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Altersarmut in Deutschland: Leben mit 7,70 Euro am Tag

Christa Färber hat acht Kinder großgezogen, heute lebt sie in Altersarmut. Gerecht findet sie das nicht. Wie ihr monatlicher Kampf gegen den Dispo aussieht, hat sie uns vorgerechnet.

Von Daniel Bakir

Christa Färber, 76 Jahre, hat wirklich alles gegeben, um den demografischen Wandel aufzuhalten. Acht Kinder hat sie großgezogen: Vier eigene und die vier, die ihr Mann mit in die Ehe brachte. Wäre die heutige Generation doch nur annähernd so produktiv, Deutschland hätte nicht so ein massives Nachwuchsproblem. Das Traurige ist: Das System dankt es Christa Färber nicht. Da sie neben all den Kindern wenig gearbeitet und kaum in die Rentenkasse eingezahlt hat, steht ihr heute eine gesetzliche Rente von unglaublichen 150 Euro zu. Selbst mit der Witwenrente ihres Mannes reichen die Altersbezüge nicht zum Leben. Zusätzlich ist sie auf Grundsicherung im Alter angewiesen. "Gerecht ist das nicht", sagt Färber. "Vor allem ältere Mütter hat die Politik vergessen."

Nach neuesten Zahlen der Rentenversicherung liegt fast jede zweite gesetzliche Rente unterhalb des Niveaus der Grundsicherung von rund 700 Euro. Dass Altersarmut noch kein flächendeckendes Problem ist, ist allein dadurch zu erklären, dass die meisten heutigen Rentner auf zusätzliche Einnahmen wie private Vorsorge, Betriebsrenten oder die Einkünfte des Partners zurückgreifen können. Noch sind lediglich 2,5 Prozent der Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Da das gesetzliche Rentenniveau weiter sinkt, die wenigsten das aber durch private Vorsorge ausgleichen können, dürften es künftig deutlich mehr werden.

Enges Haushaltsbudget

Was das bedeutet, lässt sich an der Haushaltsrechnung von Christa Färber ablesen. Mit ihrer eigenen Rente, der Witwenrente, staatlichem Zuschuss und ihrem kleinen Nebenjob als Bügelhilfe stehen ihr insgesamt 810 Euro im Monat zur Verfügung. Davon gehen 456 Euro schon mal für die Miete ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung im Hamburger Norden weg. Dazu kommen Strom für 45 Euro und Telefonkosten von 33 Euro. Die Monatsfahrkarte für Bus und Bahn kostet nochmal 45 Euro. Macht Fixkosten von 579 Euro im Monat. Bleiben ziemlich genau 7,70 Euro pro Tag zur freien Verfügung.

Aber was heißt schon frei? Schließlich muss sie auch etwas essen und trinken. "Ich muss schon ganz schön rechnen, um über die Runden zu kommen", sagt Färber. Im Discounter nimmt sie gerne die Ware, die bald abläuft, zum halben Preis. In der vorletzten Woche des Monats kocht sie für zwei Tage und friert die Hälfte ein - damit sie auch noch etwas zu beißen hat, wenn das Konto schon leer, der Monat aber noch nicht rum ist. "Wenn es sein muss, überziehe ich das Konto", sagt Färber. Dann wird der nächste Monat nochmal schwerer.

"Ich bin doch noch gut dran"

Zu Hause sitzen und jammern ist trotz allem überhaupt nicht ihr Ding. Seit 14 Jahren leitet sie ehrenamtlich den Ortsverband Ottensen/Groß Flottbeck des Sozialverbands SoVD in Hamburg. Sie organisiert die monatlichen Treffen der Mitglieder, die gemeinsamen Ausflüge und Aktivitäten und besucht Menschen, denen es schlechter geht als ihr. "Ich bin doch noch gut dran", sagt Färber. Wenig Geld zwar, aber Hauptsache gesund, ist ihr Motto.

Warum die Politik das Problem nicht entschiedener angeht, kann Christa Färber allerdings überhaupt nicht verstehen. Zwar haben sich alle Parteien für den Wahlkampf Konzepte gegen Altersarmut ausgedacht - die CDU eine Lebensleistungs- und Mütterrente, die SPD eine Solidarrente -, aber wer unter welchen Voraussetzungen profitiert, wird wohl erst nach der Wahl verhandelt werden.

Um sich ein bisschen Luxus leisten zu können, ist Christa Färber daher auf andere Quellen angewiesen. Von ihren Söhnen lässt sie sich ab und an in die Oper einladen. Zumindest auf diesem Weg bekommt sie etwas für ihre Lebensleistung zurück.

Daniel Bakir
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