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"Finanztest": Banken versagen bei der Beratung

Die Kreditvergabe ist bei vielen Banken miserabel. Das Ergebnis des "Finanztest"-Vergleichs: Fast alle Filialbanken beraten "mangelhaft". Selbst Pflichtinformationen werden oft vorenthalten.

Von Peter Neitzsch

Über Geld spricht man nicht" lautet eine Redensart. "Über Geld spricht man am besten nicht mit einer Filialbank", könnte man angesichts der aktuellen Ausgabe der Verbraucherzeitschrift "Finanztest" ergänzen. Die katastrophale Bilanz der Tester: Von zwölf getesteten Filialbanken fielen zehn rundweg durch, sie bekamen die Note "Mangelhaft". Zwei Kreditinstitute, die Commerzbank und die Berliner Sparkasse, wurden immerhin noch mit "ausreichend" bewertet.

Für die von der Stiftung Warentest herausgegebene Zeitschrift "Finanztest" holten verschiedene Testpersonen insgesamt 85 Kreditangebote in Höhe von 4000 Euro bei 17 Filial- und Direktbanken ein. Das Urteil fällt deutlich aus: "Filialbanken behindern Kunden beim Kreditvergleich und schädigen sie mit falschen Schufa-Einträgen", schreibt "Finanztest". Überdies würden den Kunden mit dem Kredit häufig auch unnötige Restschuldversicherungen verkauft.

"Das sind keine einzelnen schwarzen Schafe, sondern eine ganze Herde", sagt der "Finanztest"-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen stern.de. Die Testergebnisse hätten ihn "sehr beunruhigt". Kaum eine der getesteten Filialbanken sei bei den Beratungsgesprächen auch nur den gesetzlichen Anforderungen gerecht geworden.

Pflicht-Informationen werden nicht gegeben

So ist jede Bank verpflichtet, dem Kunden ein Formblatt - die "Europäische Standardinformation für Verbraucherkredite" - mit den exakten Kosten seines Kredites auszufüllen und auszuhändigen. Darin sollten wichtige Angaben wie der effektive Zinssatz, der Gesamtkreditbetrag und die Höhe der monatlichen Raten enthalten sein.

Die Banken hätten dieses Instrument aber nicht genutzt und damit gegen das Gesetz verstoßen, beklagen die Tester: "Den Kreditangeboten der Filialbanken fehlten oft die gesetzlich vorgeschriebenen Informationen, die dem Kunden einen Vergleich verschiedener Angebote ermöglichen."

Von den zwölf getesteten Banken haben die Santander Bank und die Commerzbank das Formular noch am häufigsten ausgeteilt - aber auch hier nur in drei von fünf Testfällen. "Dass derart häufig ein gesetzlich vorgeschriebenes Formblatt nicht ausgehändigt wird, hat mich schockiert", sagt Chefredakteur Tenhagen. Über die Gründe dafür kann der Finanzexperte nur mutmaßen: "Möglicherweise haben die Banken gar kein Interesse daran, dass ihre Kreditkonditionen verglichen werden können."

Falsche Schufa-Anfragen und unnötige Versicherungen

Einige Bankberater würden zudem durch falsche Anfragen bei der Auskunftei Schufa die Kreditwürdigkeit der Kunden schädigen. Eigentlich dient die Abfrage nur dazu, die Bonität der Kunden zu ermitteln. Stattdessen wurde von vielen Bankangestellten bereits ein Kredit angefragt. In zwölf Fällen verschlechterte sich sogar die Bonität des Kunden, weil die Berater bei der Schufa-Anfrage Fehler machten. Als Folge davon wird es für ihn entweder deutlich teurer, Geld zu leihen oder er erhält gar kein Kreditangebot mehr.

Einige Banken im Test beharrten auf dem Abschluss einer Restschuldversicherung, die bei der geringen Kreditsumme verzichtbar ist. Wie teuer die Versicherung sein kann, zeigt ein Bespiel der Berliner Volksbank. Hier würde sich der Zins von 9,99 Prozent auf 19,33 Prozent erhöhen. Dabei hatten alle Testpersonen eine ausreichend hohe Bonität - das Ausfallrisiko war äußerst gering. Mitunter versuchten Berater auch zusätzlich bankeigene Spar- oder Anlageprodukte zu verkaufen.

Direktbanken machen es besser

Weil die Untersuchung zunächst auf überregionale und Berliner Kreditinstitute beschränkt war, überprüften die Tester das schlechte Ergebnis nochmals bei 14 regionalen Banken und Sparkassen. Auch dort wurde die EU-Standardinformation meist nicht verwendet: Lediglich die Kreissparkasse Köln händigte das Formblatt während des Beratungsgesprächs aus.

Besser machten es dagegen die getesteten Direktbanken: Hier schnitten vier von fünf Banken mit "sehr gut" ab. Testsieger waren die Netbank, die SWK Bank sowie DKB und SKG Bank. Die ING-Diba erreichte nur ein "Ausreichend". Ein Grund: Die Online-Banken haben das Erstellen von Kreditangeboten in der Regel automatisiert. Der Kunde bekommt nur dann eine Offerte, wenn er online die nötigen Fragen zur seiner Person und zu seinen Finanzen beantwortet.

Beratungsmängel sind "systematisches Problem"

Handelt es sich bei den Problemen der Filialberatung also um menschliches Versagen? Tenhagen schließt das als Ursache für die desaströsen Ergebnisse aus. "Wenn solche Phänomene flächendeckend auftreten wie bei unserem Test, dann ist das ein systematisches Problem und nicht das Unvermögen einzelner Mitarbeiter." Die Formblätter würden entweder bewusst zurückgehalten oder es sei den Verantwortlichen schlicht egal. "Wenn der Vertriebsleiter sagt: 'Geben Sie den Kunden auf jeden Fall das Formblatt mit', dann wird das auch umgesetzt."

Besteht also weiterer Regulierungsbedarf seitens der Politik? Tenhagen: "Die Gesetze existieren bereits. Die Frage ist, warum sich die Banken nicht daran halten." Nötig sei daher viel mehr eine stärkere Kontrolle der bestehenden Regelungen. Auch der Chef der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, fordert eine schlagkräftigere Aufsicht: "Die Banken setzen darauf, dass keiner hinschaut", sagt Billen. "Egal ob es um Beratungsprotokolle, Provisionsoffenlegung oder Informationspflichten bei Kreditangeboten geht." Die Regierung müsse die Finanzaufsicht in die Lage versetzen, den Unternehmen auf die Finger zu hauen. Den Aufsichtsbehörden würden konkrete Aufgaben und Befugnisse fehlen.

Bis es soweit ist, bleibt Bankkunden nur, selbst die Konditionen kritisch zu hinterfragen und gut zu vergleichen. Verbrauchern, die einen Kredit aufnehmen wollen, rät Tenhagen: "Die wichtigsten beiden Tipps sind: Fordern Sie das Formblatt ein und prüfen Sie die Schufa-Abfrage Ihrer Bank."

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Von Peter Neitzsch