Imke Duplitzer "Lesbische Sportlerinnen werden als Bedrohung empfunden"


Hochleistungssport und offen homosexuell - geht das? Klar. Das zeigt Fechterin Imke Duplitzer seit 22 Jahren. Im Interview mit "Jung und Naiv" spricht sie über das homophobe Sportsystem.

Homosexualität im Sport war vor den Olympischen Spielen in Sotschi ein großes Thema. Wie würden die russischen Veranstalter oder das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagieren, wenn sich Sportler outen? Oder aber die Plattform nutzen, um gegen die homophoben Gesetze in Russland zu protestieren - wie bei der Leichtathletik-WM in Moskau im vergangenen Sommer? Bislang geschah nichts dergleichen.

Das verwundert Imke Duplitzer nicht. Das Sportsystem - sowohl das deutsche als auch das internationale - ist in Teilen homophop, sagt die Fechterin im Gespräch für "Jung & Naiv" mit Tilo Jung (hier können Sie das Videointerview sehen).

Imke Duplitzer spricht aus Erfahrung. Sie ist lesbisch und war bereits fünfmal bei Olympischen Spielen. Warum ein Coming-Out - nicht nur, aber gerade auch - im Hochleistungssport schwierig ist, warum sie als IOC-Funktionärin nie eine Chance haben wird, und warum IOC-Präsident Thomas Bach für sie kein Vorbild ist, erklärt sie im Interview.

Tilo Jung: Bist du jetzt auch bei den Winterspielen in Sotschi dabei?

Imke Duplitzer: Nein, Fechten ist eine Sommer-Sportart.

Ja, aber ich habe von Jens Weinreich gelernt: Das sind ja quasi Sommerspiele, was da in Sotschi so stattfindet, weil es ist ja so eine Sommerresidenz.

Ja, es ist eine Sommerresidenz. Also ursprünglich war es ja auch mal als Sommerresidenz von Wladimir Putin geplant. Und damit er da Infrastruktur drum herum gebaut hat, hat er dann irgendwann mal gesagt: "Da möschte isch Olympische Spiele haben." Und hat sich die ja dann mit Gazprom und ein paar anderen Kumpels dann quasi gesichert.

Ist das schlimm?

Naja, die grundsätzliche Idee von Olympischen Spielen soll ja eigentlich eine andere sein. Es soll ja für die Athleten sein und nicht für die Industrie. Das hat ja der Jens auch erzählt, dass da jede Menge Geld versickert ist ... Und es ist ein bisschen idiotisch, Winterspiele in einem russischen subtropischen Badeort zu machen, der – wenn man das jetzt mal auf europäische Dimensionen schiebt – auf der Höhe von Nizza liegt. Also in Nizza würde auch keiner auf die Idee kommen zu sagen: 'Wir machen da Winterspiele und bauen dann für ganz viel Geld eine Schnellbahn in die französischen Alpen hoch.' Das würde auch keiner machen. Aber in Russland ist das möglich.

Vielleicht haben die einfach andere Vorstellungen. Vielleicht wissen die es besser.

Mmh, wahrscheinlich. Also man geht ja so ein bisschen davon aus, dass man auch gesagt hat, dass eben Wladimir Putin der größte, stärkste und beste Mensch der Welt ist.

Und Sexieste!

Und Sexieste! Wenn er so auf seinem nackten Pferd, ähh... er auf dem Pferd mit nacktem Oberkörper …Ich habe eigentlich gedacht, dass er die olympische Flamme entzündet. Das wäre auch ein Hingucker gewesen. Aber ich glaube, da hätte er mit seinem eigenen Homophobie-Paragrafen Ärger gekriegt. Eigentlich hätten die Olympischen Winterspiele nach Sibirien gepasst ... Das weiß ja jeder, dass es da kalt ist. Aber bei ihm sollte es wohl so sein: die Flamme musste vom tiefsten Punkt des Meeres oben ins All fliegen und das die tollsten Winterspiele aller Zeiten werden. Deshalb kann man die auch in einem subtropischen Badeort machen. Das kann nicht jeder!

Sind es denn die Tollsten?

Was ich bisher so höre, auch von Leuten, die vor Ort sind, ist es etwas steril. Also die Atmosphäre ist jetzt nicht so wie bei vielen anderen Olympischen Winterspielen oder Olympischen Sommerspielen ... Man hat den Eindruck, weil es noch Baustelle ist, dass man in einem noch nicht ganz fertig gestellten Shoppingcenter unterwegs ist.

Darf man über Putin straffrei reden ? Nur wenn wir ihn als schwul bezeichnen würden, das wäre eine Straftat?

Nein. Das wäre wahrscheinlich sowieso eine Straftat, denn da würde er sich beleidigt fühlen. Aber es gibt ja mittlerweile eine Putin-Biografie, in der gemutmaßt wird, dass er vielleicht selber dem männlichen Geschlecht nicht so ganz abgeneigt ist.

So auf die Art: Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche?

Ja, so in der Art. Ich habe mit ein paar Leuten Kontakt vor Ort. Wenn zwei Sportlerinnen oder zwei Sportler sich mal näher kommen, dass dann immer so ein bisschen komisch geguckt wird. Es ist jetzt nicht wirklich so eine Stimmung, bei der Partyatmosphäre aufkommt.

Ich würde ja auch komisch gucken, weil ich noch nie homosexuelle Sportler gesehen habe ... Die gibt es doch gar nicht!

Doch, die gibt es schon. Mich zum Beispiel... ich lebe mit einer Frau zusammen. Die Silbermedaillen-Gewinnerin im Skifliegen, die Österreicherin, die hat letztes Jahr im Sommer sogar ihre Lebensgefährtin geheiratet. Da gibt es schon einige. Barack Obama ist nicht zu den Olympischen Spielen hingefahren, weil er dieses Gesetz relativ blöd findet und er hat zum Beispiel eine ehemalige Tennislegende als Delegationsleitung ernannt, Billie Jean King, die lebt auch offen mit einer Frau zusammen. Das wurmt den Putin ganz schön.

Man weiß doch, dass er gegen Schwule ist, warum schickt man dann homosexuelle Sportler dahin?

Einfach um zu zeigen...

... das wäre ja, als wenn Gauck dich hinschicken würde.

Die Möglichkeit gab es ja auch. Es gab Leute, die gesagt haben: Dann schickt doch einfach die Imke Duplitzer und die Steffi Jones hin. Die Steffi Jones wird im Sommer ihre Lebensgefährtin heiraten – so viel zum Thema homosexuelle Fußballspielerinnen oder Sportlerinnen. Die Idee ist bloß bei der deutschen Delegation nicht ganz so dolle angekommen. Dahinter steckt die Idee, dass man einfach einräumt: Ja, es gibt homosexuelle Sportler, ja, es gibt Homosexualität. Das sind riesengroße Sport-Ikonen und tolle Talente und tolle Menschen. Genau aus dem Grund schicken wir sie dahin, um einfach ein Zeichen zu setzen, dass wir die Behandlung von Homosexuellen in Russland nicht tolerieren und nicht gut finden.

Können wir mal ganz kurz klären: Hat die Sexualität irgendeine Auswirkung auf die sportliche Leistungsfähigkeit?

Nein! Definitiv nicht.

Aber hören wir nicht immer: Fußballer, wenn die schwul sind, die können nicht so gut sein. Boxer können nicht so gut sein. Footballspieler können nicht so gut sein?

Ich habe ja drei Beispiele genannt. Thomas Hitzlsperger ist in der englischen Premier League für seinen Hammerschuss bekannt gewesen. Deshalb hat man ihn "The Hammer" genannt. Wir haben einen homosexuellen Boxer, ich glaube, Puerto Ricaner ist er, der hat die meisten Knock-outs in seiner Gewichtsklasse. Und wir haben genug Athleten, die einfach beweisen, dass diese Stereotypen nicht stimmen. Das ist bloß ein Vorurteil. Es klingt wie: Wenn man schwul ist, wird man Eistänzer, weil das was mit Ausdruck zu tun hat. Das ist ein gesellschaftlich sehr weit verbreitetes Vorurteil.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Imke Duplitzer ihr Coming-out im Hochleistungssport erlebte.

Wie kommt das?

Gerade im Sport ist es einfach so ein Thema mit Frauen, also mit Lesben. Es gab im Spiegel einen sehr interessanten Artikel, dass sich Athletinnen nicht über ihre Leistung, sondern über ihre Sexiness vermarkten müssen.

Hast du "müssen" gesagt?

Ja, müssen. Es ist wirklich so. Und das ist gerade im Leistungssport so eine Sache, dass du einem gewissen Stereotyp entsprechen musst. Sport und Sexualität sind zwei sehr, sehr körperliche Sachen. Dementsprechend liegt es nahe, dass eine von der Norm abweichende Sexualität als sehr bedrohend empfunden wird. Auch bei Frauen. Sport ist körperbetont. Viele Vermarktungsgeschichten sind sehr männerdominiert. Es gibt sehr, sehr wenige Frauen, die über Sponsoring oder über Marketing entscheiden. Und bei Männern gibt es dieses unterschwellige: "Die ist ja lesbisch... wuarr, das ist ein bisschen komisch." Im Deutschen Haus hat mal einer im Suff den Arm um mich drum gelegt und gesagt "Mensch Imke...", ich kannte ihn gar nicht und dachte mir: Wer bist denn du?, "Isch wollde dir mal sagn, für 'ne Lesbe siehst du verdammt gut aus." Da stehst du im ersten Moment erst mal da und denkst ...

… ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung?

… genau. Es ist natürlich nie offen ein Thema, das wäre ja uncool. Früher konnte man sagen, ja man hat Probleme damit. Das Problem ist, dass unsere Gesellschaft manchmal toleranter tut, als sie es wirklich ist. Wenn man sich diese Diskussion um den Bildungsplan in Baden-Württemberg anguckt, wo es darum geht, im Schulbildungsplan zu verankern, dass es so etwas gibt wie sexuelle Vielfalt, dass es Heterosexualität gibt, Homosexualität gibt, Transsexualität gibt, Intersexualität gibt.

Da habe ich gehört, wenn so etwas gelehrt wird, dann kommen die Kinder auf Ideen und werden dann transsexuell, homosexuell. Ist das richtig?

Nein, das ist nicht richtig. Ich bin, wie ich bin. Irgendwann mal, als ich angefangen habe, mich für andere Menschen etwas intensiver zu interessieren, da habe ich halt festgestellt, dass Jungs mich nicht so interessieren, sondern dass ich Mädchen ein spannenderes Thema fand.

Dann hast du dir das ausgesucht, oder wie war das?

Das war einfach so. Irgendwann stellst du fest: Ne, mit Jungs, das ist jetzt nicht so meins! Das fängt schon damit an, die riechen manchmal ein bisschen komisch. Frauen rochen einfach besser. Und das entwickelte sich einfach so. Gerade diese Menschen, die behaupten, wenn man das im Lehrplan den Jugendlichen und den Kindern erklärt: "Oh, da werden die lesbisch oder schwul oder intersexuell"... Das stimmt nicht! Man muss sich das jetzt nicht so vorstellen, als ob ich durch den Supermarkt der sexuellen Möglichkeiten gelaufen wäre und am Regal der Frühstücksflocken gebremst und gesagt hätte: Mmmmh, heterosexuell schmeckt mir heute Morgen mal nicht so, ich mach' mal einen auf homo oder auf inter oder auf trans. Und vielleicht morgen, wenn ich durch den Supermarkt gehe, mache ich vielleicht mal etwas anderes. Es gibt mit Sicherheit eine Phase, in der Jugendliche einfach auch mal etwas ausprobieren und gucken, wie ist das denn, als Mädchen ein Mädchen zu küssen oder so ... Nach dem Genuss von – bitte tut's nicht – zehn Bier oder fünfzehn Bier. Also Alkohol ist schlecht.

Geständnisse, Geständnisse.

Ich erinnere mich, als ich eben an den Punkt kam, dass ich gedacht habe: Mmh, ich stehe vielleicht lieber auf Mädchen ... Das war damals in einer schwäbischen Kleinstadt und es war unglaublich schwierig, ein Rollenvorbild zu haben, weil du schon alleine gelassen bist. Bei uns gab es damals im Religionsunterricht so ein Arbeitsbuch. Da gab es eine Seite, da ging es um Homosexualität. Und ich habe wirklich drei Wochen lang dieser Seite entgegengefiebert. Und als sie kam, haben wir Singstunde gehabt. Und dann habe ich mich ganz schwer beschwert bei unserem Religionslehrer und der kriegte dann so ein bisschen Zuckungen, wurde rot und meinte dann: "Ja, das Thema hat in der Schule nichts zu suchen!" Und da habe ich gedacht, naja gut. Mich hätte es damals gefreut, einfach ... Sozusagen als anfangende Homosexuelle einfach mal zu erfahren, was ist denn das, um was geht's denn da, wie setzt sich das zusammen? Und ich finde es sehr schade, dass das Thema immer so abgebügelt wird. Das gibt's nicht, das geht nicht. Da darf nicht darüber geredet werden. Es gibt Homosexualität! Es gibt Regenbogenfamilien. Es gibt Kinder, die haben zwei Mütter. Es gibt Kinder, die haben zwei Väter. Das ist mittlerweile gesellschaftliche Realität.

Ich habe letztens mit einem CDU-Bundestagsabgeordneten geredet, der meinte, so etwas solle nicht sein. Dass du und deine Freundin oder deine Frau ein Kind adoptierst, wegen der armen Kinder!

Ich glaube, ich weiß, wen du meinst. Es ist lustig, weil dieser Bundestagsabgeordnete komischerweise auch meine Lebensgefährtin kennt. Er weiß aber nicht, dass sie mit mir zusammen ist. Also das ist sehr lustig. Wie gesagt, das sind so Geschichten, so kleine Bonmots am Rande.

Kleine Welt.

Jaja, die Welt ist klein. Das sind aber so Sachen, wo man einfach sagt: Jetzt stellen wir uns mal ganz dumm! Also ich bräuchte ja kein Kind zu adoptieren, sondern ich könnte für 299 Euro einen Flug nach Malle kaufen, da dann fünf Eimer Sangria in den Kopf hauen und mir dann so einen netten Typen wie dich suchen ...

Und dich schwängern lassen!

Genau. Und würde mir ein Kind machen lassen. So, dann kann ich mich entscheiden, ob ich dann sage, ich bin jetzt alleinerziehend oder ob ich mit einer Frau zusammenlebe oder ob ich dich jetzt zum Beispiel nach Hause nehme und wir zu Hause ... Ich glaube, dem Kind ist das herzerfrischend egal, mit wem es dann aufwächst. Weil Rollenvorbilder, männliche wie weibliche, gibt's in unserer Gesellschaft mittlerweile wie Sand am Meer. Und da es Regenbogenfamilien seit mindestens zwanzig Jahren in Deutschland gibt, müssten wir jetzt einen Anstieg der Kriminalität von deutschen Jugendlichen feststellen, bei den Kindern aus den Regenbogenfamilien, die verzweifelt, ohne soziale Kontakte ...

… verdorben sind.

Genau, völlig verdorben sind und keinerlei moralische Maßstäbe haben.

Die werden dann ja auch homosexuell, oder?

Also bei den vier Familien, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen Kinder haben ... Die sind komischerweise alle heterosexuell geworden. Ich weiß nicht, was die falsch gemacht haben, in der Erziehung. Also wir waren alle sehr bestürzt, als der Sohn von Bekannten von mir mit 15 das erste Mal nach Hause kam und ein Mädchen an der Hand hatte. Da ist für uns fast die Welt zusammengebrochen! Also wir haben wirklich vier Tage lang ernsthaft überlegt, wie wir diesem Kind sagen können: Du, das geht gar nicht! Das machen wir bei uns nicht, in unserer gesellschaftlichen Ecke. Wir haben alles getan, dass der Junge schwul wird, aber wir haben es einfach nicht geschafft.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Interviews, warum Thomas Bach für Imke Duplitzer kein Vorbild ist und wo das Sportsystem homophob ist.

Interview: Tilo Jung

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