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Nach Olympia-Vorfall in Tokio Dressurreiterin Anabel Balkenhol: "Der Reitsport hat nichts im Modernen Fünfkampf verloren"

Annika Schleus (im Bild) größtes sportliches Drama ihrer Karriere bei den Olympischen Spielen in Tokio. Dressureiterin Anabel Balkenhol findet, dass Sportreiten im Modernen Fünfkampf nichts verloren hat.
Annika Schleus (im Bild) größtes sportliches Drama ihrer Karriere bei den Olympischen Spielen in Tokio. Dressureiterin Anabel Balkenhol findet, dass Sportreiten im Modernen Fünfkampf nichts verloren hat.
© Marijan Murat/DPA
Die Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu schlug bei Olympia verzweifelt auf ihr Pferd ein. Das sorgte für Kritik und Vorwürfe der Tierquälerei. Der stern hat mit der deutschen Dressurreiterin Anabel Balkenhol über diese Szenen gesprochen.

Für Annika Schleu war Gold zum Greifen nah, doch dann saß sie tränenüberströmt auf ihrem verängstigten Pferd. Sie bekam das Tier nicht unter Kontrolle und schlug verzweifelt immer wieder mit der Gerte auf das ihr zugeloste Pferd. "Hau mal richtig drauf! Hau drauf!", rief Bundestrainerin Kim Raisner der Berlinerin zu. Schleu konnte das Tier nicht beruhigen. Am Ende des größten sportlichen Dramas ihrer Karriere und Platz 31 in Tokio musste sie sich zudem mit heftiger Kritik aus der Heimat auseinandersetzen. Ihr und der Bundestrainerin wird vor allem in den sozialen Medien "moderne Tierquälerei" oder "Kein Respekt vor dem Tier" vorgeworfen.

Der stern hat mit der deutschen Dressurreiterin Anabel Balkenhol gesprochen, Tochter des bekannten Dressurreiters und -trainers Klaus Balkenhol, die selbst 2012 bei den Olympischen Spielen in London teilnahm. Sie erzählt, was diese Szenen bei ihr ausgelöst haben und welche Konsequenzen dieser Vorfall nach sich ziehen müsse.

Anabel Balkenhol ist Dressurreiterin. Mit dem Reitsport im Modernen Fünfkampf hat das nichts zu tun.
Anabel Balkenhol ist Dressurreiterin. Mit dem Reitsport im Modernen Fünfkampf hat das nichts zu tun.
© Sjoerte Pegge

Frau Balkenhol, Sie haben die Bilder in Tokio gesehen. Annika Schleu sitzt verzweifelt auf ihrem Pferd, kriegt es nicht unter Kontrolle, schlägt immer wieder mit der Gerte auf das Tier ein. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Die Bilder sind für den Tierschutz relevant. Für mich ist klar, der Reitsport gehört nicht in den Modernen Fünfkampf und hat auch mit uns, mit unserem Reitsport gar nichts gemein.

Wieso empfinden Sie das so?

Die Reiter kriegen fremde Pferde zugewiesen und wissen nicht, was sie erwartet. Es ist eine absolute Ausnahmesituation und es herrscht keine Symbiose zwischen Pferd und Reiter, die so wichtig ist. Um eine gute Leistung mit dem Sportpartner Pferd zu erreichen, braucht man genügend Vorbereitungszeit auch im Vorfeld. 

Nach dem Vorfall in Tokio wüteten die sozialen Medien. Die Bundestrainerin schrie "Hau mal richtig drauf! Hau drauf!". Ist das Usus beim Reitsport oder Tierquälerei, wie es vorgeworfen wird?

Das war natürlich nicht richtig, was da passiert ist. In so einem Fall hätten Funktionäre einschreiten müssen, um die Situation zu entschärfen.

Hätte die Bundestrainerin nicht intervenieren müssen?

Natürlich, sie hätte zum Wohl des Tieres intervenieren müssen. Sie hätte sagen müssen, dass es keinen Zweck hat. Oder ihr in diesem Moment fachtechnisch eine konstruktive Hilfestellung geben müssen.

In Annika Schleus Schuhen möchte man jetzt nicht stecken ...

Sie tut mir leid, weil sie mit dieser destruktiven Art der Kritik und des Hasses im Netz nun umgehen muss. Konstruktive Kritik ist aber angebracht. Trotzdem muss man bedenken, in welcher Situation sie stand. Sie hatte das Gold zum Greifen nah, aber kein Sportgerät in der Hand, sondern sie arbeitete mit dem Partner Pferd. Wenn ich auf ein Turnier mit meinem Pferd gehe, bereite ich mich gemeinsam mit ihm vor.

Diese Grundvoraussetzung hatte Schleu ja gar nicht. Sie hatte 20 Minuten, um sich auf das Pferd einzustellen.

Gerade auch im Springsport ist es schwierig, wenn ein Pferd im Vorfeld schlechte Erfahrung gemacht hat. Das weiß man alles nicht. Mit Pferd ist es immer ein miteinander, das muss man sich erarbeiten. Es ist nicht wie beim Schwimmen, da geht es nur um die eigene Leistung. Aber wie man es auch dreht und wendet: Das Pferd wollte nicht, es hatte Angst und hat sich gewehrt. Und Schleu hat nicht richtig reagiert.

Was wäre die richtige Reaktion darauf gewesen?

Sie hätte abbrechen, den Traum abhaken müssen. Der Reitsport hat nichts im Modernen Fünfkampf verloren. Die siebenmalige Olympiasiegerin Isabell Werth hat es in Bezug auf den Modernen Fünfkampf gut ausgedrückt: "Die Pferde sind dort ein Transportmittel, zu denen die Athleten keinerlei Bezug haben. Denen kann man genauso gut ein Fahrrad oder einen Roller geben."

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung und der Deutsche Olympische Sportbund fordern eine Änderung im Regelwerk. Ist das auch Ihre Meinung?

Wenn der Reitsport drin bleiben sollte, müssen sich die Regeln ändern, ja. Beispielsweise sind 20 Minuten Vorbereitung zu wenig fürs Springreiten. Der Reiter muss sich aufs Pferd einstellen und andersherum. Am Ende hat das wenig mit der Leistung des Reiters zu tun, wie man in Schleus Situation sieht, kann man einfach Pech haben. Der Vorfall in Tokio wird Konsequenzen nach sich ziehen müssen. Optimal wäre eine andere Sportart.

Sie waren selber Teilnehmerin bei den Olympischen Spielen. Wie groß ist der Druck, dort abzuliefern?

Für jeden Profisportler sind die Olympischen Spiele das große Ziel. Wie groß der Druck ist, liegt bei jedem selbst, aber natürlich ist da eine Anspannung. Schleu war mit der Situation einfach überfordert und hat nicht zum Wohle des Pferdes gehandelt. Die Schlammschlacht im Netz jetzt aber tut mir leid. Das ist nochmal ein ganz anderer Druck. Sie wird einen immensen Imageschaden davontragen. Bei all der Kritik muss man aufpassen, dass man den Menschen nicht kaputt macht. 


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