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Kritik an Corona-Käufen: Edeka-Betreiber appelliert an junge Generation: "Nehmt Rücksicht, wie ihr es von Älteren verlangt"

Der Einzelhändler Dieter Hieber hat auf Facebook einen Wutbrief an die "Fridays-for-Future-Generation" gerichtet. Als Reaktion erreichte ihn viel Hass. Hier erklärt er, worum es ihm eigentlich ging.

Ein Zusammenschnitt aus einer Edeka-Filiale und Dieter Hieber

Der Einzelhändler Dieter Hieber verlangt mehr Rücksicht von den jüngeren Generationen 

Ein bisschen ist er übers Ziel hinausgeschossen mit seiner Wut, das weiß Dieter Hieber. "Ich habe einfach das geschrieben, was ich gerade auf dem Herzen hatte, ohne viel darüber nachzudenken", entschuldigt er sich am Telefon. Hieber betreibt Edeka-Märkte und hat auf Facebook einen Wutbrief "an die Fridays-for-Future-Generation" veröffentlicht. Darin bat er, mehr Rücksicht auf ältere Menschen zu nehmen. Denn in den vergangenen Wochen hatte Hieber immer wieder beobachtet, wie junge Menschen sich in seinen Märkten mit allem ausstatteten, was für eine Party nötig ist – aller Warnungen, möglichst wenig Kontakt zu anderen zu haben, zum Trotz. Da konnte Hieber seine Wut nicht länger runterschlucken. 

"An die Fridays-for-Future-Generation, vor einigen Wochen habt Ihr noch fleißig demonstriert und euch beschwert, dass man euch die Zukunft gestohlen hat. Aktuell sind viele von euch leider sehr unvernünftig, kaufen gruppenweise in unseren Märkten ein und machen kleine Privatpartys", schrieb er auf seiner Facebook-Seite und der des Frische-Centers Hieber. "Unsere Bundeskanzlerin hat die Lage durch Corona mit dem Zweiten Weltkrieg verglichen. Vielleicht nehmt ihr eure Handys, Tablets und Computer und schaut euch diese Rede alle an und denkt darüber nach."

Weiter forderte der Einzelhändler "die Generationen X, Y und Z" dazu auf, sich nützlich zu machen und zum Beispiel für Nachbarn einkaufen zu gehen. Alkohol, Chips und Redbull verkaufe er von nun an nicht mehr an junge Menschen. 

Hieber richtet sich an die "Fridays-for-Future-Generation" – und wird mit Hass überschüttet 

In den Kommentaren unter seinen Postings wurde Hieber so massiv angefeindet, dass er beide wieder löschte. Er gibt zu: "Es war ein Fehler von mir, nur die jüngere Generation anzusprechen und sie mit der Fridays-for-Future-Bewegung gleichzusetzen. Ich habe gar nichts gegen diese Bewegung." Doch als in seinem Markt immer wieder Gruppen von fünf bis zehn jungen Leuten mit Alkohol und Chips an die Kasse gekommen seien, hätte er sich nicht mehr anders zu helfen gewusst, als diese Generation direkt anzusprechen. Notfalls eben über Facebook. 

"Die haben Redbull und Wodka gekauft. Da weiß man doch gleich, was die vorhaben. Als wir sie im Markt angesprochen haben, haben sie uns nur belächelt oder blöde Kommentare abgegeben. Also habe ich meinen Mitarbeitern die Anweisung gegeben, keine Party-Utensilien und auch keinen Alkohol mehr an Gruppen zu verkaufen", erklärt er.

"Wenn die Kassiererinnen ausfallen, ist das so schlecht, wie wenn alle Ärzte ausfallen würden"

Hieber selbst habe immer gerne gefeiert und wolle niemandem etwas vorschreiben. Aber er befürchtet, dass die jüngere Generation die Gefahr ihres derzeitigen Handelns nicht sofort verstanden hat. "Will jemand alleine zu Hause mal einen Wodka schlürfen oder ein Redbull trinken, ist das ja völlig in Ordnung. Aber diese Corona-Partys sind einfach viel zu gefährlich. Deshalb kann ich nur an die jüngere Generation appellieren: Nehmt den Älteren gegenüber so viel Rücksicht, wie ihr es auch umgekehrt verlangt."

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Und auch, wenn Facebook-Nutzer den Einzelhändler mit vielen Hass-Nachrichten bombardiert haben – sein Appell scheint gewirkt zu haben. Mit Begeisterung in der Stimme beschreibt Hieber, wie viel freundlicher und rücksichtsvoller sich seine Kunden mittlerweile verhalten würden. "Vor ein paar Tagen hatten wir noch Kunden, die sich über die Hygiene-Vorschriften lustig gemacht haben. Ein Mann hat sich auf die Theke gelegt. Das machen Kunden öfter mal, wenn sie beispielsweise ein Brot ergattern wollen, das sich ganz hinten in der Theke befindet. Aber jetzt haben die meisten Kunden Verständnis. Sie desinfizieren den Haltegriff des Wagens, bevor sie einkaufen gehen und halten den Abstand ein." 

Jetzt hofft Hieber nur noch, dass auch die Hamsterkäufer ihr Verhalten ändern. In den vergangenen Tagen seien die Massen-Einkäufe zwar schon zurückgegangen, doch Hieber bemerkt die Konsequenzen in den Märkten. "Die Kunden haben so viel Mehl und Toilettenpapier weggekauft, dass wir das erst wieder beschaffen müssen. Würden alle Kunden haushaltsübliche Mengen einkaufen, gäbe es keinerlei Probleme."

Auch für die Kassiererinnen sind die Hamsterkäufer zusätzlicher Stress. Hieber plant bereits Maßnahmen, um ihnen die Arbeit angenehmer zu gestalten. Allen Kassiererinnen will er einen Mundschutz beschaffen und eine Schutzscheibe aus Plexiglas bauen lassen. Bereits jetzt hätte jede Kassiererin ein eigenes Desinfektionsspray. Der Platz würde nach jedem Wechsel grundgereinigt werden. 

"Wenn alle Kassiererinnen ausfallen, ist das genauso schlecht wie wenn alle Ärzte ausfallen würden", sagt Hieber. "Wir haben dann niemanden mehr, der den Menschen ihr Essen verkauft." 

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