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Die Medienkolumne: Mit dem Blick der Marktfrau

Frank Lehmann geht in den Ruhestand. Er war das Gesicht der "Börse im Ersten". Knapp vor der "Tagesschau" sollte das undurchschaubare Wirtschaftsgeschehen auf den Punkt gebracht werden. Frank Lehmann tat es - mit dem Blick der Marktfrau: volkstümlich, redlich.

Von Bernd Gäbler

Abschiede. Weil so viele Sendungen schon aufgezeichnet sind, dauert es, bis Alfred Biolek im Fernsehen auch den Kochlöffel nicht mehr schwingt; Fritz Pleitgen moderiert seinen letzten "Presseclub" - und zum Jahreswechsel geht, pünktlich zu seinem 65. Geburtstag, auch Frank Lehmann in den Ruhestand. Er war das Gesicht der "Börse im Ersten". Vor ihm gab es so etwas nicht. Ein paar Minuten Live-Bericht, ein paar Zahlen und knackige Sätze - so sollte nun für jedermann verständlich auf den Punkt gebracht werden, was bis dahin Stoff für Experten und Geldanleger war.

Frank Lehmann hat das 17 Jahren lang gemacht. Er bildete eine verlässliche Stimmungsbrücke zwischen dem Geborgenheit spendenden seichten Vorabendprogramm hin zum Ernst des Lebens in der "Tagesschau", die sich dann mit Fanfaren lautstark ankündigt. Seitdem schalten viele einfach ein bisschen früher ein, wenn sie die "Tagesschau" sehen wollen. Bis zu drei Millionen Zuschauer erreicht die "Börse im Ersten" regelmäßig. Damit ist es Europas meist gesehenes Format zu Dax und Dow. Viele andere televisionäre Aufarbeitungen kamen nach: Spezialsendungen mit Live-Schalten zu den Börsen nach New York und Tokio; Spiel- und Quizsendungen; Unternehmensportraits, Analysten-interviews und allenthalben Tipps und "Money-Trends". Zu jenem Hype hat Frank Lehmann stets Distanz gehalten. Er war zwar das Gesicht der Börse, aber er schaute auf sie mit dem Blick der Marktfrau.

Volkstümlich

Frank Lehmann hat von der Börse nicht so berichtet wie es Börsianer tun würden. Es wimmelte bei ihm nicht von Wörtern wie "Fusionsphantasie", "Win-Win-Situation", zu erwartender "Hochzinspolitik" oder "Gewinnmitnahmen". Das gab es auch. Aber ebenso sprach er von Gier und Neid, von Not und Panik, von Hochmut und Treue. Er sprach volkstümlich. Lange Jahre hatte er im Hessischen das Regionalmagazin moderiert - zur Fassnacht stets im Dialekt.

Für die Moderation des regionalen Wirtschaftsmagazins mischte sich gerne unter die Marktfrauen. Diese Volkstümlichkeit wollte er nun unter den "Flanellmännchen" nicht leugnen. Manchmal wirkte dies etwas bemüht, manchmal übertrieb er es. Aus seinem Stil konnte dann eine Masche werden. Da er aber nicht abhob und zu erfahren war, um dem fernsehtypischen Missverständnis zu unterliegen, er selbst sei der Star, kriegte er sich auch wieder ein. So wurden die zurechtgelegten Flapsigkeiten wie etwa: "Mit Geld ist es wie mit Klopapier: Wenn man es braucht, braucht man es dringend" zu seinem Stil. Er informiert über Zahlen und Fakten, erweckte - im Unterschied zu manch übereifrigem glatten Jüngling - aber nie den Eindruck, das sei das eigentliche Leben. Nein, da gab es immer noch etwas anderes, wichtigeres.

Traditionell

Natürlich genoss er es, wenn er im Stadion bei der "Eintracht" erkannt wurde, die Leute tuschelten und er rundum grüßen konnte, aber Frank Lehmann bildete sich darauf nichts ein. Auch im Umgang mit den Kollegen blieb er angenehm normal. Nicht von einer ohnehin kritischen Position aus, erst recht nicht ironisch, sondern gelassen konnte er so den ersten Börsenboom, das Theater um den massenhaften Erwerb der Telekom-Aktien und die rasante Überbewertung von einigen jungen Internet-Unternehmen begleiten. Diesen gegenüber schien er die Old-Economy zu verkörpern: jedenfalls hielt er an der tradierten Auffassung fest, dass man etwas arbeiten müsse, um Geld zu verdienen und attraktive Produkte brauche im Wettbewerb. Manchmal schien es so als habe er besondere Sympathien zur Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre.

Auf jeden Fall hielt er die schwärmende Schar der Analysten nicht für ein auserwähltes Volk. Auch gegenüber den in Frankfurt ja so zahlreich beheimateten Großbanken verfiel er nie in Devotion. Das spürten die Zuschauer. Ihm imponierten eher die Unternehmer der Aufbaugeneration - vom Teppichhändler bis zum Auto-Zulieferer -, die längst vor allem Controlling, Coaching und Customer-Relations um die motivierende Kraft des Betriebsklimas wussten. Insofern gehörte Frank Lehmann fast noch in das Hessen von Holger Börner, Lia Wöhr, Heinz Schenk und Jürgen Grabowski, das ernste Arbeit mit fröhlicher Gemütlichkeit verband. Von das aus hat er auf die neue Zeit geblickt: durchaus fasziniert, aber ohne Illusionen. Da war es fast ein Gesetz, dass er sich "Off-Line" mit "Worscht" und grüner Soße vom Börsenplatz zünftig verabschiedete.