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Historische Bob-Pleite bei Olympia: "Wir sind hier im Trabi unterwegs"

Bobfahren ist auch eine Materialschlacht. Die haben die deutschen Piloten in Sotschi deutlich verloren. "Etwas peinlich" nannte Weltmeister Francesco Friedrich das schlechteste Abschneiden seit 1956.

Bei ihrer historischen Pleite fühlten sich die deutschen Zweierbob-Piloten wie im "Trabi", der einem Ferrari hinterherzockelt. Mit unterlegenem Material erreichte Weltmeister Francesco Friedrich im Sanki Sliding Center nur den miserablen achten Rang und fuhr damit das schlechteste Olympia-Ergebnis seit 58 Jahren ein. Dem 23-Jährigen fehlten am Montag bei den Winterspielen von Sotschi 1,46 Sekunden auf den überlegenen Triumphator Alexander Subkow aus Russland. "Das ist schon etwas peinlich", sagte Friedrich und stimmte in die deutliche Materialdebatte ein. "Wir haben am Start alles gegeben, wir sind in der Bahn teilweise super gefahren, aber mehr konnten wir aus dem Schlitten nicht rausholen."

Auch Thomas Florschütz auf Platz elf und Maximilian Arndt als 15. konnten die Erwartungen vor den Augen von IOC-Präsident Thomas Bach nicht erfüllen. Die zunächst verhaltene Kritik am Schlittenbauer verschärfte sich nach dem finalen Lauf im Ton. "Das war heute ein Trabi. Es ist eindeutig eine Materialgeschichte", betonte Florschütz-Anschieber Kevin Kuske. "Es liegt logisch auf der Hand, dass wir heute im falschen Gerät sitzen."

Chefcoach Langen fassunglos

Auch Cheftrainer Christoph Langen klagte über das Fahrgerät. "Wir haben alles probiert, wirklich alles, um auf Geschwindigkeit zu kommen. Hier wird es offensichtlich, wir haben das intern schon gewusst." Langen verfolgte zunächst fluchend die Leistungen seiner drei Piloten und reagierte fassungslos. Erstmals seit 1994 blieben die Zweierbobs ohne olympische Medaille, zuletzt lief es 1956 mit dem achten Platz von Andreas Ostler so schlecht wie jetzt in Sotschi. "Es hat alles nicht auf den Punkt gepasst. Es ist wichtig, dass der Verband und (Schlittenbauer) FES die Streitereien beilegen", forderte Arndt.

Zuletzt hatten Christoph Langen und André Lange drei Olympiasiege in Serie gefeiert. Jubel herrschte nun beim Gastgeber über das fünfte Gold der Spiele. Nach Rang drei in Vancouver und Rang zwei im Viererbob in Turin feierte Subkow endlich seinen lange herbeigesehnten Olympiasieg. Zweiter wurde der Schweizer Beat Hefti vor dem US-Piloten Steven Holcomb.

Frühzeitig vergeblich gewarnt

Bei den Deutschen gab es dagegen nur ratloses Kopfschütteln. Friedrich hatte im Vorjahr bei der WM in St. Moritz noch die komplette Weltelite düpiert, konnte sich aber auch zum Abschluss mit Anschieber Jannis Bäcker nicht mehr nach vorne arbeiten. Florschütz hatte mit dem viermaligen Olympiasieger Kuske keine Chance. Viererbob-Weltmeister Arndt erging es mit Alexander Rödiger noch schlimmer.

Für den routinierten Florschütz war das Olympia-Rennen nur ein Spiegelbild des durchwachsenen Weltcup-Winters. "Ich habe frühzeitig in der Saison warnend den Finger gehoben. Aber das wurde kleingeredet. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen", sagte er und setzte nun auf die nächste Chance am Samstag. "Dennoch wollen wir uns hier noch teuer verkaufen und im Viererbob-Rennen alles besser machen. Ich glaube auch, der Vierer liegt uns besser, das hatten wir zuletzt ja gesehen."

Diskussion mit Materialschmiede FES

Der von viermal Rodel-Gold verwöhnte Thomas Schwab, Sportdirektor des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), zeigte sich von den Leistungen ebenfalls nicht überrascht: "Unsere interne Erwartungshaltung ist etwas geringer als in der Öffentlichkeit wahrgenommen, weil wir die Dinge schon über den ganzen Winter erkennen."

Der Verband verdeutlichte die Kritik am Schlittenbauer des Zweierbobs 208. Es werde eine "breite, aber faire Diskussion" mit der Materialschmiede FES geben, kündigte Schwab an. "Letztendlich sind die Schlitten immer ein Partnerprodukt, wenngleich nicht immer alles so umgesetzt wird, wie sich der Verband das vorstellt."

Material wieder auf Vordermann bringen

Der Verbesserungsbedarf soll nach den Sotschi-Spielen besprochen werden. "Wir werden schauen, dass wir unser Material für die nächste Saison und den nächsten olympischen Zyklus wieder auf Vordermann bringen", meinte Schwab.

Das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin gilt als Deutschlands Bob- und Schlittenbauer Nummer eins. "Natürlich sind auch wir an einer tiefgründigen und detaillierten Analyse interessiert. Wir wollen ja auch wissen, wo das Problem herkommt", sagte FES-Direktor Harald Schaale. Schon im Skeleton hatte es Unstimmigkeiten gegeben.

Frank Kastner und Manuel Schwarz/DPA / DPA

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