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Boxpromoter Ahmet Öner: Die Sehnsucht nach dem neuen Schmeling

Ahmet Öner ist der Bad Boy der deutschen Boxszene. Der Promoter will ganz nach oben. Am Samstagabend gibt ihm der Sender Sat.1 eine einmalige Chance, einen neuen deutschen Star hervorzubringen. Doch Öner setzt mit Steffen Kretschmann vermutlich auf das falsche Pferd.

Von Björn Erichsen

Ahment Öner thront hoch oben über Hamburg im 26. Stock des Hotels "Radisson Blu". Pressekonferenz. Der Box-Promoter, das schwarze Hemd weit geöffnet, einen mächtigen Weißgoldring an der linken Hand, lehnt lässig auf seinem Stuhl. Um ihn herum versammelt er seinen Hofstaat: Boxer, Trainer, Manager - insgesamt 15 Personen scharen sich um den Sonnenkönig des Arena-Boxstalls. Öner ist in seinem Element: "Steffen kann ein neuer Schmeling werden", jubelt er seinen Schwergewichts-Schützling Steffen Kretschmann hoch, der am Samstag den Hauptkampf beim "ran"-Boxen bestreiten wird.

Öner ist der Bad Boy der deutschen Box-Szene. Der Deutsch-Türke aus Bocholt beendet Kämpfe schon mal eigenmächtig und prügelt sich gelegentlich selbst am Ring. Kürzlich ist er wegen 16 Straftaten zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Mit der Branche liegt er im Dauerstreit. Mit seinem Ex-Trainer Klaus Peter Kohl vom Universum-Boxstall pflegt der ehemalige Profi-Boxer eine offene Feindschaft. Doch Öner wird natürlich auch deswegen gehasst, weil er Erfolg hat. Vor allem durch seine guten Kuba-Kontakte hat er mit Arena die deutsche Boxszene gehörig aufgemischt. Die Karibik-Connection bescherte ihm auch seinen ersten Weltmeister: Yuriorkis Gamboa (Federgewicht). Nun soll der nächste Schritt folgen: Öner ist es gelungen, dem TV-Sender Sat.1 einen mittelmäßigen Kampf für ein großes Live-Event zu verkaufen.

Sieg oder Karriereende

Wenn Steffen Kretschmann am Samstagabend bei "ran Boxen" zur Revanche gegen den Russen Denis Bakhtov antritt, wird das höchstens national Beachtung finden. Kretschmann, 1,96 Meter groß, 104 Kilo schwer, gilt als talentiert, mit einer kräftigen Linken. Das macht ihn bereits zur deutschen Schwergewichtshoffnung, denn Alternativen gibt es da kaum. Doch Kretschmann gilt auch als wenig stabil. Als er im letzten Jahr gegen den deutlich kleineren Bakhtov antrat, schickte der ihn in der ersten Runde auf die Bretter. Für den 29-Jährigen aus Sachsen-Anhalt heißt es daher Hop oder Top: Gewinnt er, will Öner ihn zum neuen deutschen Star im Schwergewicht aufbauen - bei einer Niederlage wäre es wohl das Karriereende.

"Steffen darf kein Weichei sein", stachelt Öner seinen Schützling an, so als wüsste der nicht, was die Stunde geschlagen hat. Kretschmann sitzt direkt neben Öner, unrasiert, im grünen Kapuzenpulli, Blickkontakt mit der Presse vermeidet er. "Ich habe die Niederlage mental verarbeitet", sagt er dann mal, und sieht dabei so aus, als wäre er gerade lieber in einer Trainingshalle. Der zurückhaltende Kretschmann taugt nicht zum Helden. Unter dem Titel "Knockout - Der Kampf seines Lebens" hat Sat.1 eine vierteilige Dokumentation von Kretschmanns Kampfvorbereitung ausgestrahlt. Irgendwann gab es Ärger, weil der Boxer und sein Trainer Hans-Jürgen Witte nicht jede schräge Idee der Doku-Soap mitmachen wollten. Nach reichlich Palaver sprang Öner für ihn ein, und ließ sich unter anderem im Krankenhaus beim Telefonat mit US-Promoter Don King filmen.

Öner braucht gute Quoten

Ob es Öner es gelingen wird, dauerhaft mit Sat.1 zusammenzuarbeiten, ist derzeit noch völlig offen. Für seinen Boxstall Arena wäre es ein Meilenstein, denn bisher ist die Fernsehlandschaft und damit das große Geld beim Boxen klar aufgeteilt: Wilfried Sauerland (ARD) und Universum (ZDF) teilen sich die Öffentlich-Rechtlichen, die Klitschkos boxen auf RTL. Bis Sat.1 sich im letzten Jahr entschied, zum ersten Mal seit 2001 wieder Boxen auszustrahlen, musste sich Öner mit Sparten- oder Bezahlsender begnügen, Eurosport, DSF oder Sky. Doch Öner weiß auch: Er braucht am Samstag nicht nur einen Sieger, sondern auch gute Quoten.

Bei Sat.1 gibt man sich zurückhaltend und betont den vorläufigen Charakter der Zusammenarbeit mit "Arena": "Ein zweistelliger Marktanteil wäre ein großer Erfolg", ließ Sportchef Sven Froberg die niedrigen Erwartungen inzwischen durchblicken. Eine Quote, über die etwa Wladimir Klitschko nur müde lächeln kann: Der dreifache Weltmeister hatte am vergangenen Wochenende mit seinem Kampf gegen Eddie Chambers über 14 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm geholt. Doch man scheint beim Münchener Sender schon jetzt den Glauben daran verloren zu haben, dass ausgerechnet der zurückhaltende Kretschmann das lang ersehnte Zugpferd für ein Box-Engagement sein wird. Die kurz vor Mitternacht ausgestrahlte Doku-Soap interessierte jedenfalls nur ein paar Hunderttausend Zuschauer.

"Unser Ziel ist die Spitze"

So geht es am Samstagabend in Hamburg auch jenseits des sportlichen Wertes der Veranstaltung um viel, für Öner und für Kretschmann. Doch anders als für seinen Schützling wird es für den Box-Promoter auch nach einer Niederlage weitergehen. "Wir werden weiter angreifen, unser Ziel ist die Spitze", versichert Öner und verweist auf seine anderen Boxer wie Gamboa oder Juan Carlos Gomez, der im letzten Jahr auch schon gegen Klitschko geboxt hat. Nur nach einem deutschen Schwergewichtler mit Star-Potenzial, einem "neuen Schmeling", müsste er dann weiter suchen.

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