HOME

Golf: Maurice Flitcroft - die The Open-Legende

Das ruhmreiche Turnier hat große Spieler, Duelle und Sieger erlebt. Doch alle stehen im Schatten eines kettenrauchenden Kranfahrers ohne Platzerlaubnis: 1976 schmuggelte er sich mit Billigschlägern in die Qualifikation, wurde zum schlechtesten Golfer der Welt, Liebling der Presse und persönlichen Feind eines Funktionärs.

Das ruhmreiche Turnier hat große Spieler, Duelle und Sieger erlebt. Vom Duell in der Sonne oder der Geschichte des Claret Jug haben Sie vielleicht schon gelesen. Doch alles steht im Schatten eines kettenrauchenden Kranfahrers ohne Platzerlaubnis: 1976 schmuggelte er sich mit Billigschlägern in die Qualifikation, wurde zum schlechtesten Golfer der Welt, Liebling der Presse und persönlichen Feind eines Funktionärs. sportal.de erzählt seine Geschichte.

Wie ein Profigolfer wirkte Maurice Flitcroft nicht unbedingt, als er 1976 im Formby Gold Club nahe Liverpool zum Qualifikationsturnier für The Open auftauchte. Seine Plastikschuhe, der blaue Anglerhut, aber vor allem die rote Lederimitat-Tasche - gerade mal mit einem Schläger-Halbsatz gefüllt - hätten bei den Verantwortlichen eigentlich Verdacht erregen müssen.

Doch der Mann mit den abstehenden Ohren, der großen Nase und den schlecht sitzenden dritten Zähnen hatte eine gültige Starterlaubnis für das Turnier, er war pünktlich zum Abschlag erschienen, daher ließ man ihn auch spielen.

Obwohl, wirklich spielen, konnte man es nicht nennen, was Flitcroft machte. Wie auch? Der kettenrauchende 45-jährige Hafenkranfahrer aus dem englischen Barrow-in-Furmess hatte sich nie die Mitgliedschaft in einem Golfclub leisten können, hatte demzufolge weder Platzreife noch ein Handicap vorzuweisen. Doch er liebte den Golfsport.

Mit Schwiegermutters Spazierstock geputtet

Anhand von Lehrbüchern aus der Bücherei brachte er sich autodidaktisch die Grundkenntnisse des Sports selber bei und bestellte sich aus einem Versandkatalog einen Halbsatz Schläger und Bälle. Da die Post die Bälle eher als die Schläger lieferte, nahm er den Spazierstock seiner Schwiegermutter, vergrub Teetassen im Hinterhof und begann mit Putt-Übungen.

Als endlich auch die Schläger kamen, verlegte er sein Training in den Park oder an den Strand. Bunkerschläge übte er in der Sprunggrube auf dem Sportplatz einer Schule. "Jeden Tag trainierte ich so ein bis zwei Stunden", beschrieb er im Guardian sein Pensum. Ab und zu spielte er auch einige Löcher auf einem richtigen Platz. "Manchmal habe ich in der Nähe geparkt und bin dann heimlich über den Zaun gesprungen, um ein paar Schläge zu machen", erinnerte er sich. Die Leute lachten ihn aus, hielten ihn für einen Spinner. Doch Flitcroft hatte ein Ziel.

Er wollte an The Open teilnehmen. Schließlich stand und steht das Turnier ja sowohl Profis als auch Amateuren offen. Als er dann in einem seiner Golfbücher ein Anmeldeformular für die The Open-Qualifikation fand, beschloss er, sich zu melden. Beim Ausfüllen des Startantrags musste er jedoch zu einer Notlüge greifen. Für die Teilnahme als Amateur hätte er ein Handicap und eine Clubmitgliedschaft nachweisen müssen, für die als Profi bedurfte es keinerlei Zertifikate. Er lieh sich die Startgebühr von 30 Pfund von seiner Frau und meldete kurzerhand als Profi ohne Clubzugehörigkeit. Überprüft wurden seine Angaben nicht.

Aus den Gummistiefeln auf den Platz

Vom Profi-Status war Flitcroft natürlich meilenweit entfernt. Zu seinem Abschlag kam er fast zu spät, konnte auf dem Parkplatz gerade noch seine Gummistiefel gegen die blauen Plastiktreter tauschen. Und auch seine Schlagkünste genügten selbst nicht hoch angesetzten Ansprüchen nicht, wie sein Flightpartner später telegraph.co.uk erklärte. "Erst hielt er den Schläger, als wenn er damit jemanden umbringen wollte, dann schlug er den Ball gerade hoch in die Luft, er kam genau vertikal wieder runter und landete gerade mal einen Meter vor ihm."

In dem Stil sollte die Runde weiter gehen, die ein anderer Augenzeuge dieses denkwürdigen Auftritts so zusammenfasste: "Ein Regen von Triple- und Quadrupel-Bogeys wurde durch ein einziges Par ruiniert." Nach 18 Löchern lag Flitcroft mit 121 satte 49 Schläge über Par. Schlechter war vor ihm und nach ihm nie ein Spieler in der Open-Qualifikation gewesen.

Presse begeistert - Golfverband humorlos

Natürlich stürzte sich sofort die Presse auf den neuen Rekordhalter. Reporter und Fotografen stürzten sich auf Flitcroft, der das Bad in der Menge sichtlich genoss. Sein ohnehin lockeres Gebiss hatte er mittlerweile aus dem Mund genommen und begründete seinen denkwürdigen Score zur Erheiterung der Menge mümmelnd mit "Kreuz- und Muskelschmerzen".

Der Mann, der sein Geld zwischenzeitlich auch als Comedystuntman einer Theatertruppe verdient hatte, war in seinem Element. In seinem urigen Humor lobte er laut Daily Mail außerdem artig Golfclub und Greenkeeper für "die hohe Qualität der Grüns, die in Beschaffenheit und Geschwindigkeit dem Teppich in meinem Wohnzimmer ähneln, auf denen ich jeden Abend trainiert habe".

Die Medien hatten ihren Spaß, noch Tage lang schrieben die Zeitungen über seinen großen Coup, interviewten seine Freunde und Familie. Nur die The Open-Veranstalter konnten über Flitcroft überhaupt nicht lachen - am wenigsten Keith Mackenzie. Der Funktionär, laut britischen Quellen stocksteif und zu 10 Prozent aus Fleisch, weiteren 10 Prozent aus Knochen und 80 Prozent aus Regelbuch bestehend, sah das ehrwürdige Turnier durch den Vorfall der Lächerlichkeit preisgegeben und sprach über Flitcroft eine Sperre für alle The Open-Plätze aus. Darüber hinaus erwirkte er eine generelle Sperre beim britischen Golfverband.

Fünf weitere Versuche über den Zaun zu kommen

Doch damit hatte er Flitcroft herausgefordert. Ein Katz und Maus-Spiel entstand. Er trainierte emsig weiter und wurde - so der Titel eines später über ihn erschienenen Buches - das Phantom der Open. Unter falschen Namen und in Verkleidung versuchte er noch einige weitere Male, eine The Open-Qualifikation zu spielen.

Doch ob mit angeklebtem Schnurrbart, gefärbten Haaren, ob als Amerikaner Gene Paychecki, Schweizer Gerald Hoppy oder Graf Manfred von Hoffmanstal, auf dem Platz verriet er sich wegen seiner Spielweise aber meist. Mackenzie behielt die Oberhand. 1980 verbaute Flitcroft sich den Start dann selbst. Am Vortag des Turniers war er erst bei Dunkelheit angekommen und hatte zusammen mit seinem Sohn das Zelt, in dem sie die Nacht verbringen wollten einfach auf einem Feld aufgebaut. Am Morgen erwachten sie dann aber umringt von Offiziellen mit Funkgeräten und merkten, dass sie mitten auf dem Kurs zelteten.

Versuche, den Streit mit Mackenzie auf dem Golfplatz auszutragen, scheiterten. Flitcroft hatte den Erzrivalen schriftlich als Höhepunkt eines aberwitzigen Briefwechsels um Diskriminierung im Sport zu einem Match in St. Andrews herausgefordert, erhielt darauf jedoch nie eine Antwort.

Ich habe doch nur mein bestes versucht

Anerkennung in der Golfszene erhielt er 1988 vom Blythefield Country Club in Michigan, der ein Turnier nach ihm benannte und ihn und seine Frau als Ehrengäste zur Eröffnung einlud. "Das war das erste Mal, dass sie zusammen das Haus verließen, seit ihnen mal ein Gasofen explodiert war", witzelte ein Freund über die gemeinsame Reise des Ehepaars laut golfdigest.com.

"Natürlich wäre ich gerne berühmt gewesen, weil ich gut spielte", zog er laut guardian.co.uk ein Fazit seiner Karriere. "Aber es ist auch gut, berühmt zu sein, weil man eben besonders schlecht war." Ein Hochstapler oder jemand, der The Open lächerlich machen wollte, war er jedoch nicht. Schließlich war er wegen seiner Liebe zum Golf selbst oft genug zum Gespött der Menschen geworden. "Auch wenn einige das immer dachten, veralbern wollte ich niemanden. Golf ist ein Spiel und ich habe mein bestes versucht", erklärte er kur vor seinem Tod 2007. Warum Mackenzie das nicht verstehen konnte oder wollte, hatte Flitcroft nie verstehen können.

Malte Asmus

sportal / sportal
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity