen Job zu beneiden.

Krise ist Normalzustand

Über weite Strecken der Partie spielte sein Team harmlos und ohne spielerische Klasse. Dafür scheint nach der Entlassung von Manager Andreas Müller die Stimmung unter den Fans wieder besser zu sein. Sie sangen tapfer gegen die Jubelgesänge der Wolfsburger Anhängerschaft an und feierten ihr Team. Aber das alte Problem in Königsblau bleibt: Seit der Entlassung des erfolgreichen Mirko Slomka reden sie davon, dass sich die Mannschaft spielerisch weiter entwickeln müsse. Passiert ist in dieser Hinsicht nichts. Schalke bleibt im Mittelmaß gefangen. Die Krise ist mittlerweile Normalzustand - und ein Ende ist nicht in Sicht. Felix Magath wurde zwar nicht müde zu betonen, dass die Ausfälle des Gegners, wo Torwart Manuel Neuer und Abwehrchef Marcelo Bordon nicht auflaufen konnten, einen großen Vorteil für sein Team bedeutet hätten. Aber das war nur wieder taktische Tiefstapelei. Sicher ist im Moment nur: Die Wolfsburger spielen so erfolgreichen Fußball wie es sich die Schalker sehnlichst wünschen. Das weiß auch Magath.

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