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BÖRSENFERNSEHEN: Der Vier-vor-acht-Mann

Das Aktienfieber hat ihn in die allererste Reihe katapultiert. Was Frank Lehmann ausmacht, nervt und bewegt.

Wenn alles runterrauscht an der Börse, hat einer Konjunktur: Frank Lehmann. Silbergrau ist der ARD-Geldmann, fast 60 Jahre alt, mit beiden Beinen fest verwurzelt im hessischen Mutterboden. 100 Prozent Old Economy. Obwohl er das nie so sagen würde. Denn englische Begriffe kommen in seiner »Zwei Minuten Terrine«, dem Börsenbericht vor der »Tagesschau«, nicht vor. Er babbelt mehr hessisch, als dass er deutsch spricht, aber das mit unübertrefflicher Deutlichkeit: »Verdammte Hacke«, nennt er es, wenn die Kurve auf der Anzeigentafel der Börse nach unten zeigt. Wirklich umhauen kann ihn nichts. Das macht ihn zum Trendsetter. Der Heinz Schenk des Parketts lebt dem Anleger vor, wie er durch schwierige Zeiten kommt. Erste Lektion: Gar nicht erst versuchen, über Nacht reich zu werden.Auf der Straße wollen die Leute immer heiße Aktientipps von ihm. Er hat keine. Außer: Traue keinem heißen Tipp. Er ist Meister der Binsenweisheit. »Hin und her macht Taschen leer« ist eine davon. Einleuchtend: Je mehr einer handelt, desto mehr verdient die Bank an ihm. »Privatanleger ? merkt ihr nischt?«, lautet folgerichtig die dialektgefärbte Eingangsfrage seines neuen Buches »Wie stehen die Aktien?«. Je verrückter die Märkte wurden, desto besser kam er ins Geschäft. »Der Lehmann wird Kult«, hat ARD-Koordinator Hartmann von der Tann prophezeit, als der wild gestikulierende Schnellsprecher im vergangenen Herbst auf Sendung ging. Heute ist er als Kommentator und Kolumnist allgegenwärtig.

Börsenkenner mit Hang zur Ethik

Lehmann ist so etwas wie das Gegenteil der nassforschen Jungmänner. Geheiratet hat er vor der ersten Mondlandung, seine drei Kinder sind so alt wie die Vorstände der Firmen des Neuen Marktes. Joggen geht er seit 30 Jahren jeden Sonntag morgen um acht mit ein paar alten Freunden. Und wenn kaum jemand hinsieht, engagiert er sich für den Wiederaufbau der Alten Pfarrkirche in seinem Wohnort Steinheim oder für Straßenkinder in Guatemala. Als er nach einem Vortrag vor Siemens-Aktionären mit einer ebenso gut situierten wie gierigen Anteilseignerin ins Gespräch kam, da »lief ihm eine Gänsehaut über den Rücken«. Notfalls rausschmeißen, einfach rausschmeißen, meinte die Frau, solle die Firma all die überflüssigen Arbeiter. Kein Gedanke daran, dass Eigentum zu etwas anderem verpflichten könnte als dazu, einen gewitzten Steuerberater zu engagieren. »Da bricht was weg«, klagt Lehmann. »Da können wir in einen Konflikt geraten.« Wenn er so richtig in Fahrt ist, dann schimpft er über den ganzen »Shareholder-Value-Mist«, dem er täglich begegnet.

Seid gelassen und habt Geduld

Was macht so einer an der Börse? Er verkauft eine Philosophie, die zusammengeschraubt ist aus Redensarten, Bonmots alter Gurus und einer kräftigen Prise klassischer Zitate, die er aus einem Hochglanzband mit dem schönen Titel »Geld« bezieht. Der Charme des Ganzen: Er verstellt sich nicht. Lehmann ist Lehmann. Nichts an ihm ist virtuell. Seine Ratschläge fürs Fernsehvolk gründen weniger auf hochfliegenden Theorien als auf langer Lebens- und Börsenerfahrung. Das hört sich dann so an: »Reichtum macht ein Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei, sagt der Volksmund.« Wobei das Gewinnstreben an sich nicht verwerflich sei. »Denn: Der Geist denkt, das Geld lenkt.« Dabei redet Lehmann nur selten groben Unfug. »Die Fakten müssen stimmen«, weiß er. Und die Analyse? Hinter dem Zitate- und Sprüchemix verbirgt sich Grundrichtiges: Guckt genau hin, bevor ihr kauft. Werdet nicht zu gierig. Seid gelassen und habt Geduld.

Die deutschen TV-BörsenstarsDer Pionier

? Peter Nemec, 55, moderiert und leitet bei 3sat die »3satBörse«; der frühere ZDF-Drehscheibe-Moderator ist bereits seit zwölf Jahren auf Börsensendung; geriet unter Druck, als Vermögensverwalter ihre Favoriten-Aktien via Bildschirm schönreden durften.

Die Frau

? Carola Ferstl, 32, moderiert bei n-tv die »Telebörse« und »18 Uhr«; verpasste dem kühlen Finanzgeschehen ein attraktives Aussehen; vermarktet ihre Bekanntheit mittlerweile nahezu auf jeder Bühne als Moderatorin, Autorin, Referentin, bisweilen Lebenshelferin.

Der Nachwuchs

? Markus Koch, 29, berichtet für n-tv von der Wall Street; transportierte den lässigen US-Juppiebörsianer in deutsche Wohnzimmer (Motto: »Geld macht Spaß«); mit der jüngsten Baisse-Erfahrung besonders bei Technologie-Aktien gereift.

Stefan Schmitz