HOME

NFL: Any Given Wednesday - Risiko zahlt sich für Falcons nicht aus

Im Football entscheiden oft Sekunden und Zentimeter - diese leidvolle Erfahrung musste am 10. Spieltag Mike Smith von den Atlanta Falcons machen. Ist der Coach in dieser Woche der einsamste Mensch im Staate Georgia? Und hätte er eine andere Entscheidung treffen müssen?

Entscheidungen in Sekunden gehören zum Football wie in jedem anderen Sport dazu. Das fängt in der NFL mit dem Münzwurf und der Seitenwahl an, geht für Spieler und Coaches bei der Auswahl der Spielzüge weiter und endet erst mit dem Ablaufen der Uhr. Dass in solch kleinen Zeitfenstern gefällte Entscheidungen oft zu Fehlern führen, ist dabei klar – wie im Falle von Atlanta Falcons-Coach Mike Smith bei der 23:26-Niederlage gegen die New Orleans Saints.

Gegen den Divisionsrivalen hatten sich seine Falcons nach einem 13-Punkte-Rückstand die Verlängerung erkämpft und der ersten Angriffsserie von Drew Brees und seiner Offense auch standgehalten. Saints-Headcoach Sean Payton, durch Krücken nur physisch eingeschränkt, entschied trotz einer kurzen Ein-Yard-Distanz an der eigenen 36-Yard-Linie zum Punt und Atlanta bekam den Ball zurück.

Den Falcons erging es ähnlich wie den Rivalen, nur wenige Zentimeter fehlten beim vierten Versuch an der eigenen 29-Yard-Linie. Smith nahm eine Auszeit, Punter Matt Bosher musste unverrichteter Dinge wieder vom Feld und Quarterback Matt Ryan übernahm. Der übergab den Ball zwar schnell – und wie erwartet – an Running Back Mike Turner, doch der wurde vor dem First Down gestoppt. Der Rest ist Geschichte: Die Saints bekamen den Ball, legten ihrem Kicker John Kasay den Ball noch in sichere Reichweite an der Acht-Yard-Linie und gewannen die Partie.

Football ist ein Spiel um Zentimeter

Damit ist Mike Smith dieser Tage vielleicht der einsamste Mensch in Atlanta. Wie so oft im Football entschieden wenige Zentimeter dieses Spiel. Und Smith Entscheidung. Denn als er das Timeout nahm, war diese schon gefällt, er brauchte die Zeit nicht mehr zum überlegen. Und auch nachdem Gegenüber Payton ebenfalls noch einmal Bedenkzeit nahm, konnte er diesen Entschluss nicht mehr rückgängig machen – er hätte sich als wankelmütiger Coach dargestellt.

Er hätte allerdings noch sein Gesicht wahren können, indem er Ryan die Anweisung gegeben hätte, keinen Spielzug zu versuchen, sondern nur die Defense per sogenannten Hardcount ins Abseits zu locken. Ryan wäre nicht der erste Quarterback gewesen, dem dieser Schachzug in dieser Saison gelungen wäre. Doch Smith wollte – nachdem er sich einmal für das Ausspielen des Versuches entschieden hatte – offensichtlich an seinem ersten Impuls festhalten.

Es hätte so oder so ausgehen können

War dieser Impuls falsch? Es wäre einfach angesichts des Ausgangs zu sagen, das er dies war. So funktioniert es aber nicht. Smith hatte innerhalb seines Zeitfensters vielleicht sogar genau jene Gedanken im Kopf, die ich hier noch einmal ausführe. Zum einen hatte Brees nicht nur einmal, sondern mehrfach in diesem Spiel bewiesen, dass er die Defense Atlantas überwinden kann. Genau aus diesem Grund hatte sich Smith bereits nach dem 20:23-Anschluss gute vier Minuten vor dem Ende für einen Onside-Kick entschieden, statt auf seine Verteidigung zu bauen.

Auch die bisherige Statistik sprach nicht zwangsläufig gegen Smith, hatten seine Falcons in der Saison doch zwei von vier vierten Versuchen erfolgreich verwandeln können – einer von ihnen hatte den Touchdown zum 20:23 erst ermöglicht. Was gegen Smiths Entscheidung sprach war die Feldposition. Die eigene 29-Yard-Linie ist kein geeigneter Ort, um einem Kicker wie Kasay in einem Dome den Ball zu überlassen. Zur Not hätte dieser auch von dort kicken können und dabei eine gute Chance gehabt.

Falsche Entscheidungen

Aus genau diesem einzigen triftigen Grund hätte Smith punten lassen sollen. Hätte er diese Entscheidung an der Mittellinie getroffen, hätte man seinen Mut loben können. So drückte er für viele mangelndes Vertrauen in die eigene Defensive aus. Andererseits könnte die Entscheidung auch Vertrauen in die Offensive bedeuten – doch hatte nicht diese in der ersten Angriffsserie der Verlängerung nichts bestellen können, während die Verteidigung den Gegner in Schach halten konnte?

Die fehlende Effizienz der Offensive kam übrigens auch durch Entscheidungen Smiths und seiner Assistenten zustande. Bis zu dem Lauf von Turner, der mit insgesamt 96 Yards einen erfolgreichen Tag hatte, wurden in sechs von sieben Spielzügen Pässe angesagt. Davon fanden zwar drei ihr Ziel, doch nie reichte es für ein neues First Down. Vielleicht war dieser 10. Spieltag für Mike Smith einfach kein Tag der richtigen Entscheidungen.

Variante A: Grundsolides Ballspiel

Die richtige Entscheidung hatte an diesem Tag jedoch Denvers Coach John Fox getroffen, der sich beim 17:10 bei den Kansas City Chiefs fast ausschließlich auf das Laufen beschränkte und somit seinem viel diskutierten Quarterback Tim Tebow den dritten Sieg im vierten Spiel ermöglichte. 55 Mal ließ Fox die Offensive laufen und so gelang auch der erste Touchdown nach einem Lauf des Quarterbacks. Ganze acht Mal versuchte Tebow nur den Ball per Pass an den Mann zu bringen und nur in zwei Fällen gelang dies.

In einem Fall jedoch so erfolgreich, dass er den längsten Touchdown-Pass seiner Karriere feiern durfte. Der 56-Yard-Pass auf Eric Decker war tatsächlich aus der Kategorie "Aus dem Lehrbuch“, über die sechs nicht angekommenen Pässe decke ich lieber den Mantel des Schweigens. Tebow bleibt ein Phänomen und ich befürchte, ich habe ihn nicht zum letzten Mal in diesem Jahr erwähnt.

Denvers Coaches gebührt bei der ganzen Angelegenheit mein Respekt, schließlich hielten sie so stur an dem Laufplan fest, dass man als Beobachter sich nur noch fragen konnte: Kommt da auch mal ein Pass. Dieselbe Frage stellte sich wohl die Chiefs-Defense und das machte die Angelegenheit so gefährlich. Allerdings wäre das Experiment wohl im Grase des Arrowhead Stadiums verlaufen, wenn nicht Denvers Verteidigung eine glänzende Partie abgeliefert hätte. Kansas Citys Quarterback Matt Cassel dürfte heute noch schlecht vom Bronocs-Rookie Von Miller träumen, der ihn oft heimsuchte.

Variante B: Zirkus der Lüfte

Interessanterweise ist Tebow damit tatsächlich in einer Statistik besser als der derzeit uneingeschränkt beste seiner Zunft, nämlich Aaron Rodgers. Dieser hat "nur“ in fünf Spielen jeweils mindestens einen Touchdown geworfen und einen erlaufen, Dem Broncos-Spielmacher gelang es bereits in sieben Partien.

Rodgers wird dies kaum stören, spielt er doch in der Form seines Lebens und erhöhte seine Touchdown-Zahl beim 45:7 über die Minnesota Vikings auf 28, während er weiterhin nur drei Interceptions gegen sich stehen hat. Zwar war das Missverhältnis zwischen Läufen und Pässen nicht so eklatant wie bei den Broncos, doch es durfte schnell klar werden, auf welche Variante Mick McCarthy gegen den Divisionrivalen setzte.

So verdiente sich Rodgers, der wieder einmal fast jeden seiner Mitspieler mit Pässen bedachte und neun verschiedene Ziele fand, einen frühen Feierabend und Vertreter Matt Flynn durfte kurz zeigen, dass er ebenfalls für Punkte sorgen kann. Die kamen jedoch ganz Packers-untypisch am Boden zustande, als Flynn selbst den Ball in die Hand nahm, in die Endzone lief und damit seinen ersten Touchdown in vier Jahren in Green Bay feiern durfte. Natürlich mit dem berühmten Lambeau Leap, dem Sprung ins Publikum, von dem einer des Kommentatorenteams Mike Tirico, Ron Jaworsky oder Jon Gruden witzelte, General Manager Ted Thompson würde bei der Draft besonderen Wert auf die Sprungkraft legen, damit seine Spieler auch standesgemäß feiern könnten.

Die anderen drei

Damit ist wie immer klar, wer die Top Fünf wieder einmal anführt. Eine Packers-Kolumne liegt für die letzte November-Woche schon in der Schublade und sie wird Woche für Woche länger. Bis dahin nur fünf Worte: Green Bay ist ganz oben. Ebenfalls zu den besten der Woche gehören die oben erwähnten Saints, die durch den Sieg Atlanta um zwei Spiele distanzieren konnten.

Noch höher als die Saints würde ich die San Francisco 49ers ansiedeln, die als einziges der ehemals vier Überraschungsteams weiterhin die Siegesfahne hochhalten. Es ist immer wieder – und das kann ich anscheinend nicht oft genug schreiben – erstaunlich, was Jim Harbaugh in der kurzen Zeit aus dem Team und vor allem Quarterback Alex Smith gezaubert hat. Ähnlich wie die Saints gewannen die Pittsburgh Steelers ihrerseits ein wichtiges Divisionspiel bei den Cincinnati Bengals, müssen jedoch weiterhin die Bengals und Baltimore Ravens in der AFC North fürchten.

Nicht zuletzt einen Platz auf dem Wochenolymp haben sich die Houston Texans verdient, die in diesem Jahr anscheinend wirklich einmal Playoff-Luft schnuppern werden – wenn Matt Leinart den frisch verletzten Quarterback Matt Schaub würdig vertreten kann.

Pechvögel und Verlierer

Ganz, ganz unten bleiben dagegen die Texans-Divisonsrivalen aus Indianapolis, bei denen Quarterback Curtis Painter wahrscheinlich der einsamste Mensch der Welt ist. Die vielleicht realistischte Möglichkeit auf einen Saisonsieg vergaben sie mit einem 3:17 gegen die Jacksonville Jaguars – 0:10 bleibt 0:10. Zudem hört man die Nachtigall langsam sogar offiziell trapsen, so gab General Manager Bill Polian gegenüber cbssports.com nun erstmals zu, dass man sich durchaus vorstellen können, 2012 einen Quarterback zu draften.

Während das Dasein im Keller für die Colts ungewohnt ist, hat man sich bei den Cleveland Browns schon länger dran gewöhnen dürfen, gilt die gesamte Stadt nicht erst seit LeBrons Abgang von den Cavaliers als von den Sportgöttern verflucht. Beim 12:13 gegen Mit-Kellerkind St. Louis war es vor allem Longsnapper Ryan Pontbriand der den Unmut der gebeutelten Stadt auf sich zog, als er beim entscheidenden Field-Goal-Versuch den Ball statt nach hinten zu werfen eher auf den Boden kullerte und es damit Phil Dawson unmöglich machte, eigentlich leichte drei Punkte einzufahren.

Ebenfalls in den Flopregionen, obwohl die Bilanz noch etwas dagegen spricht, sind die Philadelphia Eagles. Dort setzte Coach Andy Reid zunächst Wide Receiver DeSean Jackson auf die Bank, weil dieser wegen eines nicht klingelnden Weckers ein Teammeeting verschlief. Dann verletzte sich mit Jeremy Maclin der zweite Wide Receiver beim Stande von 0:0 gegen die Arizona Cardinals. Von da an ging es weiter bergab, Quarterback Michael Vick warf für nur 128 Yards und zwei Mal in die Arme der Cardinals-Verteidiger und brach sich am Ende eine Rippe. Mit 3:6 dürfte die Saison für die Eagles gelaufen sein.

Ebenfalls ohne Hoffnung auf Playoff-Spiele im Januar stehen auch die Washington Redskins und Carolina Panthers da. Während dies in Charlotte von Beginn an auf der Rechnung war, hatten die Hauptstädter mit einem 3:1-Start Hoffnungen bei ihren Fans genährt. Die dürften nach dem 9:20 bei den Miami Dolphins endgültig zu Grabe getragen werden.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

Wissenscommunity