Klitschko gegen Gomez Lukrative Doktorspiele


Vitali Klitschko gegen Juan Carlos Gomez - das große Duell um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht. In der einen Ringecke ein verrückter Boxer, der seine letzte Chance nutzen will. In der anderen ein topfitter Titelverteidiger, dessen eigentliche Stärken außerhalb des Ringes liegen.
Von Jens Fischer, Stuttgart

Tony Thompson weiß, was er tut. Ewig lässt sich der amerikanische Ex-Champion seine geschundenen Fäuste bandagieren, bewegt sich wie ein beinlahmer Tanzbär durch den Ring, und fordert härtere Gitarren. Sonst kommt er nicht auf Touren, sagt er. Der DJ im Stuttgarter Mercedes-Benz-Center gehorcht. Danach kommt nicht mehr viel von "Vorkämpfer" Thompson an diesem Nachmittag, außer dies: "Vitali Klitschko ist bereit für den Fight. Er wird Juan Carlos Gomez schlagen." Wumms, das hat gesessen, denn der Ami muss es wissen. Hat er sich von Klitschko doch im Trainingslager ewig lang vermöbeln lassen.

Es ist das Presseboxen vor dem Weltmeisterschafts-Duell der schweren Männer zwischen Klitschko und Gomez an diesem Samstag in der Stuttgarter Schleyerhalle. Presseboxen: Normalerweise eher langweilig, diesmal besitzt es aber doch Brisanz. Da ist einmal der Herausforderer. Gomez, Exil-Kubaner, früher ein Freund der gepflegten Party. Rum, Drogen, Frauen, das war seine Welt. Sieben Kinder von sieben Frauen – seine beeindruckende Erfolgsquote. Gemanagt von Ahmet Öner, einem Mann, der mit einem Bein im Knast steht. Öner und sein Boxer Gomez passen irgendwie zusammen.

Das Management funktioniert

Als Gomez, Öner und der restliche skurrile Clan verschwunden sind, kommt er. Zwischen den noblen Karossen stampft "Dr. Eisenfaust" Klitschko im Mercedes-Autohaus hervor. Lange hat er die Presse warten lassen. Sein Bruder Wladimir ist schon ein paar Minuten da, das Klitschko-Management hat den großen Auftritt der beiden Unzertrennlichen wieder einmal akribisch vorbereitet.

Alles passt, alles läuft perfekt. Der gemeinsame Manager der Klitschkos, Bernd Bönte, blickt zufrieden in die Runde. Film ab für den nächsten Klitschko-Zahltag wird er sich denken. Sein Schützling Vitali, Doktor der Sportwissenschaften, hat kaum den Ring betreten, da hat er bereits das Mikro in der Hand. "Herzlich willkommen liebe Presse, und vielen Dank an unseren Partner Mercedes-Benz", sagt er das für ihn vielleicht Wichtigste gleich zu Beginn. Und überhaupt: Stuttgart sei eine tolle Stadt, und das Mercedes-Benz-Museum gleich um die Ecke habe er auch schon besucht. Der Doktor weiß, wie die Geschäfte laufen. Bönte und Wladimir, wie sein Bruder mit dem Doktorgrad versehen, sitzen unten auf ihren Klappstühlen und blicken ganz zufrieden drein.

Klitschko, der Edel-Boxer

Der umtriebige Manager Bönte meinte einmal: "Ein Klitschko-Event ist ein bestimmtes Brand". Eine Marke also. Das zeigt sich dieser Tage auch in Stuttgart. Abgeklärt, ganz Medienprofis spulen die "Box-Brüder" im Schwabenland ihr Programm herunter, immer darauf bedacht, ihre zahlreichen Werbepartner ins rechte Licht zu setzen. "Nur ein schlechter Soldat träumt nicht davon, General zu werden" – daran glaubt Vitali. Und ein General hält nicht viel von schmuddeligen Hinterhöfen, ein General wie Vitali trainiert in Promi-Ressorts und wohnt im Fünf-Sterne-Hotel.

So läuft die Klitschko-Maschine. Die talentiertesten Boxer sind die beiden nicht. Es gibt kaum einen Gegner, der nicht darauf verweist. Ihre große Stärke ist es, unter anderem jede Menge Sorgfalt darauf zu verwenden, gegen wen sie antreten. Schlagbar sollte der Rivale dann schon sein. Deshalb verwundert es auch nicht, dass sich Vitali Klitschko dieser Tage juristisch dagegen wehrt, nach einem möglichen Erfolg gegen Gomez mit dem Russen Oleg Maskajew in den Ring zu steigen. "Den Kampf will niemand sehen", sagt er. Wirklich nicht? Maskajew gilt als zäher Hund.

Klitschko denkt an alles

Eines kann man Vitali, "Dr. Eisenfaust", nicht vorwerfen: Er ist nicht nur ein tüchtiger Geschäftsmann, sondern auch ein knallharter Arbeiter. Das liebt sein Trainer Fritz Sdunek, ironischerweise Großvater des Kindes von Juan Carlos Gomez, so an ihm. Sdunek präferiert nach wie vor das Gesetz der harten Hand – so wie er es aus der früheren DDR halt kennt. Und Vitali gehorcht.

An diesem Nachmittag im Autohaus merkt man der Klitschko-Familie an: Sie haben Respekt vor Gomez. "Ich habe Gomez selber mal trainiert, ich weiß, was er kann. Und er ist noch besser geworden", verbreitet Sdunek. Vor allem vor dessen Schnelligkeit haben sie Respekt. Vitali – er denkt an alles – hat extra den Ring so klein wie möglich ausgewählt, damit ihm Gomez am Samstag auch ja nicht weglaufen kann.

Die "Lennox-Lewis-Taktik"

Da hat Gomez-Coach Orlando Cuellar ganz anderes vor: "Wir werden immer wieder Vitalis Auge bearbeiten. Das ist seine große Schwachstelle. So wie es Lennox Lewis getan hat". Damals musste Vitali wegen eines gewaltigen Cuts aufgeben - ein Schatten auf seiner großen Karriere.

Es scheint kaum vorstellbar, dass gegen Gomez ein weiterer Tiefschlag hinzukommt. "Wir werden den besten Klitschko seit Jahren sehen", ist sich Sdunek sicher. Und tatsächlich wirkt der Ukrainer perfekt vorbereitet, fit und austrainiert. Es scheint also wieder alles zu wunderbar zu laufen - das Geschäftsmodell "Klitscho-Brüder" wird weiterleben. Auch in Krisenzeiten.


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