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Hier spricht China, letzter Teil: Das Gesicht ist gewahrt

Olympia ist vorbei - Zeit für eine Rückschau. Während in China das Echo überschwänglich ausfällt, blickt man in Deutschland mit eher zwiespältigen Gefühlen auf die Ereignisse in Peking zurück. Hier zieht unsere Kolumnistin Yuanchen Zhang ihre ganz persönliche Bilanz.

16 Tage Dauernervensägen, endlich sind die Olympischen Spiele in Peking vorbei. Die Chinesen - sowohl das Volk, als auch die Regierung - haben sich unglaublich Mühe gegeben für das Großereignis. Was sie am Ende jedoch bekommen haben von den westlichen Staaten wie Deutschland, ist eher zweifelnde Kritik als herzliches Lob.

Man versteht in diesen Ländern nicht, warum die Chinesen eine so emotionslose Masseninszenierung auf der Eröffnungsfeier lieferten? Warum waren die Sicherheitsmaßnahmen überall präsent? Warum musste man die Jubelregeln sogar lernen? Warum wollte China unbedingt die meisten Goldmedaillen gewinnen? Warum schickt China die Kinderturner zum erbarmungslosen Drill? Warum wurden so vielen Fabriken in kurzer Zeit geschlossen? Warum sah man keine Kinder, keine Behinderten in der Nähe des Nationalstadiums?

Nur eine perfekt inszenierte Show?

Angesichts dieser vielen Fragen scheinen die Olympischen Spiele für viele ausländischen Beobachter vor allem eine perfekt inszenierte Show gewesen zu sein - Peking in Hochglanz nur für diese kurzen 16 Tage.

Wenn man zu dem Anschein unbedingt eine Erklärung finden muss, dann ist die Antwort aus meiner Sicht einfach. Es liegt wohl an unserem Gesichtsproblem.

Haben wir Chinesen ein Problem mit dem Gesicht? Ja, schon seit tausend Jahren. Natürlich ist Gesicht als eine Metapher zu verstehen. Es kann etwas Peinliches bedeuten, oder auch etwas Ehrenhaftes. Das Gesicht zu wahren, bedeutet, dass man die Peinlichkeit für sich behält und nicht einen anderen davon wissen lässt. Wenn man dies getan hat, dann verliert man sein Gesicht. Scheidungen gelten zum Beispiel als Gesichtsverlust, oder auch wenn ein Kind schlechte Schulnoten bekommt. Das gehört zu den Sachen, die man nicht unbedingt einem anderen mitteilen muss.

Die Gesicht-Metapher benutzt man nicht nur in der alltäglichen Kommunikation, sondern auch für große öffentliche Projekte. Auch eine Architektur, die mehr symbolische Bedeutung enthält als praktische, wird ironischerweise als „mianzi gong cheng“, ein „Gesicht-Projekt“, bezeichnet. Wenn das private Leben schief geht, dann verliert man sein eigenes Gesicht. Wenn das staatliche Projekt schief geht, dann verliert das ganze Land sein Gesicht, so lautet die Philosophie.

Waren die Olympischen Spiele nun ein Gesicht-Projekt? In China sprach man oft von Hundertjahre-Spielen, denn Gastgeber zu sein, passiert nicht oft. England war zum Beispiel im letzten Jahrhundert nur zwei Mal Gastgeber, 1908 und 1948. China hat wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten wenig Chancen. Als Gastgeber sahen viele Chinesen die Olympischen Spiele als eine einzigartige Gelegenheit, ein schönes Gesicht Chinas zu präsentieren.

Das erklärt einiges, was geschehen ist. So durfte die Hälfte der Autos während der Spiele in Peking nicht fahren, weil sonst die Luft zu schlecht und der Verkehr zu eng gewesen wäre. Die Eröffnungs- und die Abschlussfeier mussten perfekt inszeniert werden. Nur ein hübsches Mädchen durfte bei der Eröffnungsfeier auftreten und das Lied mit der Stimme eines anderen singen. Und auch der Platz eins auf dem Medaillenspiegel hat dem Gesicht Chinas Glanz beschert. Das Aufgeben von dem Hürdenläufer Liu Xiang wurde von manchen Leuten wiederum als Gesichtsverlust beschimpft.

Bloß nicht vor dem Ausland das Gesicht verlieren

Eigentlich kritisieren viele Chinesen, besonders die wohlhabende Mittelschicht, die Kommunistische Partei und die Regierung oft. Viele sind besorgt über die Umweltverschmutzung, Inflation, die hohen Preise der Immobilien in den Großstädten. Man weiß ebenso, dass der Himmel in Europa blauer ist als in Peking. Aber wenn es um ein Großereignis wie die Olympischen Spiele geht, bleiben das Volk und die Regierung unter sich. Das Ziel war: das schöne Gesicht Chinas zu zeigen und sein Gesicht vor Ausländern nicht zu verlieren.

Besonders der Gesichtsverlust vor Ausländern gilt als sehr peinlich und unerträglich. China ist da wie eine große Familie. Die Partei ist das Oberhaupt, und alle anderen sind Familienmitglieder. Diese Familie hat Probleme, die aber nur unter den eigenen Familienmitgliedern diskutiert und gelöst werden müssen. Man darf die Probleme nicht einem anderen verraten, und man mag es auch nicht, dass sich die anderen in die Familienangelegenheit einmischen. Genauso funktionierten auch die Olympischen Spiele in China. Alle machten etwas dafür, und die Probleme sollte man verstecken.

Wenn man jetzt darüber redet, ob Olympia ein Erfolg war oder nicht für China, dann muss man sich fragen, ob das chinesische Volk sein Gesicht vor der Welt verloren hat. Die Antwort ist: Nein, ganz bestimmt nicht. Das ist das Wichtigste für China.

Wie es mir persönlich dabei ging? Ehrlich gesagt, habe ich dafür kein Gefühl. Allen Lesern möchte ich zum Abschluss meiner Kolumnen aber eines sagen: Danke für Ihr Interesse! Es hat mich sehr gefreut, Ihnen ein bisschen die Gedankenwelt der Chinesen erklären zu dürfen.

Ihre Yuanchen

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