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Interview mit Sven Regener: "Scheiße in den Propeller werfen"

Der Autor und Musiker Sven Regener hat ein neues Buch über einen alten Bekannten geschrieben: "Der kleine Bruder" ist Teil einer Trilogie über das Leben des Barkeepers Frank Lehmann. Im Interview gibt sich Regener gewohnt knurrig. Ein Gespräch über Kunst, Kritik und Kontrollfreaks.

13 Uhr, Berlin-Mitte: Sven Regener, 47, sitzt auf der Terrasse eines Asia-Restaurants. Es ist heiß, die Sonne knallt. Regener bestellt Thunfisch-Steak mit Grüntee. Dann geht´s los. Schnell. Und mit einer unverwechselbaren Schnoddrigkeit.

Stört es Sie, wenn jemand sagt: "Frank Lehmann ist ein Versager"?

Das nervt mich natürlich, das ärgert mich. Das ärgert mich aber nicht für Frank Lehmann, das ärgert mich, weil es dämlich ist. Aber warum sollte ich eine Figur verteidigen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt? Naja, da muss man als Autor eben durch.

Ist das jetzt eigentlich das letzte Lehmann-Buch?

Wenn ich jetzt eine super gute Idee hätte für ein viertes Buch, dann würde ich das auch schreiben. Als ich mit "Neue Vahr Süd" fertig war, wusste ich, dass ich "Der kleine Bruder" noch schreiben werde. Dieses Gefühl habe ich jetzt nicht.

Das Cover Ihres neuen Romans ist schwarz. Macht Sie der Abschied von Frank Lehmann traurig?

Die Geschichte im Buch ist nicht gerade die fröhlichste, das stimmt. Aber gleichzeitig ist sie auch sehr konstruktiv: Frank Lehmann baut sich in Berlin auf der Suche nach seinem Bruder innerhalb von zwei Tagen ein komplett neues Leben auf.

Was ist eigentlich das Schöne am Traurigsein?

Es gehört zum Wesen der Kunst, dass man sich mit allen Facetten des Lebens beschäftigt. Und dazu gehört auch, dass man sich mit den Dingen versöhnt - auch mit der Traurigkeit. In "Der kleine Bruder" zeigt sich West-Berlin von einer sehr düsteren Seite, und für jemanden wie Frank, der da neu ankommt, ist das sicher nicht sehr angenehm. Aber das Dunkle, Winterliche gehört nun mal auch zum Leben.

Wie lange haben Sie für "Der kleine Bruder" gebraucht und wo haben Sie das Buch geschrieben?

Ich habe in Berlin geschrieben und mir ziemlich genau ein Jahr dafür gegeben. Ich glaube, jeder Job, den man sich vornimmt, füllt automatisch die Zeit aus, die man sich dafür zur Verfügung stellt.

Sie sind Sänger und Frontmann der deutschen Rockband Element of Crime und schreiben eigene Liedtexte. Was ist der Unterschied zwischen dem Schreiben eines Songs und dem Schreiben eines Buches?

Sie könnten mich auch fragen: Was ist der Unterschied zwischen Kaffee kochen und Tisch abwischen? Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Man kann nicht sagen, nur weil ich über 120 Liedtexte geschrieben habe, fiele es mir besonders leicht ein Buch zu schreiben.

Aber vielleicht schreiben Sie Ihre Lieder aus einer anderen Stimmung heraus?

Bei mir hat das Schreiben nichts mit Stimmung zu tun, sondern mit Ideen. Songtexte sind Songtexte, die muss man singen können. Bücher schreibe ich allein. Wieso soll man diese beiden Dinge miteinander vergleichen?

Und können Sie sagen, was Ihnen mehr Spaß macht?

Nein. Beides macht mir Spaß und das lässt sich ja nicht messen. Wenn es mir keinen Spaß machen würde, ein Buch zu schreiben, dann würde ich es lassen. Ganz einfach.

Und der Erfolg? Ist es schöner, gute Kritiken für ein Buch zu bekommen, oder Applaus nach einem Konzert?

Es freut mich natürlich, wenn die Leute mögen, was ich tue. Aber warum soll ich das ins Verhältnis zueinander setzen? Macht der Erfolg meiner Bücher mir mehr Spaß, als der Applaus nach einem Konzert? Das interessiert doch keinen Menschen. Oder wenn doch: Ich weiß es dennoch nicht.

Ihr neues Buch lebt vor allem von pointierten Dialogen. Wie haben Sie dafür ein Gefühl entwickelt?

Ich mag es, Dialoge zu schreiben. Das ist vielleicht eine Neigungsfrage, eine Sache des Talents. Wenn ich ein Buch schreibe, geschieht in diesem Prozess immer etwas, mit dem ich vorher nicht gerechnet habe. Ich bin ja kein Kontrollfreak, der sich ein Konzept macht und dann strikt daran festhält. Schreiben ist eine Mischung aus Planung und Spontaneität. Ein Buch muss auf organische Art und Weise wachsen.

Und wie entwickeln Sie ihre Figuren?

Es gibt Randfiguren, die im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnen und zum Ende vielleicht sogar richtig auffällig werden, wenn sie dann zum Beispiel die Scheiße in den Propeller werfen. Es ist wie im richtigen Leben: Da kommen Leute, die hat man zwar nicht eingeladen, aber die bleiben richtig lang und man wird sie kaum wieder los.

Wie viel von Frank Lehmann steckt eigentlich in Sven Regener?

Vielleicht 37 Prozent. "Herr Lehmann" hat sich 1,7 Millionen Mal verkauft. Warum? Weil die Leute sich mit dem Helden dieser Geschichte identifizieren, weil es zumindest ein bestimmtes Mindestmaß an Übereinstimmung gibt und weil viele seiner Wesenszüge den Leuten bekannt sind. Auch diese Leute haben etwa 37 Prozent Übereinstimmung mit Frank Lehmann. Und die übrigen haben Interesse daran, die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen. Frank Lehmann ist in vielen Dingen anders als ich.

Sie haben also keine Lust, eine Autobiographie zu schreiben?

Wissen Sie, selbst wenn jemand seine Autobiographie schreibt, ist das oft eine geschminkte Version seiner Selbst, eine Stilisierung. Das hat oft nicht mehr als 50 Prozent mit der Person zu tun. Und ich habe außerdem wirklich nicht den Anspruch, meine Lebensgeschichte zu erzählen.

Interview: Heike Kottmann
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