Peking-Skizzen, Teil 19 Frisch und frei mit Tai Chi


Tai Chi - eine Wohltat für Geist und Körper. Habe ich zumindest gehört. Das ideale Mittel, um nach den anstrengenden Tagen in Peking wieder fit zu werden. Also am letzten Olympia-Tag schnell noch in den Park zum Tai Chi. Dort trifft man erstaunlich sportliche Senioren.
Von Jens Fischer, Peking

Sonntag ist mein letzter Tag bei den olympischen Spielen in Peking. Am Montag steige ich ins Flugzeug Richtung Heimat. Ich habe während der olympischen Spiele wirklich viel erlebt. Bei Land und Leuten und natürlich auch bei den vielen Sportveranstaltungen, die ich besucht habe.

Die Philosophie des inneren Ausgleichs

Heute Morgen kommt aber noch einmal eine völlig neue Erfahrung dazu. Sozusagen eine übernatürliche, eine spirituelle, ein Erleben, das Körper und Geist in Einklang bringen soll. Behauptet man zumindest. Ich spreche von Tai Chi, der Philosophie des inneren Ausgleichs, einer Form der inneren Kampfkunst.

Ich bin extra um halb sechs Uhr morgen aufgestanden, um einen dieser Orte zu besuchen, wo speziell die alten Pekinger Frühsport betreiben. In einem wunderschönen Park am Tempel des himmlischen Friedens treffe ich gegen sechs Uhr ein. Aber da bin ich nicht der einzige. Wie Ameisen strömen die älteren Herrschaften aus den Bussen und Bahnen mit dem Ziel, sich fit zu halten und auf den Tag einzustimmen. Und sie haben die unterschiedlichsten Sportgeräte im Gepäck.

Erstaunliche Senioren-Jogger

Bälle, Tennisschläger, Federball-Schläger, Jonglier-Gerät, Gymnastikbänder - das halbe Sportgeschäft haben sie dabei. Im Park angekommen kommen mir schon die ersten Senioren-Jogger entgegen. Aber was für welche: Extrem durchtrainiert und mit keinem Gramm Fett am Körper. In einer Geschwindigkeit, da hat jeder 20-Jährige Probleme mitzuhalten. Wirklich beeindruckend.

Als ich tiefer vordringe, höre ich Schreie. Ich bin kurz davor, die Polizei zu alarmieren, als ich feststelle: Hier schreit nicht Einer, aus allen Ecken sind sie zu hören. Und dann sehe ich ihn: Er steht mitten auf einer Lichtung und brüllt, was das Zeug hält. Aber er wirkt sehr entspannt dabei. Dieser Mann stöhnt seinen ganzen Frust und Ärger hinaus in die Welt, bloß nichts drinnen lassen, was krank macht. Dazu macht er komische Verrenkungen, gaaanz langsam, gaaanz ruhig, nur nichts überstürzen. In der Ruhe liegt die Kraft.

Paartanz für Fortgeschrittene

Ich gehe weiter. Da wird Tennis gespielt - ein älterer Mann haut seiner Frau über ein gespanntes Seil die Bälle um die Ohren -, dort ein wenig Federball. Und da: Tanztee! Da muss ich hin. Paartanz für Fortgeschrittene mit einer Trainerin, die es wirklich Ernst meint. Sie verbessert, korrigiert und lässt nur wenig gelten. Sie sucht das perfekte Paar. Leider kann ich nicht bleiben, ich muss weiter auf meiner Suche nach Ruhe und frischer Kraft.

Und da hinten ist es endlich soweit: Tai Chi. Eine ganze Gruppe hat sich zusammengefunden und einen Trainer gibt es auch. Ich mache mit. Meine ersten Bewegungen sind hektisch, viel zu schnell, irgendwie kann ich nicht richtig abschalten. Kein Wunder, bei dem Stress der vergangenen Tage. Jetzt beruhige dich doch, denke ich mir, langsamer, so wie die Anderen. Nach einer Weile geht es besser. Ich werde ruhig und mir geht es gut dabei. Endlich abschalten, eine Wohltat für meinen geschundenen Geist.

Als ich den Tai-Chi-Kurs verlasse, geht es mir besser. Den letzten Tag hier in Peking werde ich gut überstehen, da bin ich mir jetzt sicher. Noch schnell an den Kartenspielern vorbei und Richtung Ausgang - auf in den Tag. Ich freue mich darauf. Und natürlich auf zu Hause.


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