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Trend-Sport "Parkour": Rolle Rückwärts zur Fortbewegung

Wer würde nicht einmal gerne in James-Bond-Manier von Haus zu Haus hechten? In Pariser Vororten erwuchs aus dieser Phantasie eine eigene Sportart: Parkour. stern.de war neugierig und hat sich bei einer offziellen Repräsentantin über den Sport erkundigt.

Von Felix Haas

Frau Hess, was ist Parkour überhaupt?
Parkour – ist die Kunst der Fortbewegung, das heißt ohne jegliche Hilfsmittel Hindernisse effizient zu überwinden und dabei eine fließende Bewegung hinter sich zu lassen. Da die Bewegungen den Umgebungen angepasst werden, ist Parkour eine ständige Herausforderung mit sich selbst - eine Suche nach neuen und anderen Wegen eigene Ziele und Grenzen zu stecken und diese immer wieder aufs neue zu überwinden. Sozusagen ein endloses Spiel.

Wie wird aus diesem Spiel dann ein ernstzunehmender Sport?
Parkour definiert sich über seine eigenmotorischen Aktivitäten. Da es keine Wettkämpfe gibt, steht als erstes der Spaß an der Bewegung im Vordergrund, um ihn jedoch in Perfektion und Beherrschung auszuüben benötigt man ein hohes Leistungsniveau, was mit Disziplin und hartem Training verbunden ist.

Sie sagen, es gibt noch keine Wettkämpfe. Wie könnten Wettkämpfe und Meisterschaften im Parkour aussehen?
Natürlich vergleichen sich die Traceure (die Sportler, die Parkour betreiben, Anm. d. Red.) bereits im Training miteinander oder posten ihre neuesten Videos im Internet – man kann dies schon als inoffizielle Vergleiche betiteln. Ich glaube es wird einen Wettkampf geben, aber dafür benötigt man Zeit, es muss sich entwickeln. Somit kann ich nicht sagen wie so ein Contest aussehen könnte, da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Parkour steht am Anfang der Entwicklung einer neuen Sportart. Wir werden sehen was die Zukunft bringt.

Sie sprechen die beliebten Videos auf diversen Internetseiten an. Zählt beim Parkour wie in anderen Extremsportarten vor allem der "Free"-Faktor?
Der "Free-Faktor" spielt im Parkour eine große Rolle. Schließlich ist die Freiheit der Bewegung und deren Ausübung an den verschiedensten Orten, die den Reiz an der Sportart ausmacht.

Wie verbreitet ist Parkour?
Da es keine festen Strukturen gibt wie in den herkömmlichen Sportarten, ist es schwer zu sagen wie viele den Sport betreiben. In Deutschland gehe ich von schätzungsweise 3000 Personen aus. Man kann allerdings sagen, dass der Sport mittlerweile global fast in allen Ländern vertreten ist. Mal mehr Mal weniger.

Die Ursprünge von Parkour kommen aus Frankreich...
...genau. Parkour entstand Mitte der 80er Jahre in Lisses (50 km südlich von Paris gelegen). David Belle (heute u.a ein französischer Schauspieler, Anm. d. Redaktion) hat die Sportart Parkour begründet. Von einem anfänglich spielerischen Aspekt entwickelte sich Parkour zu einer sportlichen Herausforderung. Die Überwindung von Hindernissen, Höhen und Weiten der einzelnen Komponenten der Natur und architektonischen Gegebenheiten gewann ständig an Schwierigkeitsgraden hinzu.

Im Internet kursieren viele Videos von Parkour, viele Actionfilme wie die Ghettogangz-Produktionen benutzen den Sport, um spektakuläre Bilder zu produzieren. Wächst Parkour vor allem aufgrund der medialen Inszenierung?
Die heutige Bekanntheit von Parkour ist einzig und allein den Medien und dem Internet zu zuschreiben. David Belle selbst gab seine gedrehten Videos zu den TV-Sendern, das war der Beginn der Verbreitung von Parkour. Zahlreiche Werbespots und Actionfilme verhalfen Parkour zum weltweiten Durchbruch. Die Produzenten bedienen sich mittlerweile bei der Vermarktung ihrer Produkte gezielt der Sportart Parkour. Das trägt dazu bei, dass die Sportart weltweit bekannter wird. Die Actionszenen werden nicht als Stuntmethode wahrgenommen, da die meisten Parkourszenen prinzipiell auch von Parkoursportlern besetzt sind, egal ob als Protagonist der Szene oder als Double.

Man muss sicher bestimmte Voraussetzungen mitbringen, um mit Parkour zu beginnen. Was raten sie jenen, die Interesse haben, anzufangen?
Auch im Parkour beginnt man Schritt für Schritt. Man lernt zuerst die Basistechniken und dazu gehört außerdem viel Krafttraining, Koordination, Balance und Geschicklichkeit. Es ist wie eine Ganzkörperschule. Man überwindet erst kleine Mauern und Geländer und steigert sich dann von Training zu Training. Es ist schwer zu sagen, was einfach und was schwer fällt. Es ist von Person zu Person unterschiedlich. Prinzipiell kann es aber jeder betreiben, der über einen gesunden körperlichen und geistigen Zustand verfügt. Durch die Vielfalt und Freiheit der Bewegungen sind die Möglichkeiten vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen nahezu grenzenlos.

Ist die Gefahr, sich zu überschätzen und damit die Gefahr von schweren Verletzungen nicht ein wenig hoch? Als Laie hat man meist gleich die spektakulären Bilder der Profis im Kopf.
Man sollte darauf achten, dass man sich nicht selbst überschätzt. Wenn man Parkour ernsthaft betreibt, dann passiert recht wenig. Es kann gefährlich werden, wenn man falsch trainiert, mit den falschen Übungen anfängt oder man die Bewegungen der Profis einfach nachahmt. Auch die zahlreichen Videos in den verschiedensten Internetportalen werden von vielen Jugendlichen falsch verstanden und oft überschätzen sie in der Realität ihr Leistungsvermögen. Von daher ist es wichtig die Technik zu erlernen und am Boden zu beginnen, um unnötige Risiken zu vermeiden. Natürlich gibt es Verletzungen wie in anderen Sportarten auch, dass bleibt natürlich nicht aus. Deshalb ist es oberstes Gebot sich nicht selbst zu überschätzen.

Das klingt, als müsste man im Parkour mit einem großen Verantwortungsbewußtsein agieren.
Parkour ist auch eine Schule des Geistes und fördert Selbstvertrauen, Entschlossenheit, Anpassungsfähigkeit und Bescheidenheit. Man sollte sich körperlich gut vorbereiten und auch darüber nachdenken, was man macht.

Felix Haas
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