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Corona-Krise: Größter Spargelbauer Deutschlands: "Wir werden dieses Jahr nur etwa die Hälfte ernten"

Wegen der Corona-Krise fehlen tausende Erntehelfer. Viele Bauern sind verzweifelt. Spargelbauer Heinrich Thiermann sieht in der Krise jedoch auch eine Chance. 

Heinrich Thiermann und Spargel

Heinrich Thiermann baut seit mehr als 40 Jahren Spargel innerhalb seines Familienbetriebs an 

Getty Images

In diesem Sommer werden die Deutschen zum Teil auf etwas verzichten müssen, das viele von ihnen abgöttisch lieben: das weiße Gold, ihren Spargel. Denn auch die Spargel-Ernte ist von der Corona-Krise betroffen. Bauern sind am Verzweifeln, weil ihre Erntehelfer aus dem Ausland nicht mehr nach Deutschland kommen dürfen. Das Innenministerium hat ein Einreiseverbot für viele Saisonarbeiter verhängt, um Ansteckungen zu verhindern. Laut dem Bundeslandwirtschaftsministerium fehlen dadurch etwa 300.000 Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. 

"Wir haben bisher nur 20 Prozent von den Leuten da, die uns gewöhnlich bei der Ernte helfen. Ich schätze, dass wir nur die Hälfte von dem einnehmen werden, was wir sonst einnehmen", sagt Heinrich Thiermann. Der 78-Jährige gilt als größter Spargelanbauer Deutschlands. Sein Familienbetrieb im niedersächsischen Kirchdorf existiert schon seit mehr als 40 Jahren. Man könnte sagen, er lebt für den Spargel. Normalerweise erntet er dreitausend Tonnen davon. Jetzt müsse er mindestens die Hälfte des Spargels wachsen lassen. 

Viele Bauern scheinen nicht mehr weiter zu wissen, wollen sich telefonisch nicht zu den zu befürchtenden Umsatzeinbußen äußern. Thiermann hingegen versucht, optimistisch zu bleiben. Landwirte müssten immer auf Unwägbarkeiten gefasst sein, findet er. "Wir Landwirte sind immer von etwas abhängig, das fängt schon beim Wetter an. Es kann auch plötzlich Starkregen oder Hagel geben. Für manche Dinge gibt es Versicherungen, für die Corona-Krise nicht. Vielleicht ist das auch mal gut."

Spargelbauer: "Menschen vergessen, wie lebensnotwendig eine Grundversorgung ist, bis eine Krise eintritt"

Der Spargelbauer kann der Krise tatsächlich etwas Gutes abgewinnen. Er kritisiert, dass die Menschen sich im Zuge des technischen und biologischen Fortschritts nicht mehr auf die grundlegend wichtigen Dinge konzentriert hätten.  

"Ich habe noch Zeiten mitgemacht, als die Hauptaufgabe der Landwirte darin bestand, die Menschen mit Nahrung zu versorgen", sagt Thiermann. "Ich habe das Gefühl, manche Menschen vergessen, wie lebensnotwendig eine Grundversorgung ist, bis eine Krise eintritt. Das gilt vor allem für Nahrungsmittel und Arzneien. Ich glaube, dass ein Umdenken erfolgen muss. In der Geschichte haben Krisen wie Hungersnöte immer Revolutionen verursacht."

Fast klingt Thiermann etwas froh darüber, dass den Menschen nun wieder in Erinnerung gerufen wird, welch wichtigen Beitrag Landwirte für die Gesellschaft leisten. "In der letzten Zeit waren die Landwirte immer die Dummen", sagt er. Trotz der düsteren Aussichten für die Ernte in diesem Jahr will Thiermann nicht daran glauben, dass es so schlimm wird wie befürchtet. "Jeder sollte nach dem Grundsatz leben, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Alles andere wäre eine falsche Motivation. Wir können nur hoffen, dass es vorüber geht."

Die Vogelgrippe hätte die Menschheit schließlich auch gut überstanden, sagt Thiermann und da hätten auch schon alle die Vogelwelt vom Himmel fallen sehen. 

Jobportal für Erntehelfer "überrannt"

Und tatsächlich gibt es Lichtblicke: Das Landwirtschaftsministerium hat ein Jobportal für Erntehelfer eingerichtet, das offenbar sehr gut angenommen wird. Das Jobportal sei "schon am ersten Tag überrannt worden", verkündete Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Es hätten sich schon mehr als 16.000 Menschen gemeldet, die in der Landwirtschaft aushelfen wollten.

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Selbst auf ebay-Kleinanzeigen bieten sich bereits einige junge Menschen als Erntehelfer an. Zusätzlich gibt es Überlegungen, Gastronomiearbeiter, die aktuell arbeitslos sind, für die Ernte einzusetzen. Thiermann sieht das jedoch kritisch. Er brauche erfahrene Helfer mit Fachkenntnissen.

Hinzu kommt, dass die Ernte so kräftezehrend ist, dass sie vermutlich nicht jeder Freiwillige durchsteht. Die meisten Bauern suchen Helfer für bis zu zehn Stunden Arbeit am Tag. Das sind zehn Stunden in gebeugter Haltung. Ungeübte Spargelstecher könnten hier laut Thiermann nur eine Übergangslösung sein.

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