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America's Cup: Wenn nur noch Pusten hilft

Der Kampf um den wichtigsten Pokal der Segel-Welt tobt. Wenn es denn nur losginge. Statt der Schlacht den Renn-Yachten dümpeln die Teams in der Flaute. Jetzt kann nur ein Neustart helfen.

Segeln interessiert die Segler, der Rest schaut mal zu. Jetzt verwandelt der fehlende Wind das angekündigte maritime Großererignis vor Valencia in eine Posse. Die zur Tatenlosigkeit verurteilten deutschen Segler spielen zum Zeitvertreib Schach an Deck, die Organisatoren des America's Cups meeten sich die Köpfe heiß. Nach den Absagen der vergangenen Tage, die sich am Donnerstag wegen der anhaltenden Flaute fortsetzten, soll jetzt ein Neustart des gesamten Rennprogramms der Herausforderer-Runde helfen. "Sportpolitisch ist ein Neustart des Louis Vuitton Cups sicher sinnvoll, weil sonst keiner mehr durchblickt", sagte Michael Scheeren, Teamchef der deutschen America's Cup-Mannschaft. Den Seglern sehen die Sponsoren offenbar manche Kapriolen nach. Das öffentliche Desinteresse wandelt sich zum Vorteil, weil kein Fan öffentlich mitleidet. Man stelle sich einmal vor, die Fußball WM wäre eine Woche ausgefallen. Der Sturm des Entsetzens wäre nicht auszuhalten gewesen. Nun segeln sie nicht, aber keinen interessiert es.

Richtig peinlich wird das Trockenschwimmen im Mittelmeer auch für die übertragenden Fernseh-Anstalten, die außer schönen Bildern aus Valencia keinerlei Sportliches senden konnten. "Wir würden es sehr begrüßen, wenn das Rennprogramm von vorn beginnt und wir am Samstag mit mehr Wind voll einsteigen könnten", sagte Michael Ohr, Teamchef des ZDF in Valencia. "Natürlich sind die Wetterbedingungen ärgerlich, aber bei der Ski-Weltmeisterschaft haben wir das auch erlebt."

Verschieben, aber wie

Dummerweise sind die Regeln des Cups so unerforscht und unergründlich wie ein schwarzes Loch. Zwar möchte man die Termine jetzt verschieben, weiß aber nicht wie. Den Titelverteidiger juckt die Flaute nicht. Denn die Alinghi segelt in der Serie namens "Louis Vuitton Cup" der Herausforderer bekanntlich gar nicht mit. Bislang sah das Reglement vor, dass die Teams zwischen dem ersten und dem zweiten Teil der Vorrunde ihre Boote verändern und sogar austauschen können. Die Möglichkeit ist vor allem für die großen Teams interessant, die über zwei neue Yachttypen verfügen. Gerät der Zeitplan weiter durcheinander, verpufft die Zeitreserve, und die teure Investition war umsonst. In dem drohenden Zeitchaos dürften die Teams ihre Boote für Teil zwei aber mehr ändern, weil paralell noch Rennen aus Teil eins nachgeholt werden müssen.

Kreatives Reglement

Also wird man mitten im Wettbewerb, die Regeln weiterentwickeln müssen. Scheeren sagt: "Zunächst einmal soll die Herausforderer-Kommission Vorschläge für das weitere Vorgehen erarbeiten. Dann kann darüber abgestimmt werden." Zum Glück sind Segler distinguierte Menschen, aber ein Kompromiss, der alle zufrieden stellen kann, ist kaum vorstellbar.

Wem schadet das Chaos

Das Schweizer Team Alinghi, das als Titelverteidiger bereits für das 32. Match um den America's Cup ab 23. Juni gesetzt ist, hält sich in dieser einzigartigen Debatte zurück. Sportdirektor Jochen Schümann sagt: "Wir müssen uns als Titelverteidiger raushalten, haben mit der Herausforderer-Runde nichts zu tun." Wachsender Kritik an Alinghis Wahl von Valencia als Austragungsort begegnet Deutschlands einziger America's Cup-Sieger nüchtern: "Wir können dem Wetter nur mit Demut begegnen. Dafür gibt es keine Schuldigen." Außerdem erschwert die Flaute auch Alinghis Vorbereitungen: "Wir können doch selbst nicht trainieren, obwohl wir wollen und müssen." Das mag sein. Dennoch leiden die Herausforderer weit mehr unter dem Chaos der Handtaschen-Vorrunde, denn die Flaute rüttelt ihre Vorbreitung mehr durcheinander als der schlimmste Sturm.

Kra/DPA

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