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"Neue Vahr Süd": Aus den Jugendtagen von Herrn Lehmann

In seinem überraschend erfolgreichen Romandebüt schilderte Sven Regener den 30. Geburtstag von Frank Lehmann. "Neue Vahr Süd" widmet sich der Jugend des sympathischen Losers.

Damals hieß Herr Lehmann noch Frank. Wir schreiben das Jahr 1980. Der spätere Kreuzberger Bohemien lebt noch bei seinen Eltern im Bremer Neubaugebiet Neue Vahr Süd, das dem jüngsten Roman von Sven Regener den Titel gibt. Schon lange trägt Regener, im Hauptberuf Sänger der Band Element of Crime, die Geschichte des seltsamen Antihelden Frank Lehmann mit sich herum. Von Beginn an habe er gewusst, dass er dieses Leben in einer Trilogie erzählen will, sagt der 43-Jährige. Nur verraten hat er es keinem: "Ich wusste es von Anfang an, aber ich habe es nicht an die große Glocke gehängt."

Der im Jahr 2001 erschienene Roman "Herr Lehmann" war Regeners literarisches Debüt. Und das war gleich so erfolgreich, dass es in der Regie von Leander Haußmann mit Christian Ulmen in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Back to the Roots

Nun also zurück zu den Anfängen. Frank ist 20 und hat keinen Plan. Jetzt muss er erstmal zur Bundeswehr - weil er verpennt hat zu verweigern, denn eigentlich ist er "mehr der Hippietyp". Auch in seiner Jugend zeichnet sich Lehmann schon durch seine berühmte "Mal abwarten"-Haltung aus. Langmütig, träge und melancholisch könnte man seine Gemütsverfassung umschreiben, wären da nicht die unerwarteten, eher Implosionen gleichenden Gefühlsaufwallungen. Die verpackt er am liebsten in längere pseudo-philosophische Ausführungen. So kennt man ihn, so mag ihn, aber so nervt er auch ein bisschen.

Beim Bund

Lehmanns ohne Ziel vor sich hingelebtes Leben wird zum Albtraum, als er in die Kaserne einrückt. Seine Freunde, zu denen er schon nicht mehr richtig gehört, kämpfen in diversen K-Gruppen für die proletarische Weltrevolution. Er robbt durchs Gelände, lässt sich anbrüllen, faltet Hemden auf DIN A4 und hat plötzlich nicht mehr genügend Zeit zum Nachdenken über sich und das Leben. Regener räumt dem perfiden und beängstigenden Armee-Alltag viel Raum ein, der Leser braucht da etwas Lehmann'schen Langmut. "Es geht um den Schock der Versklavung durch die Wehrpflicht", sagt der Autor, der selbst beim Bund war.

Ärger mit den Autoritäten

Zu den Höhepunkten des Buches gehören Lehmanns Dialoge mit seinen Eltern. Wunderbar ist es zu lesen, wie sie ihm in seiner Abwesenheit einfach den kaputten Fernseher von Tante Helga ins Zimmer stellen und der Vater die unbedingt dort auszuführenden Reparaturarbeiten als neues Hobby ausgibt. Natürlich merkt Lehmann sofort, dass die Eltern ihrem Sohn so subtil nahe legen wollen, doch mal an einen Auszug zu denken. Auch mit seinem Hauptmann gerät Lehmann immer wieder auf skurrile Art aneinander. Der zackige Vorgesetzte wittert bei Lehmann, von seinem Kameraden mehr aus Zufall zum Vertrauensmann gewählt, ständig, dass er einer von diesen "Politvögeln" ist und Ärger macht.

Laues Leben in der Wohngemeinschaft

Als Kontrast zum Kasernen-Drill beschreibt Regener mit viel Liebe das Leben in Lehmanns Wohngemeinschaft. Dort lässt sich die Tür nur mit einer Zange öffnen und backen Punks mit Küchenschürzen Kekse. Lehmann gehört weder zur einen noch zur anderen Welt. Auch mit den Frauen klappt es nicht so richtig. Am besten nicht verlieben, ist seine Devise. Tut am Ende doch nur weh. Immer wieder stellt er sich die Frage, warum er nicht verweigert hat und erkennt schließlich: "Vielleicht wollte ich einfach nur, dass endlich etwas passiert, etwas, das man nicht aufhalten kann, etwas, das mich unwiderruflich hier rausholt."

Spätestens wenn Karl, zu dem Zeitpunkt noch Freund von Lehmanns Bruder, auftaucht, deutet sich eine Zukunft an. Am Ende bricht der Held natürlich auf nach Berlin. Was er dort - im geplanten zweiten Band - bis zu seinem 30. Geburtstag erlebt, das will Regener natürlich noch nicht verraten.

Elke Vogel, DPA

Sven Regener: Neue Vahr Süd
Eichborn Verlag, Berlin
582 Seiten, 24,90 Euro