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Auto-Teile-Unger: Vollgas aufs Parkett

In diesem Jahr wagen sich wieder mehrere Firmen an die Börse. Besonders aussichtsreich: die Werkstattkette Auto-Teile-Unger.

Wenn man sich Peter Unger als ein Auto vorstellt, wäre er ein silberner Golf TDI: kompakt gebaut, blitzschnell und voller Drehmoment. Der 59-Jährige verkörpert mit seinem ganzen Habitus sein Lebensmotto: Gib Gas! Mit Tempo hat er seinen kleinen Reifenhandel Unger in 18 Jahren zur größten deutschen Autowerkstatt- und Fachmarktkette ausgebaut. Und mit Geschwindigkeit will er Auto-Teile-Unger (ATU) nun an die Börse bringen.

So flitzt Unger rastlos durch seine Kommandozentrale im Industriegebiet des oberpfälzischen Städtchens Weiden. Ein Glasbau, umsäumt von pulsierendem Straßenverkehr. Aus seinem Bürofenster hat Unger jeden Tag freie Sicht auf Tausende von Autos, die mit jedem Meter ein Stückchen mehr verschleißen. Da lacht sein Unternehmerherz. Die Bürotür des Chefs ist von Alufelgen eingerahmt - ein blitzendes Portal für den Werkstattkönig. Handgefertigte Pokale, die am Boden stehen, erinnern an die x-te Geschäftseröffnung - Arrangements aus Reifen und Radmuttern mit eigenwilligem Charme.

Im edel möblierten Besprechungsraum, wo eine Dose Motoröl neben dem Telefon steht, erzählt Unger von seinem großen Glück. Fachlich, sagt er, sei er für das Geschäft eher ungeeignet. "Ich kann nicht einmal g'scheid ein Ölstaberl 'nausziehen", scherzt er in tiefstem Dialekt. Seine grünblauen Augen lächeln immer, auch wenn es ernst wird. Ausführungen über das Geschäft absolviert er im Dieter-Thomas-Heck-Galopp, den seine glatten, schlanken Hände gestenreich begleiten. Hände, die noch nie in einer Ölwanne gebadet haben.

Unger stammt aus einer Vertriebenenfamilie. Sein Vater unterhielt in der Oberpfalz einen Süßwarenhandel und eine Lebensmittelkette. Dort lernte Sohn Peter das Kaufmannshandwerk. Handeln wurde seine Passion, und Autoreifen schienen ihm am besten geeignet zu sein: "Man muss schließlich Auto fahren, ohne Auto ist man verloren!" Vier Reifenläden baute er auf. Sie liefen gut, die Leute kamen vor allem wegen Unger, weil er so gern blödelte und billige Reifen anbot. "Wenn die Kunden schon Geld ausgeben müssen, sollen sie wenigstens Spaß dabei haben", sagt er und streicht zufrieden über seine bunte Krawatte.

1985 genügte Unger das Geschäft mit den Pneus plötzlich nicht mehr. Warum, kann er sich selbst kaum erklären, "es lief ja alles hervorragend". Sein Vater hatte ihm ein erkleckliches Erbe hinterlassen, das Unger junior in eine Fachhandelskette ummünzen wollte. 50 Filialen mit angeschlossener Werkstatt, dann sollte Schluss sein. Heute sind es 450. Damit das Unternehmen vom Start weg schnurrte wie ein Zwölfzylinder, zog er mit eigenem und geliehenem Geld ein Lager für 15 Millionen Mark hoch, orderte Ware für 35 Millionen Mark und rekrutierte Hunderte Mitarbeiter zur Spezialausbildung - noch bevor er das erste Geschäft eröffnet hatte. "Die Leute erklärten mich für verrückt", sagt Unger. "Aber ich habe nicht ein einziges Mal schlecht geschlafen." Er glaubte an sich und seine Idee: "A Birnl, a Rücklicht, a Lackspray - des braucht doch jeder."

Der Fall der Mauer 1989 bescherte ATU das große Los. Die Ossis kauften jede Menge gebrauchte Westautos, konnten aber nur Trabis und Wartburgs reparieren. Unger überzog die neuen Bundesländer im Eiltempo mit seinen rot lackierten Betrieben. "Heute finden Sie kaum mehr eine Stadt in Ostdeutschland mit mehr als 25.000 Einwohnern ohne eine ATU-Werkstatt", sagt Werner Aichinger, Ungers früherer Finanzchef und jetziger Vorstandsvorsitzender. Deutschlandweit hat ATU vier Prozent des 26 Milliarden Euro schweren Autoservicemarkts erobert - und damit noch jede Menge Wachstumspotenzial, wie beide Manager unisono betonen. 60 Prozent gehören den Autohäusern, 30 Prozent freien Werkstätten. Von diesem Kuchen will sich ATU einiges abschneiden.

Um zu sehen, wie die Geschäfte laufen, braucht Unger nur aus seinem Bürofenster zu schauen. Draußen liegen die Parkplätze, die zu den ATU-Werkstätten im Erdgeschoss der Firmenzentrale gehören. Sind sie belegt, steigt sein Adrenalinspiegel. Klaffen Lücken, steigt er noch mehr. Heute ist alles proppevoll - die meisten wollen Öl wechseln, Sommerreifen aufziehen oder Politur für den Frühjahrsputz kaufen. Seit fünf Jahren bieten die Bayern auch Inspektionen an. "Wir liegen beim Preis in der Regel 20 bis 25 Prozent unter den Autohäusern", sagt Aichinger. "Und senkt ein anderer die Preise, senken wir unsere noch tiefer."

Die Konkurrenz findet Ungers Billigoffensive gar nicht witzig. Anfangs versuchten die Großhändler, ATU auszubooten, weil Unger sie umging und direkt in den Fabriken einkaufte - nur so kann er die Preise niedrig halten. Heute versuchen vor allem die Autohäuser, das Unger-Image zu drücken. Noch immer ist von manchem Meister zu hören, ATU baue minderwertige Ware ein. Oder die Durchrostungsgarantie gehe verloren, wenn ein Kunde den Ölwechsel bei ATU machen lasse. "Blödsinn", sagt Unger. "Wir kaufen Ersatzteile nur dort ein, wo sie auch die Automobilhersteller kaufen."

Service gibt es ohne Terminabsprache. Fehlen Ersatzteile, werden sie binnen 24 Stunden nachgeliefert. Die Kunden danken es: Vier Millionen Reifen, anderthalb Millionen Felgen, 800.000 Batterien kauften sie vergangenes Jahr. Der Umsatz wächst ständig. 2003 waren es gut 1,1 Milliarden Euro, rund 150 Millionen Euro Vorsteuergewinn blieben hängen.

Und dennoch wollte Unger vor zwei Jahren, mit 57, alles hinwerfen. Torschlusspanik machte sich breit. Genauer gesagt: Todesangst. Sein Vater war schon mit 63 Jahren gestorben. Wie viele Jahre würde ihm der Herrgott noch schenken? Und wer sollte sein Lebenswerk weiterführen, die Verantwortung für 12.000 Mitarbeiter übernehmen? Seine Tochter arbeitete zwar schon im Betrieb, zeigte aber keine Ambitionen. Sein Sohn war erst neun. Kurzerhand verkaufte Unger 75 Prozent der Firma an den britischen Finanzinvestor Doughty Hanson. 900 Millionen Euro, heißt es, soll er dafür bekommen haben. 20 Prozent behielt Unger, fünf Prozent bekam das Management.

Heute würde er den Deal wohl nicht noch einmal machen. Finanzinvestoren wollen das schnelle Geld, Unger aber ist Stratege und Patron. "Er liebt seine Firma, und er liebt seine Mitarbeiter", sagt ein Automechaniker. Die Zuneigung wird offenbar erwidert, die Fluktuation in Weiden liegt bei null Prozent. Alle sieben Gründungsmitglieder sind noch an Bord. Als sich Unger zum Fototermin im Foyer vor eine Alufelgeninstallation postiert, findet er kaum Ruhe, in die Kamera zu schauen. "Servus Hans! Hallo Klaus! Grüß dich, Ute!" Er winkt, scherzt und schäkert ohne Unterlass.

Mit Charme hat Unger auch seinen Nachfolger Aichinger gewonnen. Mitte der achtziger Jahre ulkte er sich beim Reifenverkauf in das Herz des jungen Finanzbeamten. Es entwickelte sich eine Geistesverwandtschaft. Vor fünf Jahren schmiss der zweifache Vater Aichinger seinen sicheren Job als Vize-Chef des Finanzamts Weiden, um bei ATU das Finanzressort zu führen. "Ich hatte Lust auf etwas ganz Neues und auf unternehmerische Verantwortung", sagt der 47-Jährige. Aichinger übernahm Stück für Stück das Tagesgeschäft. Und seit ein paar Tagen ist er nun Vorstandsvorsitzender der ATU Auto-Teile-Unger Holding AG; Unger zieht sich als Aufsichtsratschef zurück.

Ein paar hundert Meter von der ATU-Zentrale entfernt steht das Herz des logistischen Systems: das Zentrallager. Es ist so groß wie fünf Fußballfelder und so hoch wie ein achtstöckiges Haus. 120 Mitarbeiter und eine Hand voll Roboter, die im Sekundentakt eine von 85.000 Teileboxen aus den Hochregallagern ziehen und zu den Kommissionierern fahren, sorgen dafür, dass alle Filialen bekommen, was sie brauchen. Das Reifen- und Felgenlager ist von betäubendem Gummigeruch durchsetzt. Fast 18 Meter hoch stapeln sich die Sinnbilder der großen Freiheit auf vier Rädern. "Alufelgen gehören zu den wenigen Produkten, die sich unsere Kunden wirklich wünschen - die meisten anderen müssen sie kaufen, weil etwas verschlissen oder defekt ist", sagt Unger. Ähnlich gigantisch ist ATUs Recyclingstation am anderen Ende der Stadt. 2,2 Millionen Altreifen kamen 2003 hier an. Jeder vierte wird von Fremdfirmen in aller Welt runderneuert. Den Rest schreddern höllenlaute Maschinen zu feinem Granulat, aus dem andere Firmen Hallenböden oder Schalldämmplatten fertigen. Oder Kunstrasen: Aus 120.000 Reifen wird ein Sportplatz, lautet die Faustregel.

Trotz aller Errungenschaften konnte ATU sein Schrauber-Image nicht gänzlich ablegen. Für den Börsengang, den Bankenvertreter für Juni terminieren, will Aichinger das Unternehmen kräftig aufbrezeln. Bislang dient der monatliche Minikatalog mit einer Auflage von 22 Millionen Exemplaren als Werbeplattform. Doch Sommerreifen und Kindersitze auf dem Titel erzeugen bei Börsianern so viel Appetit wie rohes Gehacktes auf einem Discounterprospekt. Deshalb hat Aichinger die Münchner Werbeagentur For Sale eingespannt, um mit einer neuen Kampagne die Reputation aufzupolieren. Die ehemalige Media-Markt-Tochter hat die "Mutter aller Schnäppchen" erfunden. Auch der Firmenname wird überdacht. Auto-Teile-Unger gibt nur einen Teil der Geschäftsfelder wieder. ATU soll schließlich der Experte für Autos sein, und das müssen Name und Slogan transportieren.

Dass ATU auf dem Börsenparkett ausrutschen könnte wie auf einem Altölfleck, fürchtet Aichinger nicht: "Wir müssen langfristig denken." 1,5 Milliarden Euro könnte die Neuemission einspielen, schätzen Analysten - viel Geld, um Schulden zu begleichen und weiter zu expandieren. Grenzen des Wachstums sieht Aichinger nicht: "Wir wollen die Zahl unserer deutschen Filialen bis 2014 auf 800 erhöhen und Firmenflotten als Kunden hinzugewinnen." Außerdem will er ins europäische Ausland - wohin auch immer es die Lkw in einem Tag mit ihrer Lieferung schaffen. Und die Konsumflaute fürchtet hier sowieso keiner. "Im Gegenteil", sagt Unger und grient, "in wirtschaftlich schlechten Zeiten werden die Menschen preisbewusster, fahren ihre Autos länger und müssen sie deswegen häufiger - und bei ATU günstiger - reparieren."

Die Börsenkandidaten 2004

von Rolf-Herbert Peters / print