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Wunderläuferin Jule Aßmann: Als rollte sie auf einem Rad

Jule Aßmann, 15, ist das größte Talent des deutschen Laufsports und wird von erstklassigen Wissenschaftlern betreut - doch wie umgehen mit einem Wunderkind, ohne ihm zu schaden?

Von Iris Hellmuth

Sie hat sich aufgestellt im Berliner Olympiastadion, sie ist kleiner als die anderen und die Jüngste dazu, sie ist die Favoritin, und nun kneift sie die Augen zusammen. Selten sehen Kindergesichter so erwachsen aus wie am Start eines Rennens. Die Stirn in Falten, den Blick starr in die Ferne gerichtet; sie imitieren die Pose der Großen und merken nicht, wenn aus der Pose Ernst wird.

Siebeneinhalb Runden liegen vor ihr, 3000 Meter, über diese Distanz hat Jule Aßmann Rekorde gebrochen und gut trainierte Männer besiegt. Sie ist gerade mal 15 Jahre alt, hat Sponsoren und einen Fernsehvertrag, doch sie sieht nicht glücklich aus. Es ist das erste Mal, dass sie auf nationaler Ebene antreten darf, bei deutschen Jugendmeisterschaften. Der Startschuss fällt, und Jule führt das Feld an, zwei Runden lang geht alles gut. Doch dann bricht sie ein, sie leidet Runde um Runde, ins Ziel trudelt sie, 35 Sekunden über ihrer Bestzeit. Ihre Augen sind aufgerissen.

Jules Gabe zu laufen ist äußerst selten

Ende August sitzt Jule im Wintergarten ihrer Familie im Norden von Hamburg, ihre Stimme ist laut und klar, kaum noch mädchenhaft, sie füllt den ganzen Raum. Ihr Drama ist nun fünf Wochen her, gerade ist sie über 2000 Meter neue deutsche Bestzeit in ihrem Jahrgang gelaufen, 6:22,6 Minuten. "Ich kann schon über Berlin sprechen", sagt sie. "Obwohl ich es immer noch nicht begreifen kann." Sie hatte es allen zeigen wollen. Den Vertretern des Verbandes, die sie endlich starten ließen bei einem großen Rennen und nun neugierig im Stadion saßen. Dem RTLTeam, das nur ihretwegen da war. Und all den Zweiflern, die seit Jahren sagen, dass diese Läufe ihr nicht guttun, dass sie die Quittung bekommen wird.

Jule Assmann hat beste Anlagen, eines Tages mit der Weltelite mitzuhalten. Sie ist ein Wunderkind, so nennen es Erwachsene, wenn Kinder mehr können, als sie sollten, einfach so. Jules Gabe zu laufen ist äußerst selten: Während normale Läufer mit jedem Schritt eine Menge Kraft verschleudern, koordiniert sie unbewusst ihre Beinbewegungen so perfekt, als rollte sie auf einem Rad, sie nutzt die Schwerkraft und spart dabei Energie. So einen von Natur aus synchronen Laufstil sieht man sonst nur bei Äthiopiern oder Kenianern.

Seit vier Jahren wird Jules Körper an der Sporthochschule Köln von Biomechanikern und Trainingsanalytikern untersucht. Jule ist Thema eines eigenen Forschungsprojekts. Man will sichergehen, dass sie an den Belastungen keinen Schaden nimmt. Doch die Forscher fanden bei Jule bestätigt, was sie zuvor schon in jahrelangen Studien mit Sport treibenden Kindern beobachtet hatten. Joachim Mester, Professor für Trainingswissenschaft, eine Kapazität in Deutschland, sagt: "In den 80er Jahren war es noch Lehrmeinung, dass Kinder höchstens acht Minuten am Stück laufen sollten. Heute wissen wir, dass der kindliche Organismus so intelligent ist, dass er sich an hohe Belastungen anzupassen lernt. Die Frage ist: Sind diese kindgerecht, möchte das Kind es selbst, oder ist es der Ehrgeiz der Eltern? Bei Jule kann ich sagen: Die Motivation kommt klar aus ihr selbst."

Jule läuft, seit sie sieben ist

Jule läuft, seit sie sieben ist. Es passierte während eines Familienurlaubs: Ihr Vater, selbst Sportlehrer und Marathonläufer, nahm sie zu einer lockeren Joggingrunde mit, weil ihr langweilig war. Am nächsten Tag stand sie wieder mit den Laufschuhen im Flur. Von da an lief sie fast jeden Tag. Stellte einen Altersrekord nach dem anderen auf, besiegte in "stern TV" den Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann.

Das war im Fernsehen. Im echten Leben durfte Jule sich nicht mit Älteren, Ebenbürtigen messen. Es ging um Fürsorge, natürlich, aber auch ums Prinzip. "Der Deutsche Leichtathletik-Verband lehnt den systematischen Leistungssport im Kindesalter aus pädagogischen und moralischen Gründen ab", sagte der damalige U-18- Bundestrainer Uwe Mäde. Man fürchtete, dass bei einer Ausnahmegenehmigung "viele andere mit weniger sorgfältiger Vorbereitung oder anderer Zielsetzung dieses Recht auch für sich beanspruchen". Eine verständliche Sorge. Doch lehnten es die Verbandstrainer selbst ab, die junge Athletin einmal zu treffen. "Ich hätte ihnen gerne gesagt, wie viel Spaß mir das Laufen bringt", sagt Jule. Erst in diesem Sommer hat man sie das erste Mal besucht. Sie werde "absolut altersgerecht betreut und trainiert", stellte Adi Zaar fest, Nachwuchs- Bundestrainer im Ausdauerlauf.

Der Umgang mit Jule Aßmann offenbart die Zwiespältigkeit, mit der die Gesellschaft auf junge Hochbegabte reagiert. Wie viel Schutz ist nötig, wie viel Förderung möglich? Wenn Chinas Kinderturnerinnen Gold holen, zucken die Deutschen zusammen, weil die Kleinen schrecklich gedrillt wirken. Die süße Franzi van Almsick startete mit 14 Jahren bei Olympia und wurde bejubelt, sie war Schwimmerin, Schwimmen soll gesund sein. Kaum jemand schrie auf: Die ist ja blutjung!

Die Eltern zweifeln oft

Jule Aßmann will, und die Wissenschaftler sagen: Lasst sie. Doch Monat für Monat verlief sie sich auf kleinen Wettkämpfen, am Ziel oft dasselbe Bild: freundliche Sportmütter mit Jutebeuteln. Keine "Call Rooms" und "Warm-Up-Zones" wie in Berlin. Als Jule all dies nun erleben durfte, lähmten ihr die Eindrücke die Beine. "Sie tat mir unendlich leid, ich hätte ihr diesen Sprung ins kalte Wasser gern erspart", sagt Karin Aßmann, und man spürt, dass auch die Eltern eines Wunderkinds manchmal zweifeln. Dass sie unsicher sind, wenn sie in das bettelnde Gesicht der Tochter schauen, die nicht laufen darf, weil ihre Patellasehne gerade weich ist, das passiert öfter im Wachstum, sagen die Ärzte. Oder wenn sie ihr erklären, dass sie nicht hören soll auf das Gerede der Leute. Kinder sollen sich nicht schinden, so geht Erwachsenen-Logik.

Doch wer mit Jule Aßmann einen Nachmittag lang läuft, merkt schnell, wie wenig sie das Laufen anstrengt. Wie sehr es eine eigene kleine Welt ist, in der sie leicht ist und lautlos. In der sie losplappert und Geschichten erzählt und dabei atmet, als ginge sie spazieren.

Ihr Körper ist zart und doch zäh, wie gemacht für den Ausdauerlauf. Sie war zwölf, als sie sich wünschte, einmal bei einem Marathon zu starten, es sollte an ihrem 13. Geburtstag sein. Die Eltern waren skeptisch, aber die Ärzte gaben grünes Licht. Weil Jule in Deutschland ein Start verboten ist, fuhr die Familie nach Wien. Der Vater lief mit – aber bei Kilometer 30 gab er auf, das Tempo seiner Tochter konnte er nicht mithalten. Nach drei Stunden und zehn Minuten, als siebte Frau, kam sie ins Ziel. Am nächsten Tag, sagt Jule, hätten ihre Beine gebrannt. Aber nur ein kleines bisschen.

Im letzten Zeugnis standen sieben Einser

Seitdem ist Jule nicht mehr Marathon gelaufen, sie hat die Strecken zwischen 800 und 5000 Meter für sich entdeckt. Dafür trainierte sie lange Zeit nicht mehr als sechs Stunden in der Woche, seit Neuestem acht bis zehn Stunden: Laufspiele, sanftes Krafttraining, Physiotherapie und Aquajogging, all dies auf wissenschaftlichen Rat. "Nur bei zu hohen Trainingsbelastungen kann der Baustoffwechsel bei Kindern beeinträchtigt werden", sagt Professor Mester. "Wenn ein Kind sich jeden Tag eine Stunde bewegt, ist das weitab jeder Gefahr. Inzwischen ist Jule alt genug, das Pensum langsam zu steigern."

Die Fahrten nach Köln sind für sie Routine. Und doch ist sie aufgeregt, wie an diesem Morgen in Hamburg, als sie am Hauptbahnhof dicht neben ihrem Vater steht, eine Spur von Sorge in den nutellabraunen Augen. Im Zug packt sie ihren Rucksack aus: Eine Menge zu essen ist darin, ein Thriller und ein Französischbuch. Jule geht in die zehnte Klasse des Gymnasiums, in ihrem letzten Zeugnis standen sieben Einser, eine davon in Mathematik. Doch das erzählt sie nicht von selbst, sie braucht diese Minuten, in denen sie abwartet und zuhört, und diesmal dauert es bis Hannover. Dann trinkt sie ihre heiße Schokolade, erzählt von ihren Freundinnen, lacht über den Papa, es ist wie eine Mini-Klassenfahrt. Holger Aßmann legt eine Mappe auf den Tisch.

Dutzende von Daten sind darin verzeichnet, Jules Größe und Gewicht im Lauf der Jahre, ihre Blutwerte, die Länge ihrer Beine, die Höhe des Beckens. Mit jedem Millimeter Wachstum verschieben sich Winkel und Neigungen dieses fragilen Gebildes, gute 15 Zentimeter ist Jule seit 2005 gewachsen, fünf pro Jahr. Vier wären ideal gewesen. Jules Hormonhaushalt wandelt sich, was auch Folgen haben könnte für die Laufleistung, zumindest waren die Forscher vor ihrer Pubertät davon ausgegangen. Nun steckt sie mittendrin.

Sie läuft wie eine Gazelle

Im biomechanischen Untersuchungslabor ist sie von Kopf bis Fuß mit Reflektoren beklebt, Jule ist angespannt. Was, wenn sich die Hebel ihres Körpers tatsächlich verschoben haben? Auf dem Computer leuchtet die 3-D-Animation ihres Laufstils. Jule stemmt eine Hand in die Hüfte, ihre Haare kleben an der Stirn. Doch sie strahlt - die Wissenschaftler sehen zufrieden aus. "Nach wie vor läuft Jule wie eine Gazelle, das hat sich nicht geändert", sagt Biomechaniker Björn Braunstein. "Von der Laufleistung her wie von der Mechanik gleicht Jules Kapazität nach wie vor der eines hart trainierenden Profisportlers." Wie gut sie mal werden kann? Die Leistungsdiagnostiker wollen keine Prognose abgeben, weil sie es mit einem Menschen zu tun hätten, nicht mit einer Laufmaschine.

Auch Holger Aßmann blickt erleichtert. Aber er sagt: "Vielleicht mag sie ja eines Tages nicht mehr laufen. Dann wäre das auch okay." Er schmunzelt, schüttelt den Kopf. "Seit Jahren müssen wir sie eher bremsen als sonst was." Viel lieber als über die ferne Zukunft redet er über die nächsten Schritte. In diesem Herbst nimmt Jule zum ersten Mal an einem Sichtungslehrgang des DLV teil. Sie ist nun alt genug.

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