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NFL: Any Given Wednesday - Alles ist möglich in der NFL

Das Drumherum um den Sport hat sich - auch dank des Internets - mehr und mehr verselbstständig. Und trotzdem sollte bei all den Wetten und virtuellen Managern der eigentliche Sport immer noch höher halten werden, als diese Nebenschauplätze. Es sind immer noch die Spiele, die zählen - und die hatten es in der NFL in sich.

Es heißt "Football is a game of inches" – im Falle der frühen Sonntagspiele war es eher ein Spiel von Minuten. In einer kurzen Zeitspanne zwischen halb zehn und zehn, die genaue Uhrzeit mag ich gar nicht mehr feststellen, drehte sich das bis dahin halb fertiggestellte Bild des 3. NFL-Spieltages.

Innerhalb dieser Zeitspanne drehte sich die Partie in Buffalo zugunsten der Bills, Detroit ging im Metrodome gegen die Vikings in Führung, Cleveland tat dasselbe gegen Miami, die Panthers und Cam Newton setzten zum entscheidenden Sprung gegen Jacksonville an und Mark Ingram sorgte mit seinem Premiere-Touchdown für den Sieg der New Orleans Saints.

An jedem verdammten Sonntag

Was zudem noch passierte: Meine zwei zuvor sorgsam platzierten Wetten auf NFL-Spiele platzten in den Minuten mit einem großen Knall. In einem Anfall, der mich alle paar Jahre mal überkommt, dachte ich mir Sonntag Nachmittag, dass eine kleine Kombi nicht schaden kann. Also hatte ich auf Siege für Cleveland, Jacksonville, New England und Green Bay gesetzt. Gerade bei den Browns und Jaguars eine wackelige, aber nicht unrealistische Kiste.

Um Verluste abzufangen kam noch eine Sicherheitswette mit New England, den Jets, den Steelers und Green Bay dazu – und das Unglück nahm seinen Lauf. Vor allem dank der Überraschungserfolge der Bills gegen die Patriots und der Oakland Raiders gegen die Jets.

Mir geht es hier gar nicht um verspieltes Geld oder verpassten Reichtum. Sondern einfach nur um die wieder einmal gewonnene Erkenntnis, dass genau solche Spieltage es sind, die den Reiz der Liga ausmachen. Und dafür zahlt man doch gerne mal fünf Euro, damit einem dies direkt vor Augen geführt wird. Auch wenn ich dieses "Hilfsmittel" Wetten eigentlich gar nicht gebraucht hätte.

Ein absolutes No-Go

Ein zweiter Trick, um sich für Spiele extra zu motivieren, bei denen das eigene Team nicht betroffen ist, ist natürlich Fantasy Football. Beides kann einen vor, während und nach den Spielen mit Nebensächlichkeiten glänzend unterhalten.

Doch Vorsicht! Wie auch beim wetten gilt für mich eine goldene Regel: Niemals die Wette/das Fantasy Team über das eigentliche Spiel stellen. Denn es ist schon sehr unschön, wenn die Nachricht: "Michael Vick erleidet Gehirnerschütterung“ die Reaktion: "Oh, nein, was soll ich denn jetzt machen? Vick sollte mein Fantasy Team doch zum Sieg führen", hervorruft.

Diese Ausruf ist gleich in mehreren Belangen sportmoralisch (ich erfinde einfach mal ein neues Wort) falsch. So tragen auch Menschen, die hundertfacher Millionär sind körperliche Schäden davon und haben Schmerzen. Vick dürften die Eagles, deren sportliche Erfolge und deren Fans tausend Mal näher am Herzen liegen, als ein virtuelles Team eines Sport-Nerds auf einer wahrscheinlich Tausende Kilometer entfernten Couch – zu recht! Für Wetten gilt dasselbe.

Ich will ja nichts sagen, aber...

Noch einmal kurz zu Vick, dessen Handbruch sich mittlerweile als Fehldiagnose herausgestellt hat. Ob er am nächsten Sonntag spielen kann, bleibt jedoch fraglich. Vick regte sich nach der Partie über ausbleibende Bestrafungen der Referees gegen solche Angriffe, die zu seiner Verletzung führten, auf. Inzwischen ruderte der Quarterback der Eagles etwas zurück und gelobte, die Referees nicht mehr zu kritisieren.

In der Sache mag Vick vielleicht recht haben, meiner Meinung nach ist es auch seine Spielweise, die die Unparteiischen eher zögern lässt als bei Tom Brady oder Peyton Manning auf Foul zu entscheiden. Doch sich nach einem Spiel hinzustellen, das zudem noch verloren ging, wirft meist ein schlechtes Licht auf einen selbst. Zumal er die Beschwerde mit den Worten einleitete: "Ich will mich ja nicht beklagen, aber..." Doch, Michael Vick, Du wolltest Dich beklagen. Und für solch ein Lamentieren gibt es bei meinem Fantasy-Team nur eine Strafe: Du kommst erst einmal auf die Bank.

Football heißt Football...

...weil der Ball zuweilen auch mal getreten wird. So dachte sich auch Dan Bailey, Kicker der Dallas Cowboys, der mit seinen sechs Field Goals in die Bresche sprang und mit seinem Fuß alleine für das 18:16 seines Teams gegen die Washington Redskins sorgte. Für einen NFL-Rekord reichte dies dennoch nicht, Rob Bironas von den Tennessee Titans schaffte 2007 gegen die Houston Texans acht Field Goals in einer Partie.

Apropos Titans, nicht Bironas, sondern Punter Brett Kern sorgte gegen die Denver Broncos für staunende Gesichter. Dessen Longsnapper Ken Amato warf ihm den Ball bei einem Punt im zweiten Viertel etwas schief zu, anstatt zu kicken nahm der 2009 vom Gegner Denver entlassene Kern die Beine in die Hand und lief 21 Yards zu einem neuen First Down – das schließlich zum 10:7-Halbzeitstand führte.

Doch damit nicht genug, mit diesen 21 Yards blieb er neben dem enttäuschenden Running Back Chris Johnson, der es in 13 Anläufen auf denselben Raumgewinn wie Kern brachte, der beste Läufer der Titans an diesem Abend.

Ausgetrickst

Während die Titans mit einem unfreiwilligem Trickspielzug Punkte einstrichen, wäre dies den Chicago Bears bei der 17:27-Niederlage gegen den Rivalen aus Green Bay mit einem gewollten Schachzug bei einem Punt Tim Masthays ebenfalls fast gelungen. Der "hauptamtliche" Returner Devin Hester und seine Blocker liefen, sobald der Ball in der Luft war, auf ihre linke Seitenlinie zu und zogen so die Aufmerksamkeit der Packers auf sich. Dass ihr Punter allerdings auf die rechte Bears-Seite gezielt hatte, entging den Packers in ihrem Eifer. Chicagos Johnny Knox rannte am rechten Rand 82 Yards zum Touchdown – der aufgrund eines Holdings allerdings annulliert wurde.

Einmal abgesehen vom Holding, das gar keines war: Warum verpulvert man so einen Trickspielzug bei einem fast uneinholbarem Rückstand? Ja, bei einem gelungenen Onside-Kick hätte man vielleicht nur 20 – 30 Yards vor der Brust für das Field Goal zum Ausgleich gehabt. Aber: Jay Cutler und dem Rest seiner Offense würde ich im derzeitigen Zustand so einen Raumgewinn nicht zutrauen.

Höhenflüge und Abstürze: Flop und Top Fünf

Lässt man die Top Drei mal außen vor, die natürlich derzeit aus Green Bay Packers, Detroit Lions und Buffalo Bills besteht, so langsam bin ich ein wenig ratlos, was den Rest der Liga angeht. Gehen wir mal nach dem Ausschlussprinzip vor: Die Baltimore Ravens hatten es gegen die St. Louis Rams (siehe unten) zu einfach, die Steelers gewannen zwar ebenfalls bei den Indianapolis Colts – aber ein 23:20 dank des Kickers ist gegen die Colts ohne Manning, später ohne Collins, aber mit Painter etwas dürftig.

Die ausschließlich kickenden Dallas Cowboys und die sich selbst im Weg stehenden San Diego Chargers, die mit Ach und Krach gegen die Kansas City Chiefs gewannen und mehr Punkte vom Divisionsrivalen zuließen, als die Bills und Lions zusammen, kann man ebenfalls aus der Wertung nehmen. Da blieben nur noch zwei Teams, die es halbwegs in diese Top Fünf schaffen könnten: Die wiederauferstandenen New York Giants, die alle bereits abgeschrieben hatten, und die New Orleans Saints.

Einfacher ist es da schon bei den Flop Fünf. Die St. Louis Rams, von denen fast jeder gedacht hätte, sie nehmen die NFC West im Handstreich, enttäuschten beim 7:37 gegen die Baltimore Ravens auf ganzer Linie. Die Minnesota Vikings zeigten dagegen gegen die Lions einmal mehr, dass sie vergessen haben, dass ein NFL-Spiel 60 und nicht nur 30 Minuten dauert. Und Sorry, Miami Dolphins, Colts und Chiefs – ihr habt mit aller Macht versucht Euch gegen die 0:3-Bilanz zu stemmen, aber am Ende bewiesen, warum ihr derzeit am Ende unten steht. Und zugegeben, die Tatsache, dass alle fünf Teams bei 0:3 stehen, machte die Sache in dieser Woche einfacher.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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