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Nach Olympia-Drama Warum der Moderne Fünfkampf die Würde der Pferde verletzt

Fünfkämpferin Annika Schleu steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, als sie ihr Pferd mit Sporen und Peitsche traktiert, um es zum Springen zu bewegen
Fünfkämpferin Annika Schleu steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, als sie ihr Pferd mit Sporen und Peitsche traktiert, um es zum Springen zu bewegen
© Marijan Murat / DPA
Pferde müssen freiwillig springen. Wenn sie nicht wollen, ist der Mensch machtlos. Journalistin Gabriele Pochhammer berichtet seit Jahrzehnten über den Pferdesport, schrieb mehrere Bücher dazu und züchtet selbst Pferde. Für sie steht fest: Reiten sollte nicht zum Modernen Fünfkampf gehören.
Von Gabriele Pochhammer
Diese Bilder will keiner sehen, nirgendwo und schon gar nicht bei Olympia: Statt über die Hindernisse zu galoppieren, läuft das Pferd rückwärts und versucht zu steigen, obendrauf die deutsche Fünfkämpferin Annika Schleu, der die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben steht, und die ihr Pferd mit Sporen und Peitsche traktiert, um es zum Springen zu bewegen. Am Rande die Trainerin Kim Raisner, die auch noch brüllt: "Hau richtig drauf" und versucht, das Pferd mit der Faust zu schubsen. Vergeblich. Das ist die einzige gute Nachricht des Tages: Pferde müssen freiwillig springen. Wenn sie nicht wollen, ist der Mensch, ob im Sattel und am Boden, machtlos.
Saint Boy, so heißt der Braune ausgerechnet, macht das Spiel der Menschen nicht mit, weil es ihm zu viel wird, weil er mit den Nerven am Ende ist, weil ihn die Atmosphäre unter Flutlicht nervös macht oder weil er einfach keine Lust hat. Wer guckt schon in so eine Pferdeseele? Dass er den Parcours mit Hindernissen mit 1,20 Meter springen kann, hat er bei der Vorführung bewiesen. Die Besitzer der Pferde, die im Fünfkampf verlost werden, müssen zunächst selbst einmal über den Parcours reiten, um zu zeigen, dass das Pferd der Aufgabe gewachsen ist. Jedes Pferd geht zweimal, schon unter der ersten Reiterin, einer Russin, schied Saint Boy nach dreifachem Verweigern aus. Erst bei vier Verweigerungen hätte Schleu auf einem Ersatzpferd bestehen können. So hat sie einfach Lospech und verliert die mögliche Goldmedaille, fällt auf Platz 31 zurück. An diesem Abend im Tokyo Stadion gibt es im Frauenfünfkampf viele Verlierer. Nicht nur Annika Schleu, auch die Bundestrainerin Kim Raisner, die offenbar nicht eine Sekunde darüber nachgedacht hat, wie ihr Benehmen in der Weltöffentlichkeit rüberkommt, vor allem aber Saint Boy, geschlagen, frustriert und verängstigt. Raisner wurde inzwischen von allen Aufgaben in Tokyo suspendiert.

Im Fünfkampf werden Pferde zu Sportgeräten degradiert

Das Reiten ist seit langem die Achillesferse des Fünfkampfes. Laufen, Schießen, Fechten, Schwimmen – das sind alles Disziplinen, in denen objektiv nach Zeiten, Punkten und Fehlern gemessen wird. Einen Hindernisparcours auf einem zugelosten Pferd zu reiten, nach nur 20 Minuten Eingewöhnungszeit, ist ein Vabanque-Spiel. Mal klappt’s, mal nicht, und das hängt nicht unbedingt von den Reitkünsten der Athleten und Athletinnen ab, mit denen es allerdings oft nicht sehr weit her ist. Pferdesport bedeutet die gemeinsame Leistung von Reiter und Pferd, basierend auf Vertrauen und Ausbildung. Das ist der Wesenskern des Sports und sollte überall gelten, wo Pferde im Wettkampf eingesetzt werden.
Im Fünfkampf werden Pferde zu Sportgeräten degradiert, wie die Laserpistole beim Schießen und der Degen beim Fechten. Das haben sie nicht verdient, das verletzt ihre Würde. Deswegen sollte Reiten schleunigst aus dem Modernen Fünfkampf verschwinden, auch wenn es der olympische Urvater Baron de Coubertin selbst war, der den Fünfkampf in seiner heutigen Form erfunden hat. Es hat sich seither ja auch anderes verändert. Man kann Reiten durch BMX-Radfahren oder Klettern an der Wand ersetzen. Das tut keinem weh, der Erfolg hängt nicht vom Losglück ab und niemand wird verprügelt. Wenn das die Lektion von Tokio ist, wäre das die zweite gute Nachricht.

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