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Die Medienkolumne: Und täglich grüßt das Börsen-Murmeltier

Sie stehen im Frankfurter Börsensaal oder sitzen in Talk-Show-Sesseln. Sie werden live zugeschaltet, befragt und geben Anlage-Tipps - die Wirtschaftsjournalisten. Was dem Korrespondenten der Krieg ist, ist für ihn die Finanzkrise. Jetzt ist er gefordert - aber ist er auch gut?

Von Bernd Gäbler

Als am Montag, dem 15. September, die berühmte US-Bank Lehman Brothers pleite ging, lehnte die mittägliche Schalte der ARD-Chefredakteure es noch ab, zu diesem Thema am Abend einen "ARD-Brennpunkt" zu senden, also dem Zuschauer eine kurze Sondersendung nach der "Tagesschau" zu bieten, wie es bei Flugzeugunglücken oder dem ersten Schneefall in Bayern allzu gern getan wird. Frank Plasberg, so hieß es, werde sich demnächst ja dem Thema "Finanzkrise" widmen und außerdem würden die Zuschauer so etwas ohnehin kaum verstehen. Wie üblich war die öffentlich-rechtliche Berichterstattung also nicht vorausschauend, sondern kam nur allmählich in Gang.

Von der Sparte in den Mainstream

Inzwischen aber läuft sie auf Hochtouren. Nie waren die Börsenberichterstatter so beschäftigt, überzieht uns schon das Morgenmagazin mit Ratschlägen und Finanztipps, haben die Talk-Shows eigentlich alle dasselbe Thema - ist als "Experte" gefragt, wer auch nur den Anschein erweckt, Bescheid zu wissen über die Geheimnisse von Geld, Zins und Kredit. Prof. Wolfgang Gerke beherrscht dieses Metier und hält seinen Schnäuzer täglich in jede Kamera. Norbert Walter, der "Chefvolkswirt der Deutschen Bank", erhebt erklärend seine sonore Stimme. Wolfgang Brüser gibt schon am frühen Morgen Tipps, Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der Zeitschrift "Finanztest" ist präsent wie sonst nur Popstars und Rudolf Hickel von der Universität Bremen, wird Gott dafür dankbar sein, dass er die ihm angebotenen Bremer Spitzenkandidatur für die Partei "Die Linke" abgelehnt hat und nun auf allen Kanälen so gefragt ist wie es sich ein alter Keynsianer kaum noch hätte erträumen dürfen.

In der stets etwas geriatrischen Abteilung "Sandra Maischberger" wird sogar der zungenflinke hessische Börsen-Babbler Frank Lehmann wieder reaktiviert. Ähnlich geht es allen, in normalen Zeiten stetig ihr Tagwerk verrichtenden Arbeitern der Wirtschaftsberichterstattung: Anja Kohl leidet um kurz vor acht mit dem Dax; Brigitte Weining will im ZDF "die Laien mit ins Boot holen" und Franz Zink legt seine Stirn in Sorgenfalten, selbst der jugendliche Michael Best wirkt ein wenig stärker ergraut.

Die Wirtschaftsjournalisten sind die Krisengewinnler

Offenkundig ist: Sie sind die Krisengewinnler, aber es geht ihnen nicht richtig gut. Für beides können sie nichts. Die meisten überprüfen sich sogar selbstkritisch. Wie vermeiden wir Schönfärberei? Wie vermeiden wir Panikmache? Das sind ihre Leitfragen. Mit anderen Worten: Wie halten wir die Mitte? Vielleicht ist die Lage aber gar nicht so?

Um wirklich zu beurteilen, ob unsere Wirtschaftsberichterstattung angemessen ist, müsste allerdings die Medien-Kritik selber Ahnung von der Sache haben. Dem ist leider nicht so. So bleibt es zunächst dabei, Auffälliges zu notieren und Strukturen zu beschreiben. Die erste und wichtigste Tendenz: der Wirtschaftsjournalismus ist von einer Sparte des Fachjournalismus jäh ins Zentrum gerückt. Den Spartensendern, besonders den privaten Info-Kanälen n-tv und N24, die ja zugleich stark wirtschaftlich geprägt sein wollen, nutzt dies allerdings kaum signifikant.

Die Medien-Kritik ist ahnungslos

Ob Literatur oder Dokumentarfilm, Drehbuch oder Spielshow, Serie oder Nachrichten - der Medienkritiker, in der Regel ein Geistesmensch, kennt sich aus. Selbst für den Sport mag dies noch gelten. Nur bei der Wirtschaft stehen die Dinge leider anders: Geist und Geld sind strikt getrennt. Vorbei sind die Zeiten, in denen jeder Intellektuelle noch sicher war, dass die Basis die Basis ist und der Geist dem Überbau zugeordnet wurde.

Da hieß die Wirtschaft auch noch Ökonomie oder gar politische Ökonomie, was leider dazu führte, dass die Sphäre der Zirkulation, des Warentauschs, der Geldwirtschaft vor allem als Oberfläche, Schein, letztlich als nicht ganz koscher erinnert wird. Wer kann schon beurteilen, ob die Aussagen unserer Wirtschaftsjournalisten zutreffen? Beschreibbar ist aber schon, dass sie wenig vorausschauend berichten. Sie klammern sich an die aktuellen Fakten, die interpretiert werden. Jedwede Prognose scheint ungeheuer heikel zu sein.

Außerdem wirkt es so als löse sich gerade alle Politik in Wirtschaft auf. Sicheres oder auch nur halbwegs Plausibles zum Beispiel über die Auswirkungen der Finanzkrise auf die öffentlichen Haushalte ist kaum zu vernehmen. Angela Merkel und Peer Steinbrück, dieser Eindruck wird kaum bestritten, sind aktiv und besonnen zugleich. Aktuell verstummt vor ihnen jede Kritik, fast einen Kanzlerin und Finanzminister die Nation und die Publizistik in der schlichten Hoffnung, sie mögen doch die Lage einigermaßen im Griff haben. Wer nichts versteht, kann eben nur hoffen.

Zwei Pole: Service und Ratlosigkeit

Außerdem ist folgende Struktur der Berichterstattung über die internationale Finanzkrise zu erkennen: die Aufspaltung in die beiden Pole Service und Ratlosigkeit. In den Magazinsendungen morgens, mittags und am Vorabend sowie in allen Sondersendungen mit Zuschauerbeteiligung tobt der Service. Sind Anteile an Genossenschaftsbanken sicher? Soll ich jetzt mein Haus verkaufen? Können Bundesschatzbriefe wirklich nicht pleite gehen? Sollte man sein Erspartes in Gold anlegen? Rund um die Uhr werden diese Fragen nun gestellt und beantwortet. Sicher nach bestem Wissen und Gewissen - dem Beobachter bleibt allein übrig, ein paar Ungereimtheiten zu notieren.

So galt vor ungefähr einer Woche Gold noch als dümmste Idee, denn Metall bringe schließlich keine Zinsen. Die Stimmung hat sich zugunsten des Goldes verändert. Oft endet alle Beratung salomonisch oder so wie in der "Bild"-Zeitung vom Freitag mit dem großartigen Tipp: "Suchen sie sich bei einer Bank oder Sparkasse mit Filiale einen kompetenten Bankberater", was logischerweise sofort die Beratungsfrage aufwirft: Woran erkenne ich einen kompetenten Bankberater? Der Service hat zwei Vorteile: a) lässt er sich unendlich weiterführen und b) er wirkt vor allem beruhigend.

So wie die meisten Politiker längst nicht mehr bei "Monitor" oder "Panorama" zu vernehmen sind, sondern sich bei "Beckmann" oder "Kerner" menschlich wie strategisch äußern, ist parallel die Talkshow zum alles beredenden TV-Thing geworden. Dennoch wirkt sie weiter entfernt von den realen politischen Entscheidungen als früher. "Anne Will" und "Maybrit Illner" - das sind Interpretations- und Räsonierstuben geworden. Das funktioniert leidlich, führt aber aktuell nicht zu Quotenhöhenflügen, obwohl die Menschen bedrückt und entsprechend interessiert sind. Das liegt auch an der durchgängigen Talk-Tendenz. Am Ende herrscht Ratlosigkeit.

Talk, Talk, Talk

Das führt teilweise zu einem wilden, gelegentlich auch lockeren Hin und Her, allein es bleibt das seltsame Gefühl zurück, wieder einmal nicht viel schlauer geworden zu sein. Anfangs ging es vor allem um große Begriffe - von Gier bis Kapitalismus. Aktuell wird um die kleinen Notstands-Maßnahmen gestritten. Bildeten einst Oskar Lafontaine und Friedrich Merz die Diskurs-Pole, so gelten die puren Neoliberalen im Moment als die Idioten vom Dienst. Alle rufen nach dem Staat wie nach einem großen Bruder bei der Schulhofkeilerei. Nur wenn gar nichts los ist, ist Olaf Henkel noch gefragt; Friedrich Merz ist völlig out und Prof. Kirchhoff in der Versenkung seiner Studierstube verschwunden. Wie immer, wenn keiner weiter weiß, schlägt aber die große Stunde der "Ethiker": von Jesuitenpater Hengsbach bis Norbert Blüm, von Erhard Eppler bis Anselm Grün, von Daniel Goudevert bis zu den Andechser oder Adelholzer Matadoren einer Synthese von Klostergeist und Realökonomie.

Die Blödkritik: macht es bitte kindgerecht

Das Blöde an der ganzen Lage ist: wir selber sind zu blöd. Wir verstehen nichts von Investment-Banking, Derivaten oder Swaps. Und schon kommt die dämlichste Form aller Kritik am Journalismus auf: bitte, bitte - macht es doch kindgerecht! Wir verstehen die Nachrichten nicht, also müssen sie so klingen wie die "Sendung mit der Maus". Kann es sein, dass es Sachverhalte gibt, die man nicht voraussetzungslos verstehen kann - so wie die Relativitätstheorie oder die Poincaré-Vermutung, vielleicht ja auch die internatonale Finanzkrise? Schon Neill Postman wusste, dass das Fernsehen zum Curriculum nicht taugt, weil in ihm Wissen nicht auf anderes Wissen aufbauen kann, sondern es von Sendung zu Sendung stets wieder bei Null anfangen muss. Auch deswegen klingt es aktuell als grüße von der Börse täglich das gleiche Murmeltier.

  • Bernd Gäbler