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Analyse: Die Rente ist unsicher

Die jüngste Studie der Deutschen Rentenversicherung zeigt: Wer sich künftig auf die gesetzliche Rente verlässt, hat schon verloren. Künftige Rentner werden erheblich geringere Beträge aus der Rentenkasse erhalten als heutige Rentner. Vielen droht Altersarmut. Es gibt nur eine Lösung.

Von Karin Spitra

"Die Rente ist sicher", sagte Norbert Blüm, Helmut Kohls Arbeitsminister. Im April 1986, als sich Blüm zu dem mittlerweile legendären Satz hinreißen ließ, mag das sogar noch gestimmt haben. Aber zahllose Rentenreformen und etliche Regierungen später ist nur noch eins sicher: Deutschen droht wieder die Altersarmut. Zu diesem Schluss kommt auch die am Mittwoch in Würzburg vorgestellte Studie "Altersvorsorge in Deutschland 2005" (Avid 2005) der Deutschen Rentenversicherung Bund und des Bundesarbeitsministeriums. Die Studie ist eine der aufwendigsten und teuersten Sozialstudien der Bundesrepublik Deutschland. Insgesamt sechs Jahre, von 2001 bis 2007, wurden dafür Daten zusammengetragen und auf knapp 300 Seiten in 30.000 Tabellen gepackt. Ziel der Studie war es, die Bezugshöhe jener Menschen, die in den nächsten 25 Jahre in den Ruhestand treten, mit dem Einkommen heutiger Rentner zu vergleichen. Die Ergebnisse für die Geburtsjahrgänge 1942 bis 1961 sind mehr als ernüchternd.

Ohne private Vorsorge droht Altersarmut

Fast 15 Prozent der Männer zwischen 46 und 50 Jahren vertrauen im Westen derzeit alleine auf die mickerige gesetzliche Rente, bei den westdeutschen Frauen sind es sogar 24 Prozent. In Ostdeutschland verlässt sich mit 27 Prozent mehr als ein Viertel der Männer nur auf die gesetzliche Rente, bei den Frauen sorgen immerhin 18 Prozent nicht auch noch privat fürs Alter vor. Sogar für den Präsidenten der Rentenversicherung, Herbert Rische, lässt dies nur einen Schluss zu: "Wenn in Zukunft das Rentenniveau aufrecht erhalten werden soll, muss mehr privat vorgesorgt werden."

Denn das ist der eigentliche Sprengstoff, der im Zahlendschungel der Avid 2005 verborgen liegt: Wenn sich diese Menschen nicht bald mit erheblichen Summen für ihre Altersvorsorge rüsten, dann werden viele von ihnen später nur noch auf Sozialhilfeniveau leben können. Doch auch sonst kommt die Studie zur Altersvorsorge zu einigen beunruhigenden Schlüssen:

  • Arbeitnehmer kommen im Durchschnitt bei weitem nicht auf die Zahl von Versicherungsjahren, die für das gesetzliche Mindestniveau der Rente unterstellt werden: Die vorgesehenen 45 Versicherungsjahre erreicht die Mehrheit gar nicht mehr.
  • Westdeutsche Männer kommen heute auf eine Versicherungszeit von durchschnittlich 38,4 Jahren - daran wird sich auch in den kommenden Jahren für Ost und West kaum noch etwas ändern. Frauen werden auch bei einem Renteneintritt in 20 Jahren nur auf eine Beitragszeit von knapp 33 Jahren kommen.
  • Westdeutsche Männer der Jahrgänge zwischen 1957 bis 1961 erreichen demnach im Durchschnitt nur noch 88 Prozent der Nettorente heutiger Senioren - wenn sie sich nur auf die gesetzliche Rente verlassen. Und bei diesem Szenario ist zwar die sinkende Rente in den kommenden Jahren berücksichtigt, nicht aber Kaufkraftverluste oder Abschläge durch einen früheren Renteneintritt.
  • Selbst wer privat vorsorgt, ist nicht aus dem Schneider: Dann kommt der künftige Rentner auf 95 Prozent (West) und 93 Prozent (Ost) des heutigen Rentenbezugs.
  • Besonders kritisch wird es für jene Arbeitnehmer werden, die nicht durchgehend beschäftigt sind - entweder, weil sie arbeitslos waren, oder weil sie im Niedriglohnbereich beschäftigt sind. Für diese Menschen wird es im Alter nicht reichen.

Langzeitarbeitslosen droht Altersarmut

Das alles führt dazu, dass die heutigen End-Vierziger später mit erheblichen Einkommensverlusten rechnen müssen. Die Studie weist aber noch auf eine weitere, tickende Zeitbombe hin: Menschen, die lange arbeitslos oder Minijobber waren, haben kaum Rentenansprüche zu erwarten. Auch viele (Schein-)Selbstständige, die ohnehin am unteren finanziellen Limit operieren, erwartet im Alter nur einem Minimalrente, denn gerade diese Bevölkerungsgruppen haben kaum Rentenbeiträge eingezahlt. Besonders in Ostdeutschland ziehen diese Faktoren die Durchschnittsrente nach unten.

Wegen dieser Lücken im Lebenslauf wird die Durchschnittsrente der heute 46- bis 50-jährigen Männer in 20 Jahren denn auch um satte 15 Prozent niedriger sein, als bei einem heutigen Rentner. Bei Frauen werden die Einbußen auf 12 Prozent geschätzt - allerdings auch nur, weil heute mehr junge Frauen berufstätig sind und sie deshalb auch länger in die Rentenversicherung einzahlen.

Ohne private Vorsorge geht nix mehr

Die einzige Rettung für diese Generation könnte in einer günstigen Entwicklung des Arbeitsmarkts bestehen. Je mehr der Einzelne in die Rentenkasse einzahlt, desto niedriger fallen auch die späteren Verluste aus, denn die gesetzliche Rentenversicherung wird auch in Zukunft die Hauptlast der Alterssicherung tragen. Als Faustregel gilt dennoch: Ohne private Vorsorge steuern Millionen Bundesbürger sehenden Auges in die Altersarmut.