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Fußball: Hoffen auf Tourismus-Boom nach EM

Für so manchen Fußballfan in Portugal war es eine Freude, als Engländer, Deutsche und Franzosen bei der Europameisterschaft vorzeitig das Feld räumen mussten. Die Tourismusbranche profititierte trotzdem.

Aber die überraschenden Spielausgänge hatten auch eine Kehrseite. Denn zusammen mit den Mannschaften aus den großen Ländern traten auch Tausende von Schlachtenbummlern die Heimreise an. Der Bierumsatz ging zurück, in den Hotels wurden wieder Zimmer frei. Unter dem Strich wird die vorzeitige Abreise von Engländern, Deutschen und Franzosen die Bilanz von Portugals Tourismusbranche jedoch nur unwesentlich trüben. Die Hotelbesitzer und Gastwirte hatten schon vorher kräftig Kasse gemacht. Der Bierverbrauch stieg während der ersten EM-Phase um 30 Prozent, die Hoteliers vermieteten ihre Zimmer zu Fantasie-Preisen.

Zimmer zu Fantasie-Preisen

Noch bevor das Finale angepfiffen wird, steht fest: Die Tourismusbranche gehört zu den großen Gewinnern der EM. Die EURO 2004, das größte Sportereignis in der Geschichte Portugals, lockte zusätzlich bis zu eine halbe Million Urlauber ins Land. In Lissabon und Porto waren zeitweise praktisch alle Hotelbetten belegt. Manche Hoteliers kassierten für einfache Zimmer, die sonst 35 Euro pro Nacht kosteten, 160 Euro, Luxusherbergen verlangten für 175-Euro-Quartiere mehr als 320 Euro.

Die Appelle der Regierung und der EM-Veranstalter zum Maßhalten blieben weitgehend ungehört. Im Durchschnitt stiegen die Zimmerpreise um 25 bis 30 Prozent. Auch gewiefte Privatleute schnitten sich von dem Kuchen eine Scheibe ab. Sie vermieteten ihre Wohnungen über das Internet für 300 bis 1.000 Euro in der Woche an ausländische Fans und fuhren derweil selbst in die Ferien. "Für den Tourismus ist das Turnier schon jetzt ein Erfolg", zieht der für die EM zuständige Minister José Luís Arnaut eine erste Bilanz.

Kein langfristiger Boom erwartet

Allerdings ist es fraglich, ob die EM den Hoteliers und Reiseveranstaltern auch langfristig einen Boom beschert. Nach einer Studie des Finanzministeriums dürften die Auswirkungen für die Wirtschaft - wie schon bei der EM 1996 in England und 2000 in den Niederlanden und Belgien - eher "marginal" sein. Danach wird die EM die Wachstumsrate in Portugal nur um 0,08 Prozentpunkte anheben.

Manche Kritiker sind der Ansicht, dass man die EM-Investitionen besser für Schulen und Krankenhäuser hätte ausgeben sollen. Immerhin hatte Portugal, eines der ärmsten Länder in der EU, sich das Turnier nach Schätzungen fast vier Milliarden Euro kosten lassen. In dieser Summe sind nicht nur die Kosten für den Bau der EM-Stadien enthalten, sondern auch Ausgaben für Autobahnen, Straßen und Bahnlinien.

"Barcelona-Effekt"

Die Tourismusbranche setzt dagegen auf den "Barcelona-Effekt". In der katalanischen Metropole hatten die Olympischen Spiele 1992 einen wachsenden Zustrom von Besuchern ausgelöst. In Portugal könnte nach Ansicht von Experten die Touristenzahl von derzeit elf Millionen im Jahr bis 2010 jährlich um drei bis sechs Prozent steigen. Dies würde Mehreinnahmen von wenigstens 350 Millionen Euro im Jahr bedeuten.

Katzenjammer herrscht dagegen an der Algarve. Ausgerechnet in Portugals beliebtester Ferienregion blieben zur EM die Touristen weg. Während in Porto und Lissabon die Hotels ausgebucht waren, standen an der Algarve viele Zimmer leer. Die Auslastung war noch schlechter als in den Jahren ohne EM. Statt der erhofften 50.000 Fans aus Russland kamen nur 8.000. "Vielleicht blieben viele Algarve-Urlauber diesmal weg, weil sie dem Rummel um den Fußball entgehen wollten", vermutet Carlos Luís vom Verband der Reisebüros.

Hubert Kahl, dpa / DPA
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