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Hochwasserkatastrophe Warum wurden sie nicht gewarnt? Ein Jahr nach der Ahrflut hält die Suche nach den Verantwortlichen noch immer an

Malu Dreyer mit Roger Lewentz und Olaf Scholz
Nach der Flut: Ministerpräsidentin Malu Dreyer mit Kabinettskollege Lewentz und dem damaligen Kanzlerkandidaten Scholz bei Betroffenen im Ahrtal
© Thomas Frey / DPA
Vor einem Jahr starben 134 Menschen bei der Hochwasserkatastrophe an der Ahr. Nun wird das Systemversagen von einem Untersuchungsausschuss aufgearbeitet – für Malu Dreyer könnte es brenzlig werden.

Schlief Malu Dreyer in den dramatischen Stunden des 14. Juli 2021, die für Tausende Bewohner an der Ahr mit Verletzungen und Verlust und für 134 Menschen mit dem Tod endeten, den Schlaf der Gerechten? Zumindest geben Chatprotokolle der SPD-Regierung in Rheinland-Pfalz aus jener Nacht keine Hinweise darauf, dass die Ministerpräsidentin auf alarmierende Warnungen angemessen reagiert hätte. Im Gegenteil: Die Regierung war erschreckend desinformiert. Um 21.42 Uhr unkte Dreyer im Chat mit dem Innenminister, sie "höre", der Höchststand des Hochwassers sei wohl erst am Mittag des Folgetags erreicht. Zu diesem Zeitpunkt waren durch die Wucht der Sturzflut die Pegelstationen bereits fortgeschwemmt, und am Oberlauf der Ahr hatte das Wasser Autos, Häuser und Bewohner mitgerissen. Zwei Minuten nach der weltfremden SMS verabschiedete sich Dreyer mit einem "Schönen Abend!" Funkstille.

Genau ein Jahr ist es nun her, dass sich die Flut neun Stunden über 40 Kilometer durch das Ahrtal schob, und immer noch erwarten die Menschen eine Antwort auf die Frage, warum sie nicht rechtzeitig gewarnt wurden, warum es keine funktionierenden Alarm- und Katastrophenpläne gab, keine Sirenen. Und warum nicht evakuiert wurde. Etwa in Sinzig, wo das Hochwasser zuletzt auflief und wo nachts gegen zwei Uhr in einer Behinderteneinrichtung zwölf Menschen ertranken. Zwölf Leben, die leicht zu retten gewesen wären.

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Wer trägt die Schuld?

In Mainz versucht ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss, das politische Versagen aufzuklären. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt zudem gegen den damaligen Landrat sowie gegen den Brand- und Katastrophenschutzbeauftragten aus dem Krisenstab des Landkreises wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen. Bei Mitgliedern der Landesregierung mochte die Ermittlungsbehörde bislang keinen Verdacht erkennen. Mitarbeiter von Landesbehörden und Innenminister Roger Lewentz, SPD, wurden nur als Zeugen vernommen. Landeschefin Dreyer gab vor dem Ausschuss an, das Ausmaß der Katastrophe sei am 14. Juli noch nicht absehbar gewesen. Sie sei zudem als Ministerpräsidentin stets ansprechbar: "Ich bin immer sehr lange wach, dann kann mich jeder anrufen." Lewentz sagte ebenfalls aus, von "Personenschäden im größeren Umfang" da noch nichts gewusst zu haben. Personelle Konsequenzen blieben weitgehend aus. Nur Bundesfamilienministerin Anne Spiegel, Grüne, die sich als frühere Umweltministerin in Rheinland-Pfalz vorwerfen lassen musste, sich weniger um die Flut als um ihren Jahresurlaub gekümmert zu haben, musste ihr Amt hergeben. Wer trägt die Schuld?

Frank-Walter Steinmeier und Anne Spiegel
Am 25. April entließ Bundespräsident Steinmeier die Grünen-Politikerin Anne Spiegel als Bundesfamilienministerin. Gestürzt war sie über ihre frühere Rolle als Umweltministerin in Mainz
© Bernd von Jutrczenka / DPA

Vor der sich anbahnenden Katastrophe konnte man gewarnt sein, das haben seither viele Recherchen, auch des stern, ergeben. Tage vorher hatte das Europäische Hochwasser-Frühwarnsystem ECMWF Alarm geschlagen, doch der Ruf ging offenbar im Gestrüpp von behördlichen Zuständigkeiten unter. Der Deutsche Wetterdienst DWD gab am 11. Juli den ersten Gefahrenhinweis aus, in der Nacht zum 14. Juli erhöhte er auf die höchste Stufe. Auch diese Warnung wurde von den Behörden nicht ernst genug genommen. Starkregen, gewiss. Aber dass es so schlimm werden würde, das habe man sich in den schlimmsten Träumen nicht ausmalen können, sagten viele Verantwortliche gegenüber der Staatsanwaltschaft. Der stern konnte eine Vielzahl von Vernehmungsprotokollen der Ermittler einsehen, Zeugenaussagen aus dem Untersuchungsausschuss liegen vor. Sie zeichnen das Bild eines Multiorganversagens.

Die Wassermassen verwandelten einen Campingplatz in ein Trümmerfeld

Seinen Anfang nimmt der Horror nahe dem Örtchen Dorsel auf dem Campingplatz Stahlhütte. Auf dem weitläufigen Gelände zwischen Bundesstraße 258 und Ahrlauf sind an jenem Mittwoch, 14. Juli, gut 160 Parzellen vermietet, einige von ihnen dauerhaft. Denn anders als im benachbarten Nordrhein-Westfalen ist es hier gestattet, seinen Erstwohnsitz auf ein Campingareal zu verlegen. 41 Personen, sagt Betreiber Mario Frings, hätten hier ständig gewohnt. Das erklärt, warum viele Gäste angesichts des anhaltenden Regens in der Region nicht einfach ihre Siebensachen packten und abreisten. Es waren nicht nur sieben Sachen, es war alles, was sie hatten.

Gegen 15.30 Uhr tritt das Wasser über die Uferkante und läuft auf den Mittelweg, der die Campingparzellen in zwei Bereiche teilt. Ein Bewohner telefoniert den Platzbesitzer herbei. Frings ist gleich da. Bei einer Runde über das Areal hält er das Hochwasser zunächst für harmlos, er rät den Campinggästen, die Autos höher zu parken. Bei seiner zweiten Runde eine halbe Stunde später steht Frings das Wasser schon bis zur Oberkante seiner Stiefel, seine Warnungen werden energischer. Er habe die Leute "dringlich aufgefordert", die Wagen zu verlassen und in die höher gelegene Gastronomie an der Straße zu kommen. Längst nicht alle seien seinem Aufruf gefolgt, sagt er im Gespräch mit dem stern: So hätten zwei Männer unbedingt die Stellung halten wollen. Auch ein Feuerwehrmann, der hier im Einsatz war, sagte aus, einige Dauercamper hätten erst das Katzenfutter zusammengepackt, bevor sie den Platz verließen.

Gegen 16.30 Uhr spitzt sich die Lage mit rasanter Geschwindigkeit zu. Camping-Utensilien treiben zwischen den Wagen, am unteren Ende des Platzes verengt eine Brücke den Durchfluss, Wasser und Gerümpel stauen sich auf. An einigen Stellen erreicht der Wasserpegel bereits Hüfthöhe. Das Vorhaben, Leute mit einem Traktor zu evakuieren, muss abgebrochen werden, weil das schwere Gerät aufschwimmt. Auch die freiwillige Feuerwehr ist inzwischen überfordert. Der Versuch, eine gehbehinderte Frau aus ihrem Mobilheim zu holen, scheitert. Eine junge Feuerwehrfrau bleibt bei ihr, um auf Hilfe zu warten.

Zerstörung nach Flut
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© David Klammer/laif

Um 17.30 Uhr trifft ein Hubschrauber von der Rettungsstation am Nürburgring ein, Campingplatzbewohner winken mit Taschenlampen, und obwohl das Flugwetter eigentlich zu schlecht ist und sich an Bord nicht einmal eine Winde zur Personenbergung befindet, wagt sich der Pilot herunter. Per Hand lässt die Besatzung ein Seil auf etwa zwölf Meter Länge herab und zieht damit nacheinander vier Eingeschlossene ans Ufer, rettet danach noch einen Feuerwehrmann.

Es ist ein heldenhafter Einsatz, für sieben Personen am Campingplatz kommt er zu spät. Auch das Mobilheim mit der bettlägerigen Frau und Katharina K. von der Feuerwehr, die bei ihr ausharrt, wird weggespült. Gegen 20.30 Uhr wird die Rettungsaktion abgebrochen. Der Platz "glich einem Trümmerfeld", sagte ein Notfallsanitäter aus. Katharinas Vater ist als Feuerwehrmann auch vor Ort. Die Hubschraubercrew überbringt die Nachricht, dass "dort im Bereich nichts mehr steht". Die 19-Jährige gilt tagelang als vermisst, dann wird ihre Leiche geborgen.

Suche nach Verantwortlichen

Warum flussabwärts so lange nicht gewarnt wurde, wo doch am Oberlauf schon nachmittags Menschen ums Leben kamen, haben einige Zeugen damit erklärt, dass zeitweise die Handy- und Funknetze ausgefallen seien. Doch das allein reicht als Begründung nicht aus. Der Funkverkehr von Feuerwehr und Rettungskräften funktionierte zumindest in den früheren Abendstunden sehr wohl. So verfolgen Notfallretter über Funk, wie nach dem Einsatz von Stahlhütte zwei weitere Hubschrauber über der Region kreisen. Es bestand Kontakt der Piloten zu ihrer Leitstelle in Koblenz. Auch der Landrat in Bad Neuenahr-Ahrweiler war noch bis spät in der Nacht in der Lage, Dutzende Telefonate zu führen und eine Vielzahl von Textnachrichten abzusetzen, wie eine Auswertung seines Smartphones durch die Kripo belegt.

Im Innenministerium von Rheinland-Pfalz kommt jedenfalls an, dass bei Dorsel Land unter ist. Um 18.01 Uhr habe er die Mitteilung erhalten, dass dort ein Campingplatz überflutet worden sei, "Wohnwagen abgetrieben würden" und Menschen sich auf Dächer der Wagen gerettet hätten, sagte Innenminister Lewentz bei der Staatsanwaltschaft aus. Über eine sich anbahnende Katastrophe dort sei er allerdings nicht informiert gewesen.

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Immerhin bekommt der Minister mit, dass nach Dorsel nur noch "schwer hinzukommen" ist. Deswegen entscheidet er, lieber dem Krisenstab des Landkreises in Bad Neuenahr einen Besuch abzustatten. Dorthin kommt man noch trockenen Fußes. Um 19.20 Uhr trifft Lewentz ein, der damalige Landrat Jürgen Pföhler empfängt den Minister in der Tiefgarage des Landratsamts und führt ihn in die Einsatzzentrale des Krisenstabs. Von dem Treffen in dem fensterlosen Raum existiert ein inzwischen berühmtes Foto, auf dem Lewentz und Pföhler ihre Jacke anbehalten: Sie sind hier nur auf Stippvisite. Während Minister Lewentz eine "ruhig und konzentriert" agierende Einsatzleitung erlebt haben will, die er 25 Minuten später schon wieder verlässt, um ins Homeoffice zu fahren, weiß man von Pföhler nichts über diese Begegnung. Der beschuldigte Landrat a. D. verweigert bei Staatsanwaltschaft und Untersuchungsausschuss die Aussage.

So ist auch ein Jahr nach der Flut noch immer nicht lückenlos ermittelt, wo sich Pföhler, 64, an jenem Abend aufhielt und was er unternahm. Gegen 20 Uhr sah ihn ein Zeuge in der Nähe seines Privathauses mit dem Hund Gassi gehen. Andere erinnern sich, wie Pföhler etwas später mit Schaulustigen auf einer Fußgängerbrücke stand, unter der mächtige Baumstämme in der Ahr trieben. Ab 21.45 Uhr bis kurz nach 22 Uhr alarmierte Pföhler laut Zeugenaussagen seine unmittelbare Nachbarschaft am Ahrufer: Im Abstand von 50 Metern vom Fluss müsse evakuiert werden. Pföhler soll Nachbarn bei dieser Gelegenheit auch von der dramatischen Lage mit eingestürzten Häusern in dem Ort Schuld am oberen Ahrlauf berichtet haben. Danach machte er sich mit Gattin und Hund offenbar zur anderen Flussseite auf, wo Frau Pföhler eine weitere Wohnung in größerer Entfernung zur Ahr besitzt. Dort sieht eine Nachbarin, wie nach 22.30 Uhr Pföhlers roter Porsche aus dem Hinterhof wegfährt. Es ist die letzte Zeugenaussage zu Pföhlers Aufenthaltsort in dieser Nacht.

Dreyer unter Druck

Es gebe "so gut wie keine Anzeichen, dass der Landrat proaktiv daran beteiligt war, die Folgen der Flut abzuwenden", erklärte ein LKA-Beamter im Untersuchungsausschuss. Dabei sei Pföhler die Lage im Ahrtal ab 22 Uhr "einigermaßen bekannt" gewesen. Offiziell rief der Krisenstab des Landkreises um 23.09 Uhr den Katastrophenfall aus – Pföhler wusste wohl früher Bescheid, konnte Freunde warnen und sich selbst in Sicherheit bringen.

An dem kläglichen Bild, dass der mittlerweile in den Ruhestand versetzte Landrat in der Flutnacht abgab, bestehen bei den Menschen der Ahr heute kaum Zweifel. Die Frage ist, ob Eigennutz und Missmanagement auch strafbar sind. Längst verfolgt Pföhlers Verteidigung die Linie, die Pflicht zum Handeln habe nicht beim Landkreis gelegen, sondern beim Land. Tatsächlich sieht auch ein Rechtsgutachten für den Ausschuss deutliche Hinweise darauf, dass das überregionale Hochwasserereignis einer zentralen Einsatzleitung auf Landesebene bedurft hätte. Ein weiteres Gutachten ist in Arbeit. Was das heißt? Es könnte noch brenzlig werden für Malu Dreyer, die vom Flutchaos nicht viel mitbekam, ebenso für ihren Innenminister.

Sieben Stunden nachdem in Dorsel Menschen in ihren Wohnwagen weggespült worden sind und vier Stunden nach der Verwüstung von Schuld bekommt auch Minister Lewentz eine Ahnung davon, was sich im Ahrtal ereignet. "Liebe Malu, die Lage eskaliert", schreibt er um 0.58 Uhr an Dreyer: In der Gemeinde Schuld "sind wohl 6 Häuser eingestürzt. Es kann Tote geben/gegeben haben. Unsere Hubschrauber flogen drüber, bekamen Lichtzeichen mit Taschenlampen, konnten aber nicht runter gehen. Es gab wohl ganz traurige Szenen."

"Lieber Roger", schreibt Malu Dreyer zurück, "ich bin erreichbar." Da ist es 5.33 Uhr.

Die Nacht der Flutkatastrophe: In der neuen Folge Climate Crime sprechen Louisa Dellert und Markus Ehrlich mit Betroffenen - hier reinhören: 
 
Erschienen in stern 29/2022

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