HOME

Energiepreis: Der Kampf ums virtuelle Öl

"Pit", also Grube, nennen die Händler der Londoner Ölbörse den Ort, an dem sie um das schwarze Gold feilschen - und diese Grube könnte genau so gut eine Kampfarena sein.

Die Männer der International Petroleum Exchange (IPE) stehen in einem Kreis, der zur Mitte hin stufenweise tiefer wird. Schreiend und mit fuchtelnden Armen bestimmen die Händler von hier aus mit über den Preis des wichtigsten Schmierstoffs der Weltwirtschaft: Rohöl. "Die IPE spielt eine entscheidende Rolle", sagt Barbara Meyer-Bukow vom Mineralölwirtschaftsverband (MWV). Aus Rohöl wird Benzin, Kerosin und Heizöl hergestellt. Und wenn an der IPE die Preise steigen, spüren das die Haushalte in Deutschland: "Letztlich merkt man es an den Tankstellen", sagt Meyer-Bukow.

Nachrichten können den Ölpreis beeinflussen

Die Londoner Börse ist vollgestopft mit Computern, und an den Wänden hängen Anzeigetafeln. Auf ihnen leuchten neben den Ölpreisen auch Nachrichten aus aller Welt. Meldungen zu Anschlägen im Irak oder zur Lage in Venezuela - das alles ist wichtig für die Händler in London und beeinflusst den Ölpreis. In der Mitte des Raumes befindet sich der Pit - der Bereich, in dem per Ausruf gehandelt wird. Die rund 30 gerade anwesenden Händler schauen besonders oft zu einer Stelle der Anzeigetafel: Dort leuchtet der aktuelle Preis für ein Barrel (159 Liter) Brent-Öl auf. Brent heißt die Sorte, die an der IPE gehandelt wird.

Allerdings gibt es das Öl nur virtuell. Wenn es in London verkauft wird, befindet es sich noch unter der Erde. "Dies hier ist kein physischer Markt", erklärt Alice Wilson von der IPE. An der Londoner Börse werden Futures gehandelt. Das sind Verträge, die heute zu einem bestimmten Preis pro Barrel geschlossen werden, bei denen das Öl aber erst später geliefert wird. Die meisten Futures haben den folgenden Monat als Lieferdatum. Allerdings kann man an der IPE heute schon Rechte an Öl kaufen, das erst Ende nächsten Jahres gefördert wird.

Das gehandelte Öl ist noch nicht gefördert

Die Futures dienen den Unternehmen als Sicherung. Firmen, die viel Öl brauchen, können sich für die Zukunft eindecken. Das lohnt sich für sie vor allem, wenn sie erwarten, dass der Preis steigen wird. Bei den Ölanbietern ist es andersherum. Sie können schon heute Öl verkaufen, um sich so gegen fallende Preise zu schützen.

Dieser Sicherungsmechanismus war der Grund, warum die Londoner Ölbörse 1980 gegründet wurde. Man wollte verhindern, dass sich die Preisschocks der 70er Jahre wiederholen. Mittlerweile verfolgen viele Händler an der IPE allerdings andere Ziele: Sie spekulieren. Diese risikofreudigen Investoren kaufen und verkaufen Futures und hoffen, dass sie durch günstige Preisentwicklungen Profit machen.

Handelsvolum um die zwei Milliarden Dollar - täglich

An der IPE werden täglich Verträge im Wert von mehr als zwei Milliarden Dollar gehandelt. Die Männer im Pit sehen entsprechend angespannt aus. Die Zahlen, die sie hektisch herumbrüllen sind Dollar-Preise. Ihre Armbewegungen geben die Schreie noch mal als Zeichen wieder. Sie sind für einen Laien schwer zu verstehen. "Bevor man hier handeln darf, muss man deshalb eine Prüfung ablegen", sagt Wilson. So viel weiß sie aber: Wenn die Händler die Arme vom Körper weg bewegen, wollen sie verkaufen; Hände und Arme zum Körper hin bedeutet ein Kaufangebot.

Die Männer im Pit handeln untereinander. Es müssen sich also immer zwei finden: Käufer und Anbieter. Damit man sich erkennt, haben die Jacken der Händler unterschiedliche Farben - je nachdem zu welchem Unternehmen sie gehören. Deswegen geht es im Pit nicht nur laut zu, sondern auch recht bunt.

Jan Hildebrand, dpa / DPA