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BANKEN: »Poker mit Riesenbeträgen«

Der deutschen Bankenwelt hat das Kirch-Drama einige Neuerungen beschert: Bisher wurde nie mit so hohen Summen jongliert oder über die Kreditwürdigkeit eines Kunden spekuliert.

Das Insolvenz-Drama um den Kirch-Konzern hat der traditionsreichen deutschen Finanzwelt einige Neuerungen beschert. Von einem nie da gewesenen »Poker mit Riesenbeträgen auf und unter dem Tisch« spricht etwa der Bankenexperte Wolfgang Gerke. Und neu war auch, dass Banker öffentlich über die Kreditwürdigkeit eines Kunden spekulieren: So verkündete Anfang Februar Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer, Kirch werde wohl keine weiteren Kredite mehr bekommen.

Missfallen über Äußerungen

Dass der Boss der größten deutschen Bank sich öffentlich über die Kreditwürdigkeit eines Kunden äußerte, wurde in der Finanzwelt mit großem Erstaunen und einer gehörigen Portion Missfallen aufgenommen. So sagte etwa der Chef der Bayerischen Landesbank, Werner Schmidt: »Wenn wir versuchen, einander auszubooten, führt das zu einer Vermögensvernichtung.«

Graben im Bankenlager

Für die deutschen Gläubigerbanken trennten sich in Sachen Kirch denn auch schnell die Wege. Während HypoVereinsbank, Bayerische Landesbank, Commerzbank und die DZ-Bank bis zuletzt an einem Rettungskonzept strickten, hielten sich die Deutsche und die Dresdner Bank zurück. Aus einfachem Grund: Die beiden Frankfurter Geldhäuser haben bei Kirch nicht viel zu verlieren, denn ihre Kredite sollen komfortabel besichert sein. So hat die Deutsche Bank das Springer-Paket von Kirch als Pfand, die Dresdner für ihren Kredit über 460 Millionen Euro einen 25-prozentigen Anteil am spanischen Sender Telecinco.

Kredite voll abgesichert

Etwas wackeliger dagegen sollen die Sicherheiten von DZ-Bank und Commerzbank sein. Für ihre Kredite stehen Kirchs Filmrechte - doch was diese wert sind, kann derzeit niemand genau sagen. Die Bayerische Landesbank - die nach eigenen Angaben rund 1,9 Milliarden Euro an Kirch vergeben hat - steht Bankenkreisen zufolge richtig unter Druck. Doch Bankchef Schmidt sagte vor einigen Wochen, die Gelder seien »zu banküblichen Usancen und voll abgesichert« verliehen worden.

Umstrittene Kreditvergabe

Wie die Kreditvergabe der Institute im einzelnen gelaufen ist, dafür hat sich auch schon das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen interessiert. So berichtete im März die »Süddeutsche Zeitung«, dass die Behörde prüft, ob einige Banken Kredite an Kirch ohne genügende Sicherheiten gegeben haben.

Nur die Großen bekommen auch viel

Für den Bank- und Börsenexperten Professor Gerke von der Universität Nürnberg-Erlangen jedenfalls zeigt der Fall Kirch wieder einmal, dass Unternehmen in Deutschland eine gewisse Größe brauchen, um von den Banken das ganz große Geld zu bekommen. »Das zeigt sich sowohl im Fall Schneider, ebenso bei FlowTex als nun auch bei Kirch«, so Gerke. Wenngleich er betont, dass bei Schneider und FlowTex den Banken mit Betrügereien begegnet wurde.

Praxis der Kreditvergabe wird sich ändern

Weitere Insolvenzen schließt Gerke nicht aus. Die zukünftige Kreditvergabe werden die Banken aber überdenken: »Das wird sich ändern, da bin ich mir sicher.« Die Controlling-Abteilungen der Geldhäuser dürften ein wachsameres Auge bei Krediten haben, meint er. Interessant ist für ihn zudem die Frage: »Hat sich die Bayerische Landesbank über die Qualität der Sicherheiten von Kirch getäuscht, oder ist sie bewusst in ein Risiko gegangen, um einem bayerischen Unternehmer zu helfen?«

Antje Schwarz