VG-Wort Pixel

Selbstversorgung auf dem Dorf Geld mit der Sonne – wie deutsche Firmen vom Solarboom in Afrika profitieren

Eine Familie aus der Nähe von Arusha nimmt ihre neue Solaranlage in Empfang
Eine Familie aus der Nähe von Arusha nimmt ihre neue Solaranlage in Empfang
© Andrzej Rybak
Weil die Stromnetze nicht ausreichen, versorgen sich viele Afrikaner über eigene Solaranlagen. Ein Geschäft, bei dem auch deutsche Firmen mitmischen.

Der Tag hat gerade erst begonnen, doch Neema Nassary hat bereits Kundschaft. Die junge Tansanierin verkauft eine Ware, die am Fuß des Mount Meru im Norden ihres Landes sehr gefragt ist: Strom. "Unser Dorf ist nicht an das Stromnetz angeschlossen" , sagt die Geschäftsfrau. "Früher mussten die Leute zehn Kilometer in die Stadt fahren, um ihr Handy aufzuladen. Jetzt können sie das bei mir tun!"

Vor einigen Jahren kaufte Nassary in der Regionalhauptstadt Arusha einen Sonnenkollektor, der nun auf dem Wellblechdach funkelt, und eröffnete eine Handy-Ladestation. Das Geschäft läuft gut, die Technik der Berliner Firma Mobisol funktioniert einwandfrei. Jeden Tag lädt sie mindestens 20 Telefone auf, an Wochenenden sind es doppelt so viele. Sie verdiene damit umgerechnet zwischen 2,50 Euro und 5 Euro pro Tag, berichtet Nassary. "Damit kann ich das Schulgeld meiner Kinder bezahlen."

Die Bevölkerung wächst schneller als die Stromtrassen

In Afrika kündigt sich eine Solarrevolution an. In den vergangenen fünf Jahren wurden nach Schätzungen von Branchenexperten 1,5 Millionen Haus-Solarsysteme installiert, die für Licht sorgen, Fernseher oder Musikboxen antreiben oder Handys aufladen. Das Geschäft boomt, jedes Jahr kommen Hunderttausende neuer Anlagen hinzu.

Südlich der Sahara sind bis zu 75 Prozent der Bevölkerung nicht an das nationale Stromnetz angeschlossen, beklagt die Internationale Energie Agentur. Das betrifft mehrere Hundert Millionen Menschen. Und es werden immer mehr, denn die afrikanischen Regierungen kommen mit dem Bau von Kraftwerken und Stromtrassen nicht schnell genug voran – die Bevölkerung wächst schneller.

Neue Techniken sollen die Menschen nun unabhängig vom Stromnetz machen. Eine Parallele zum Mobilfunk zeichnet sich ab. Heute haben rund drei Viertel aller Afrikaner ein Handy, aber nur ganz wenige besitzen einen festen Telefonanschluss. Damit hat der Kontinent eine technologische Entwicklungsstufe übersprungen. Dasselbe soll nun auch bei der Energieversorgung geschehen. "Wir stellen eine drahtlose Verbindung zwischen dem Haus und der Sonne her und wandeln die Strahlen kostengünstig in Energie um", sagt Thomas Gottschalk, Gründer und Geschäftsführer von Mobisol. "Jeder wird zum Selbstversorger, teure Stromleitungen sind nicht mehr nötig."

Rund drei Dutzend Unternehmen entwickeln und vertreiben in Afrika die Anlagen, darunter die niederländische Firma Lumos Global in Nigeria, die kalifornische Off Grid Electric in Tansania, die kenianische M-Kopa in Kenia und eben Mobisol aus Berlin. Gemeinsam machen sie dreistellige Millionenumsätze, Tendenz schnell steigend. Ihr Erfolg ist den großen Energiekonzernen nicht entgangen: Frankreichs Total kaufte sich 2016 bei Off Grid Electric ein, Engie SA übernahm voriges Jahr die Off-Grid-Firma Fenix.

Auch für große Finanzinvestoren sind die Anbieter von kleinen Haus-Solarsystemen interessant geworden. Der Investmentfonds Investec stieg 2016 bei Mobisol ein. Die Berliner haben seit 2013 mehr als 120.000 Systeme verkauft, zuerst in Tansania und Ruanda, seit gut einem Jahr auch in Kenia. "Dank unseren Anlagen haben nun über 600.000 Menschen in Ostafrika Strom", sagt Gottschalk stolz.

Der technische Fortschritt treibt die Expansion der Solarlösungen voran. Die Solarmodule und Batterien werden immer billiger und effizienter, die LED-Lampen und Fernseher verbrauchen immer weniger Strom. Die Anlagen müssen allerdings vorfinanziert werden, denn in Afrika hat kaum jemand so viel Geld, um sie sofort bezahlen zu können.

Mobisol bietet drei unterschiedliche Anlagen mit 80, 120 und 200 Watt Leistung, die zwischen 600 und 1300 Euro kosten. Die Kunden überweisen das Geld in 48 Monatsraten von 20 bis 42 Euro per SMS über das Mobilfunk-Bezahlsystem M-Pesa. "In Tansania hat kaum jemand ein Bankkonto, das Bezahlsystem macht unser Geschäftsmodell überhaupt erst möglich", sagt Gottschalk.

Die Zahlungsmoral ist sehr hoch

Die Solarsysteme von Mobisol werden überwiegend in China produziert. Sie sind mit einer Steuerungseinheit ausgestattet, die Daten über Stromerzeugung und Zahlungseingänge der Kunden an die Zentrale übermittelt. Allein in Tansania beschäftigt Mobisol bereits 500 Mitarbeiter, schult Techniker und Verkäufer. Bei Pannen rücken sie innerhalb von 48 Stunden aus. Gerät ein Kunde mit seinen Raten in Verzug, wird die Anlage automatisch abgeschaltet. Die Zahlungsmoral ist allerdings sehr hoch. Mobisol hat eine Ausfallquote, die deutlich unter zehn Prozent liegt.

Und die Berliner wollen weiter expandieren: Äthiopien, Elfenbeinküste, Nigeria, Madagaskar und Uganda stehen auf dem Programm.

Während Mobisol mit großen Kollektoren unterwegs ist, setzen andere Firmen auf billige Anlagen. "Unsere Zielgruppe ist der unterste Teil der Pyramide", sagt Jesse Moore, Mitbegründer und Geschäftsführer von M-Kopa in Nairobi. Das sieben Jahre alte Start-up gehört zu den Pionieren der Off-Grid-Revolution in Afrika und hat schon mehr als 600.000 Anlagen in Kenia und Uganda verkauft. Die größte Anlage, M-Kopa 500, hat gerade 20 Watt Leistung: Sie kann drei Leuchten und einen 22-Zoll-Fernseher versorgen.

Die Anlage kostet 70 Euro Anzahlung und wird ein Jahr lang mit Tagesraten von rund einem Euro abbezahlt. Das ist für Familien günstiger als die bislang weitgehend genutzten Kerosinlampen – und umweltfreundlicher: Denn Kerosinschwaden verpesten die Luft und machen die Menschen krank.

Wer Strom hat, kann damit auch Geld verdienen. Wie Neema Nassary mit ihrer Handy-Ladestation. Sie plant den Kauf eines zweiten Systems, um damit einen Kühlschrank zu betreiben und kalte Getränke zu verkaufen.

Mobisol will künftig auch Schweißgeräte und Eierbrüter mit ihren Systemen anbieten und so weitere Einkommensquellen für die Kunden erschließen. Das Marktpotenzial ist schier unermesslich: "Wir haben bisher nur an der Oberfläche gekratzt", sagt Thomas Gottschalk. Bis 2023 möchte er vier Millionen Haussysteme verkaufen und 20 Millionen Afrikaner mit Solarstrom versorgen.

Mehr zum Thema