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Wimbledon: Stöhnen bis der Arzt kommt

Seit Tagen beschäftigt die Tennis-Welt in Wimbledon nur ein Thema: Wie laut dürfen Tennisspielerinnen stöhnen? Auslöser für die kuriose Debatte ist die Portugiesin Michelle Larcher de Brito. Die 16-Jährige kreischt beim Schlagen, dass die Ohren klingeln.

Doris Henkel, London

Die Offiziellen des All England Clubs hatten sich offenbar was dabei gedacht, das Spiel auf Platz 17 stattfinden zu lassen. Auf einem Platz am Rande der Anlage, nah an der viel befahrenen Straße mit ihren Geräuschen. Die passende Kulisse für den zu erwartenden Lärm auf Court 17, dem Schauplatz der Wimbledon-Premiere der jungen Portugiesin Michelle Larcher de Brito. Die hatte vor ein paar Wochen in Paris neue Maßstäbe auf der Skala des Stöhnens gesetzt, nicht nur wegen der Lautstärke von Kreissägenniveau von mehr als 100 Dezibel, sondern auch wegen der mehrsilbigen, markerschütternd schrillen Form.

Während des letzten Spiels in Paris hatte sich die französische Gegnerin Aravane Rezai offiziell beschwert, sie fühle sich massiv gestört und könne sich nicht mehr konzentrieren. Danach meldete sich die große Martina Navratilova zu Wort und sagte, so könne es nicht weitergehen, die Geräuschkulisse sei eine Zumutung für jede Gegnerin. Und zu Beginn der Championships schlug Michael Stich in einem Interview vor, man solle den stöhnenden Frauen doch mal die Videoaufzeichnungen ihrer Spiele präsentieren, um sie so zum Schweigen zu bringen.

Medienschaffende aus aller Welt auf Platz 17

Ein Kommentar führte zum anderen, und so war es kein Wunder, dass sich am Rande von Platz 17 Medienschaffende aus der ganzen Welt versammelten, inklusive des in Wimbledon für die BBC arbeitenden Kritikers Stich - und jeder damit rechnete, gleich werde der Sturm des Gestöhns wieder losbrechen. Aber es wehte nicht mal ein laues Lüftchen. Fast geräuschlos gewann Michelle Larcher de Brito das Spiel.

Merkwürdig, oder? Hatte sie nicht in Paris erklärt, das Stöhnen gehöre zu ihrem Spiel, das sei immer schon so gewesen, und so werde es bleiben? Wie war nun die Ruhe zu erklären? Ganz einfach, meinte sie, der Grad des Stöhnens hänge von der Intensität der Partie ab, und da sie diesmal von Anfang bis Ende solide gespielt habe, sei es nicht nötig gewesen, lauter zu werden. Die Frage, ob sie von irgendeiner offiziellen Stelle angehalten worden sei, sich zu mäßigen, beantwortete sie mit einem klaren Nein.

Es war nicht die einzige konkrete Frage an diesem Tag, und man kann es nicht anders sagen: Für ein Mädchen von 16 Jahren, das in diesem Jahr die ersten Schritte in der Welt des großen Tennis macht, ging sie mit der Situation ungeheuer erwachsen um. Sehr deutlich skizzierte sie ihre Sicht der ganzen Geschichte. "Ich habe Erfolg, ich fange an, so zu spielen, wie ich mir das vorgestellt habe, bin in den Top 100. Ich bin endlich da, wohin ich wollte, und da will ich nichts ändern. Ich will das alles nicht ruinieren wegen einer Sache, die irgendwie lächerlich ist." Im Übrigen finde sie ihre Behandlung nicht fair. Nach Paris habe sie nicht einen einzigen Artikel über sich gelesen, in dem davon die Rede gewesen sei, sie habe die Nummer 15 der Welt besiegt - jeder habe sich nur auf das Kreischen konzentriert.

"Keiner kann mich davon abhalten zu stöhnen"

Nun ist das Thema an sich ein alter Hut. Seit Monica Seles' Erscheinen Ende der 1980er-Jahre begleitet es das Frauentennis wie der Donner den Blitz. Maria Scharapowa stöhnt seit Jahren unerträglich, an guten Tagen ist auch Serena Williams ein Kracher, und es gibt andere, weniger bekannte Spielerinnen, die das Trommelfell attackieren. Solange sich die stillen Gegnerinnen nicht häufiger beschweren, das Publikum dem Getöse nicht in Scharen den Rücken kehrt und keinerlei Strafen zu befürchten sind, wird aber sicher alles so bleiben, wie es ist.

Michelle Larcher de Brito lässt keinen Zweifel daran, dass sie auch in Zukunft von sich hören lassen wird - sowohl mit Leistung als auch mit Lärm. Mit moderater Stimme, aber auf sehr bestimmte Art versichert sie: "Ich bin nicht hier, um für irgendjemanden ruhig zu sein, ich bin hier, um zu spielen. Keiner kann mich davon abhalten zu stöhnen. Wenn sie mich deshalb bestrafen wollen - okay, nur zu. Lieber lasse ich mich bestrafen, ehe ich ein Spiel verliere, weil ich nicht mehr stöhnen darf."

FTD

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