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Vor dem Start: Warten

Ausrüsten, trainieren, reparieren, optimieren, telefonieren. Alltags-Countdown vor unserem Regattastart.

Ausrüsten, trainieren, reparieren, optimieren, telefonieren. Alltags-Countdown vor unserem Regattastart. Ab mittags wird gesegelt und die Mannschaft dabei von Einpeitscher Tim Kröger gequält. "Trimm! Trimm!!"; "Schneller! Schneller!! Schneller!!! Warum ist der Achterholer noch nicht eingestellt? Wer hat den Downfucker gefiert??"

Davor und danach wird gearbeitet, erledigt, besorgt. Ein Paket mit Ersatzfallen (keine Fangeinrichtungen sondern die Taue, an denen die Segel hochgezogen werden) ist beim Zoll in Boston hängen geblieben; einer muss hin. Der Spinnaker hat ein Loch und muss geflickt werden. Das Iridium-Telefon hat eine Software, die dem Hersteller aber ganz unbekannt ist, und muss umgerüstet werden. Die Maschine hat eine Macke und muss vor jedem Start entlüftet werden. Und so weiter.

Letzte Vorbereitungen

Alle Schwimmwesten werden durchgecheckt und die Tabletten erneuert, die bei Wasserberührung das automatische Aufblasen auslösen. Ein "Dodger", eine Art Sturmhaube aus Kohlefaser wird über dem Niedergang montiert, Vorsorge gegen Atlantikbrecher. Und ein Beschlag für ein Notruder wird vorsichtshalber noch am Heck angebracht - unsere Konkurrenten vom "Team 888" sind auf der Herfahrt mit einem schlafenden Wal kollidiert und haben dabei ein Schwert verloren.

Sicherheitsfragen

Auch die anderen Sicherheitseinrichtungen werden noch einmal geprüft. Die vier Rettungsinseln, die Epirb-Boje, die bei Untergang automatisch aufschwimmt und Schiffskennung und letzte Position sendet; die drei Mann-über-Bord-Bojen, Feuerlöscher, Lenzpumpen , Raketen und die neuen Armbanduhren für jedes Crewmitglied, die Signalsender enthalten und sich bei Salzwasserberührung automatisch aktivieren. Doch das Thema, was "da draußen" alles passieren könnte, wird kaum erörtert - trotz der kleinen Schwertfischfänger, die im benachbarten Fischer-Hafen liegen; Schwesterschiffe der "Andrea Gail, deren letzte Fahrt Sebastian Junger in seinem Buch "Der Sturm" beschrieben hat.

Der Atlantik, der vor uns liegt, war das Revier des Trawlers, der mit 72 Fuß etwas kleiner war als die "Uca". 1991 trat er seine letzte Reise an, auf der er in einen Todessturm geriet mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 160 Kilometer pro Stunde und Wellen, die so hoch waren wie vierstöckige Mietshäuser. Aber die Jahreszeit war eine andere. Die "Andrea Gail" ging im Oktober zugrunde, die "Uca"bricht im Juni auf. Und die Stimmung an Bord ist gelassen bis optimistisch; nur manchmal steigt Sarkasmus auf, wenn die Sprache auf die "Zaraffa" kommt, die schon halb in Cuxhaven ist, wenn wir endlich losfahren dürfen.

Verpflegung

Jetzt kommt auch der Proviant an Bord. Piet und Paul haben ihn ausgeknobelt, besorgt und in 30-Kilo-Säcke verpackt. Jeder Sack enthält die komplette Verpflegung für zwei Tage mit jeweils sechs Mahlzeiten. Um 14 Uhr und 22 Uhr gibt es warmes Essen, mittags mal "Jägertopf", mal "Karotteneintopf", abends mal "Waldpilz-Sojaragout", mal "Gartengemüse-Soja-Risotto", alles aus der Tüte zum Anrühren. Auch der "pflanzliche Gemüsemix" ist wieder dabei, der schon im Training zu kollektivem Aufstöhnen führte. Schmeckt tierisch. Und sieht so aus, dass einer aus der Crew beim Abendessen an Deck einen Blick in seinen Napf warf und dann sagte: "Bin ich aber froh, dass es dunkel ist."

Gewichtsprobleme

Je voller das Schiff wird, desto schwerer wird es. Aber Gewicht ist unser Feind. Je weniger wir davon haben, desto früher kommt das Boot ins Surfen, desto schneller sind wir zu Hause. Deswegen ist die Crew in einer Frage noch gespalten. Sollen wir ein zweites Großsegel mitnehmen? Es macht den beängstigend engen Raum unter Deck noch enger und bringt noch einmal 100 Kilo an Bord. Also nein! Andererseits sind wir, wenn das einzige Großsegel reißt oder beschädigt wird, in der Lage eines Autos, dem der Turbolader platzt. Dann schleichen wir über den Atlantik. Und dann wird es auch mit dem Proviant eng. Für mehr als 15 Tage haben Piet und Paul nicht eingekauft. Also doch? Oberskipper Klaus Murmann hat doppeltes Überschlafen angeordnet und die Entscheidung auf Donnerstag vertagt.

Peter Sandmeyer
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