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Tony Kolb: "Natürlich gewinnen wir!"

stern.de sprach in Valencia mit Tony Kolb, Vorschiff-Mann bei BMW Oracle, über sein Leben als Ersatzmann, den harten Tag eines America's Cup Teilnehmers und die Chancen des deutsch-amerikanischen Teams auf den Titelgewinn.

Dürfen wir gleich mit der für Sie wahrscheinlich schmerzhaftesten Frage beginnen? Sie sind bei BMW Oracle lediglich Ersatzmann auf dem Vorschiff. Sagen Sie sich manchmal: Mensch, eigentlich wäre es besser, in einer weniger starken Mannschat zu sein und dafür zu Segeln?

Nein, ich bin sehr glücklich in diesem Team. BMW Oracle ist hoch professionell, wir haben dias meiste High-Tech an Bord, wir verfügen über die international besten Seglern und ich würde selbst für viel Geld nicht mit jemand anderem tauschen wollen.

Und das zweite Wunschteam, mit dem Sie gerne Segeln würden?

Ganz klar, Alinghi, denn das ist ebenfalls ein hochprofessionelles Top-Team.

Sehen Sie diesen America's Cup also lediglich als Generalprobe für einen zukünftigen Einsatz als Segler bei einem Spitzen-Team?

Natürlich, denn ich will ja eigentlich segeln und nicht der zweite Mann sein. Aber ich habe einfach noch nicht die Erfahrung, die andere in unserem Team mitbringen, weil ich ja mit 31 Kahren auch noch nicht so alt bin.

Sind Sie für einen echten Einsatz im America's Cup noch zu jung?

Nein, so kann man das nicht sagen. Dadurch, dass ich zunächst mehrfach um die Welt gesegelt habe, kam ich erst relativ spät zum Cup-Segeln. Die Anderen in meinem Alter hier haben bereits an ein oder zwei America's Cups teilgenommen. Das ist aber aus meiner Sicht kein so großer Vorteil, denn ich habe in den anderen Wettbewerben auch eine ganze Menge gelernt.

Sie haben mit der Illbruck in der Kampagne 2001/2002 das Volvo Ocean Race gewonnen. Wo sehen Sie den größten Unterschied zwischen diesen beiden Segel-Disziplinen?

Nun, das Volvo Ocean Race ist eine Langstrecke, während wir hier beim America's Cup eher kurze Sprints einlegen. Der oft gebrauchte Vergleich mit der Formel 1 ist schon ziemlich zutreffend. Das Rennen um die Welt läßt sich da eher mit der Rallye Paris-Dakar vergleichen, da kommt es sehr auf die Ausdauer und den Durchhaltewillen an. Wenn Sie bei Eiseskälte durch das Polarmeer segeln, ist das schon anders, als wenn sie hier direkt vor der Küste ein anderthalb-Stunden-Rennen absolvieren. Hier gehen Sie abends einfach unter die Dusche und dann ins schöne warme Bett.

Ein Luxus, von dem Sie beim Volvo Ocean Race nur träumen konnten.

Absolut. Ich habe damals zwischendurch fast vergessen, wie das ist. Aber der America's Cup ist deshalb nicht unbedingt weniger anstrengend. Auch hier musst du immer zu hundert Prozent alles geben, und abends bist du dann genau so geschafft. Wir alle gehen hier ziemlich früh zu Bett.

Wie sieht ihr Tagesablauf hier in Valencia eigentlich genau aus?

Ich stehe um acht Uhr auf und trinke erst einmal einen Kaffee (lacht). Gegen neun Uhr geht es ins teameigene Fitness-Studio bis etwa zehn, halb elf, und dann gibt es Frühstück. Danach gibt es das Segel-Team-Meeting mit dem Briefing zum Tagesprogramm, und dann sind wir bis fünf, sechs, sieben Uhr draußen. Danach gibt es einen kurzen Bord-Check, und dann geht es noch einmal ins Fitness-Studio zum Cardio-Training.

Sie haben einen anstrengenden Job.

Unsere Arbeitstage haben meistens zwölf Stunden, das stimmt schon.

Was denken Sie, was unterscheidet BMW Oracle von den anderen Herausforderern hier beim gegenwärtig stattfindenden Louis Vuitton Cup?

Ich denke, uns zeichnet Professionalität und Internationalität aus, genau wie die beiden beteiligten Konzerne BMW und Oracle. Unser Segelteam besteht aus Männern aus 16 verschiedenen Nationen, das ist schon etwas Besonderes. Wir haben außerdem nicht nur sehr viel Geld zur Verfügung, sondern auch eine hervorragende Technik. BMW ist ja nicht nur unser Sponsor, sondern auch unser Partner, und das bedeutet, dass vier BMW-Ingenieure seit drei Jahren an allen Entwicklungsschritten beteiligt sind, von der Elektronik über den Bootskörper bis zur Software.

Noch eine kurze Frage zu Jochen Schümann: Stört es Sie, dass er so sehr mit dem deutschen Segel-Sport gleichgesetzt wird, während Sie und Tim Kröger ein wenig in seinem Schatten stehen?

Überhaupt nicht. Jochen ist mein Leben lang mein großes Vorbild gewesen. Er ist ein netter Typ und er ist genau so ein Freund von mir wie Tim Kröger. Wir verstehen uns alle drei sehr gut.

Was war in Ihrer Seglerkarriere der schwierigste Augenblick, was war der schönste?

Ganz klar, der schönste Moment war für mich der Gewinn des Volvo Ocean Race, also der Zieleinlauf in Kiel. Das war der Hammer, 300.000 Menschen am Ufer, von denen etwa 295.000 meinen Namen gerufen haben! (lacht) Das war ein Augenblick, den ich niemals vergessen werde. Der schlimmste Moment war, als mein Starboot-Kollege Marc Pickel und ich uns auf dem Höhepunkt der Olympia-Vorbereitung für Athen 2004 getrennt haben. Das hat in dem Moment sehr wehgetan, und das tut immer noch weh.

Wer wird am Ende den Louis Vuitton Cup gewinnen?

Natürlich wir!

Und den America's Cup?

Auch wir!

Sie glauben wirklich, dass Sie den Defender Alinghi schlagen können?

Ja, denn ich denke, dass wir das schnellere Boot und das bessere Segel-Team haben.

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