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Boxen: Ein zu perfekter Knock-Out

Mit seinem K.o.-Sieg nach elf Runden gegen Tony Thompson hat Wladimir Klitschko seine drei Weltmeister-Titel verteidigt. Doch ein glanzvoller Kampf sieht anders aus. Es muss bald ein Gegner kommen, der ihm einen leidenschaftlichen Fight abverlangt, sonst wird der 32-jährige Ukrainer nie auf dem Box-Olymp ankommen.

Von Iris Hellmuth, Hamburg

Es war fünf nach zwölf, als Tony Thompson sagte, dass er irgendwie müde geworden sei während des Kampfs, dass er nicht genau wisse warum, aber dass das nicht weiter wichtig sei, weil Wladimir Klitschko ohnehin der Bessere war an diesem Abend, das müsse man einsehen, so einfach sei das eben manchmal. Thompson sah ein bisschen ratlos aus, als er das sagte, dabei hatte der US-Amerikaner gerade die Arbeit Dutzender Sportjournalisten erledigt: Es war die treffliche Zusammenfassung eines Kampfs, der fast elf Runden gedauert hatte und vor ein paar Sekunden zu Ende gegangen war. Und an dessen Ende ein triumphierender Klitschko vom Publikum gefeiert wurde, als hätte er nie irgendwo anders geboxt als in seiner Wahlheimat Hamburg.

Lang hatten sie schließlich auch warten müssen, bis das Spektakel endlich anfing. Erst gab es die üblichen Vorkämpfe zum üblichen Niveau, dann stiegen die Kommentatoren in den Ring, nicht um die Boxer anzusagen, sondern den Show-Act, und nur wer Glück hatte, saß irgendwo zwischen Block D und E in der Color Line Arena, von dort konnte man zumindest beobachten, wie der ehemalige Schwergewichtsweltmeister Lennox Lewis vom amerikanischen Fernsehen als Experte interviewt wurde und dabei fast eine Stunde lang keine Miene verzog.

Klitschko kämpft nach Plan

Erst nach dem Kampf zog er kurz einen Mundwinkel Richtung Ohr, was wohl so etwas wie ein Lächeln sein sollte. Für einen Box-Experten war dieser Kampf vielleicht sogar ziemlich spannend gewesen. Klitschko hatte seinen Plan ja durchgebracht, hatte seine starke Rechte eingesetzt, wie es ihm gefiel, war offensiv in den Kampf gegangen, ungestört von seinem Gegner. Zehn Runden lang ackerte Klitschko, immer wieder schnellte seine linke Führhand an Thompsons Deckung, nur selten durchbrach er dieses Schlagmuster, wenn er traf, dann meist mit der Rechten. Thompson selbst tat wenig, zu oft schlugen seine Fäuste ins Leere, er hatte kein Rezept gegen Klitschkos Kraftschläge und verschanzte sich hinter seiner Deckung. Zehn Runden ging das so, erst in der elften erhöhte Klitschko das Tempo, und als Thompson seine rechte Faust ausfuhr, um endlich einen Treffer zu landen, duckte Klitschko sich darunter hindurch und traf selbst.

Ein perfekter Knock-Out. Und einer, der sich angekündigt hatte: Sekunden zuvor hatten Klitschko und Thompson noch beide am Boden gelegen, der Ukrainer war dabei auf das Knie des Amerikaner gefallen, doch der wollte das nach dem Kampf nicht als Ausrede nehmen: "Es hat sich kurz komisch angefühlt, dann ging es wieder, und ich habe bestimmt nicht deshalb den Kampf verloren."

Seine drei Weltmeister-Titel hat Klitschko also nun verteidigt, er hat dem Druck standgehalten und den Erwartungen, selbstverständlich ist das nicht gewesen. Aber war dieser Sieg auch einer, den man im Herzen behält, weil er einen genau dort gepackt hat? Den man erinnern wird, in ein paar Jahren noch?

Die Antwort gab Klitschko nach dem Kampf selbst: Er sprach ziemlich schnell von seinem nächsten. Er wusste, dass er nicht den schönsten Fight geliefert hatte, der schönste Fight ist schließlich einer, der eine Geschichte in zwölf Kapiteln erzählt, in der ein Unverwundbarer plötzlich verwundbar wird, menschlich und besiegbar, bis er sich selbst überwindet und dann den Gegner. "Mann auf'm Boden, jutet Jefühl", so hat Graciano Rocchigiani das mal beschrieben.

Thompson hatte es eilig nach Hause zu kommen

Doch das allein kann Klitschko mit seinen Fähigkeiten nicht mehr reichen, er ist jetzt 32, im besten Boxer-Alter, und wenn sich nicht bald ein Gegner findet, der ihm einen leidenschaftlichen Kampf abverlangt, wird Klitschko an Siegen wie dem gegen Sultan Ibragimov im Februar oder dem gestern Abend gegen Tony Thompson gemessen.

Und so waren es gestern Abend auch eher die Szenen nach dem Kampf, von denen man sich vielleicht noch einmal irgendwann erzählen wird. Zum Beispiel, dass Tony Thompson nicht abwarten konnte, nach Hause zu fliegen, weil er seine sieben Kinder seit zwei Monaten nicht mehr gesehen hat und ihnen versprochen hat, zu Disneyland zu fahren, wenn er wieder in Washington DC ist. Es standen sehr viele Männer um ihn herum, als er das sagte, Männer, die traurig schauten und die viel zu große Oberhemden trugen, auf denen ihre Namen eingestickt waren, Andrew zum Beispiel, Barry oder Boogie.

Oder die Geschichte wie Wladimir Klitschko am Ende allein auf der Pressekonferenz saß, Tony Thompson musste das Auge genäht werden - und, na ja, das mit Disneyland, das hatte er ja schon erklärt. "Tony hat mir ein blaues Auge verpasst, ich hatte wirklich lange Zeit kein blaues Auge mehr", sagte Klitschko und lachte wie ein kleiner Junge. "Jetzt sehe ich wirklich aus wie ein Boxer." Auch das war eine schöne Zusammenfassung des Abends. Nur dass es da inzwischen schon halb zwei Uhr morgens war.

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