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Ausgestrickst: "Mitbahnen" per Mausklick

Das neue Tarifsystem hat nicht jeder verstande, aber Rabattjäger tricksen die Bahn im Internet aus.

«Wer gemeinsam reist, spart gemeinsam.» Mit diesem Slogan wirbt die Deutsche Bahn. Von manchen wird der Konzern beim Wort genommen - aber nicht ganz so, wie es gemeint war. Im Internet tun sich Schnäppchenjäger zusammen, um die Bahn auszutricksen. Inzwischen sind ein halbes Dutzend «Mitbahnzentralen» entstanden, mit deren Hilfe Einzelfahrer Minigruppen bilden können. Die Sache lohnt sich: Im besten Fall kostet das Ticket nur noch etwa ein Viertel des regulären Preises.

Fünf Leute sparen 73 Prozent

Beim neuen Mitfahrer-Rabatt muss nur der erste Passagier voll bezahlen. Bis zu vier Leute reisen zum halben Preis mit, auch bei einer einfachen Fahrt. Mit der BahnCard gibt es nochmals 25 Prozent Ermäßigung dazu. Auf diese Weise spart eine Fünfergruppe bis zu 73 Prozent. Eigentlich richtet sich das Angebot an «Familien mit Kindern, gute Bekannte und entfernte Verwandte». Mit den Kontaktadressen im Internet können sich jetzt jedoch auch Zufallsbekanntschaften gemeinsam auf den Weg machen.

Prinzip Mitfahrzentrale

Die neuen Dienste funktionieren genauso wie die Mitfahrzentralen, mit denen sich Studenten seit langem schon einen billigen Platz im Auto besorgen. Nur eben für die Bahn und im Internet: Der Erste gibt Start- und Zielbahnhof ein, dazu die Reisedaten. Wer Interesse hat, meldet sich per Mausklick oder Telefon. «Wir nutzen eine Lücke im Tarifsystem, weil es für Spontan- und Einzelfahrer ansonsten nach dem 15. Dezember teurer wird», sagt der Braunschweiger Student Thomas Winkler, der www.mitbahnen.de entwickelt hat.

Ausnahmslos 2. Klasse

Allein unter dieser Adresse werden derzeit Mitfahrer für mehr als 500 Verbindungen gesucht, meist zwischen Großstädten und ausnahmslos in der Zweiten Klasse. Der Verkehrsclub Deutschland, der www.ticket-teilen.de betreibt, verzeichnet sogar mehr als 1.200 Interessenten pro Tag. Vor allem die Züge rund um Weihnachten sind jetzt schon stark gefragt. Bei allen Anbietern ist die Vermittlung kostenlos. Finanziert werden die meisten Seiten über Werbung. Der Verkehrsclub stellt die Angebote kostenlos ins Netz. «Wir wollen die Leute dazu bringen, statt mit dem Auto Zug zu fahren», sagt Bahnexperte Daniel Kluge.

Streit ums Geld

Allerdings hat das System, bei dem sich keiner richtig kennt, auch seine Tücken. Damit sich die unbekannten Mitfahrer nicht verpassen, halten einige Anbieter Tramper-Schilder zum Ausdrucken bereit. Die Erfahrung der herkömmlichen Mitfahrzentralen lehrt zudem, dass es Streit ums Geld geben wird - vor allem, wenn nicht alle angekündigten Mitfahrer erscheinen. Der Verkehrsclub empfiehlt deshalb, die Karte nur gemeinsam zu kaufen oder sich zumindest vorab die Stornogebühren überweisen zu lassen.

Rechtlich nichts zu machen

Die Bahn gibt sich angesichts der Mitbahnzentralen recht gelassen, auch wenn sie mit Einzeltickets natürlich mehr verdienen würde. «Im Konkurrenzkampf mit dem Auto freuen wir uns über jede Unterstützung», sagt Bahnsprecher Achim Stauß. Rechtlich ist gegen die Internet-Anbahnung ohnehin nicht viel zu machen. Schließlich sind auch Zufallsbekanntschaften am Schalter nicht zu verhindern. Wert legt die Bahn jedoch darauf, dass es spätestens im Zug keinen Mitfahrer-Rabatt mehr gibt. Ansonsten wären wohl nur noch Minigruppen unterwegs.

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