Brasilien "Explosion des Elends"


Die Rekord-Arbeitslosigkeit in Brasilien treibt die Menschen zu Verzweiflungstaten. Zwei Männer zündeten sich aus Protest gegen fehlende Arbeit an, einer von ihnen starb.

Nachdem Rio Verde im Fernsehen jüngst als Beschäftigungs-El-Dorado ohne Arbeitslose präsentiert worden war, erlebte die Gemeinde im Mittelwesten Brasiliens eine "Invasion". Tausende reisten sofort aus allen Ecken des Riesenlandes an, um Arbeit zu suchen. Einige traten dazu sogar wochenlang in die Radpedale. Umsonst. Bürgermeister Paulo Cunha musste Hunderte Busse mieten, um die meisten wieder in die Heimat zurückzuschicken.

Die Arbeitslosigkeit, die in dieser Woche ein Rekordniveau erreichte, treibt viele Brasilianer zu Verzweiflungstaten. Zwei Männer zündeten sich in diesem Jahr vor dem Regierungspalast der Hauptstadt Brasilia aus Protest gegen die fehlende Arbeit an. Einer von ihnen starb. Und wenn Supermärkte Kassierer oder Stadtverwaltungen Straßenfeger suchen, bilden sich vor den Personalbüros oft sofort kilometerlange Schlangen. Zu finden sind da viele Anwälte, Ärzte und Journalisten.

Neuer Negativ-Rekord

Die Arbeitslosenquote erreichte im April mit 13,1 Prozent einen neuen Rekord. Jene Menschen, die sich mit Kurzarbeit oder auf dem Schwarzmarkt etwa als Straßenverkäufer durchschlagen, erfasst diese offizielle Zahl aber nicht. Nach Schätzung von Experten liegt die Arbeitslosigkeit zum Beispiel in der Wirtschaftsmetropole Sao Paulo bei mindestens 21 Prozent. "Mir wäre inzwischen jede Arbeit recht, auch als Putzfrau", meint die 39-jährige Psychologin Maria.

Dabei hatte der frühere Gewerkschaftsboss Luiz Inàcio Lula da Silva Ende 2002 die Präsidentenwahlen mit dem Versprechen gewonnen, seine Regierung würde zehn Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Im ersten Amtsjahr Lulas schrumpfte das Inlandsprodukt um 0,2 Prozent. Lulas rezessive Sparpolitik machte ihn zum Lieblingskind der Wall Street - daheim wird er aber immer öfter ausgepfiffen. "Die wachsende Arbeitslosigkeit ist eine soziale Katastrophe", meint etwa Lulas Ex- Kamerad Luiz Marinho, Chef des Gewerkschaftsdachverbandes CUT. Die Gewerkschaften, die Kirche, Unternehmer, die Opposition und sogar Politiker von Lulas "Partei der Arbeiter" (PT) kritisieren vor allem die Sparpolitik und die von Brasilia getragene Hochzinspolitik der Notenbank. Der reale Leitzins liegt derzeit bei rund zehn Prozent im Jahr. Für Kredite kassieren Banken aber bis zu 50 Prozent.

Sparwut

Im ersten Amtsjahr erzielte Lula - der früher oft lautstark ein Schuldenmoratorium forderte - einen Sparrekord von 66 Milliarden Real. Die Sparwut dient der Tilgung der öffentlichen Schulden. Die gezahlten Zinsen erreichten 2003 allerdings ebenfalls einen Rekord von 142 Milliarden Real (rund 42 Mrd Euro). Die Außenschulden liegen bei 215 Milliarden US-Dollar, die internen öffentlichen Schulden wuchsen im April um ein weiteres Prozent auf 210 Milliarden Dollar.

Bei seinen Stabilitätsbemühungen machte Lula die Rechnung ohne die USA. Die Erwartung einer US-Leitzinserhöhung löste eine Flucht ausländischer Anleger aus. Aktienkurse fielen und das Länderrisiko wuchs. Der US-Dollar stieg seit Anfang Mai im Vergleich zum Real um rund zehn Prozent. Experten warnen vor der Rückkehr einer zweistelligen Inflation, die eine Abkehr von der Konjunktur hemmenden Hochzinspolitik erst recht unmöglich machen würde. Die angesehene argentinische Wirtschaftsberatungsfirma "Ecolatina" warnte dieser Tage, dass größere Probleme in Brasilien Auswirkungen auf alle "emerging markets" haben würden. Insolvenzprobleme könne das Land nur bei einer Wiederaufnahme des Wachstumspfades vermeiden. Allein in den nächsten sieben Monaten muss Brasilien 60 Milliarden Dollar umschulden. Bei höheren US-Zinsen würden die Außenschulden "teurer".

Investoren verzweifelt gesucht

Die Kirche spricht derweil von einer "Explosion des Elends". 56 der 170 Millionen Brasilianer müssten mit einem Prokopf-Einkommen von weniger als 23 Euro im Monat auskommen. Lula will aber beweisen, dass er die soziale Kluft in einem der ungerechtesten Länder der Erde abschaffen kann, ohne Investoren zu verscheuchen. "Aber selbst wenn die Wirtschaft 2004 um drei Prozent wachsen sollte, und das scheint bei dem Zinsniveau unmöglich, wäre es zu wenig", fürchtet der Präsident des Unternehmerverbandes von Sao Paulo, Horacio Lafer Piva.

Emilio Rappold/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker