Leichtathletik-WM Vertuschungsmanöver im Olympiastadion


Superstars, tolles Wetter und Ferienzeit: Eigentlich müsste das Berliner Olympiastadion während der Leichtathletik-WM jeden Tag ausverkauft sein. Ist es aber nicht. Die Organisatoren rechnen sich die vielen leeren Plätze schön.
Von Klaus Bellstedt, Berlin

Mit einem Fassungsvermögen von 74.024 Zuschauern ist das Berliner Olympiastadion Deutschlands größte Leichtathletik-Arena. Allerdings bietet es bei der WM nach dem Ausbau der Pressetribüne sowie der Platz-Reservierung für Sportler und Trainer "nur" 56.000 zahlenden Besuchern Platz. Als Zuschauer fällt einem die Platzverkleinerung kaum auf. Alles sieht eigentlich aus wie immer im weiten Rund der Arena.

Aber dafür fällt etwas anderes auf, etwas merkwürdig Anmutendes: Das Stadion war an den ersten drei Wettkampftagen nicht ausverkauft. Um das zu beobachten, brauchte man kein Fernglas. Selbst am bisherigen Highlightabend dieser Leichtathletik-WM am Sonntag, an dem Usain Bolt seinen Fabelweltrekord über die 100-Meter-Distanz aufstellte, blieben über 4.000 Plätze leer. Montag verloren sich gerade mal 30.500 Zuschauer im Olympiastadion.

Abenteuerliche Rechenbeispiele


Ein "an neun Tagen ausverkauftes Olympiastadion" war seit Monaten als Ziel ausgegeben worden vom Berliner Organisationskomitee (BOC) und dem zuständigen Marketing-Fachmann Michael Mronz. Das wären neun Mal 57.000 abgesetzte Eintrittskarten gewesen. Dass man den eigenen Zielvorstellungen bei dieser Leichtathletik-WM mächtig hinterher hechelt, gibt man beim BOC aber nur zähneknirschend zu. Im Gegenteil: Mit abenteuerlichen Rechenbeispielen addieren sich die Organisatoren die vielen leeren Plätze schön. Verkündet werden Zahlen, die rekordverdächtig klingen (sollen).

Ein Beispiel: Laut BOC sind am Samstag "67.846 Besucher" im Stadion gewesen. "Die Morgenveranstaltung besuchten 25.300 Zuschauer, die Abendveranstaltung 42.546." Klingt merkwürdig und ist auch merkwürdig, weil ja allein Tageskarten verkauft werden und es davon pro Tag nur 56.000 gibt. Enthüllungsjournalist Jens Weinreich erklärt den Rechentrick des BOC in seinem Kommentar in der "Berliner Zeitung": "Über den kleinen aber feinen Unterschied, dass allein Tageskarten verkauft werden und es davon je 56.000 gibt, klärte die BOC-Mitteilung nicht auf. Wer also morgens und abends ins Stadion pilgert, wird vom BOC doppelt gezählt." Weltrekordverdächtige Zuschauerzahlen dank der Doppelzähltaktik. So einfach ist das.

Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), will die kommunizierten Zahlen nicht als Desinformation der Öffentlichkeit bezeichnen. Sondern als "Formalien" - die IAAF "zählt eben so", sagt der Funktionär der "Süddeutschen Zeitung", wohl wissend, dass diese Leichtathletik-WM in Berlin ganz offensichtlich unter Vermarktungsaspekten nicht optimal anläuft - und deshalb das Stadion bis jetzt nicht einmal wirklich ausverkauft war.

Karten sind zu teuer


Helmut Digel, Marketingchef des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, sieht den Grund für die leeren Ränge in den stattlichen Ticketpreisen. Das Gros der Karten kostet in Berlin zwischen 30 und 135 Euro. Die Preise bescheren dem Veranstalter zwar hohe Erlöse, halten aber viele Interessierte vom Kommen ab. "Es ist schade, dass so viele Plätze unbesetzt blieben. Aber die Gefahr war allen klar." Marketing-Mann Mronz hält dagegen: "Ich glaube nicht, dass wir die Preise für die Eintrittskarten zu hoch angesetzt haben. Mich überrascht die Diskussion", sagt er.

Immerhin: Via Pressemitteilung des BOC vom Montagabend erfährt man in Zwischentönen, dass auch die Organisatoren die Schönrechnerei inzwischen aufgeben haben - und alles andere als zufrieden sind. Dort heißt es: "Nach dem hervorragenden Ergebnis von 336.000 verkauften Eintrittskarten im Vorverkauf sind an der Tageskasse bisher verhältnismäßig wenige Eintrittskarten abgesetzt worden. Während bei vergleichbaren Leichtathletik-Großveranstaltungen in der Vergangenheit durchschnittlich 40% der verkauften Karten an der Tageskasse abgesetzt worden sind, waren es in Berlin am ersten Wochenende insgesamt nur 4.226 Tickets." Das klingt einigermaßen alarmierend und weniger weltrekordverdächtig.

Bei WM-Organisationskomitee-Mitglied Michael Mronz hört sich das in derselben Pressemitteilung so an: "Der Kartenverkauf an den Tageskassen ist zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich noch nicht ausreichend." Dass diese Tatsache möglicherweise etwas mit den überteuerten Eintrittspreisen zu tun haben könnte und damit einer mutmaßlichen Fehleinschätzung der WM-Vermarkter gleichkäme, kommt Mronz nicht in den Sinn. Er steht weiter zu diesem "sensiblen Preisgefüge": "Niemand schreibt uns Mails, dass es zu teuer ist." Die Wahrheit ist: Viele Berliner bleiben der Leichathletik-WM einfach weg, anstatt Mails zu schreiben.


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