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Chancen und Risiken: Auf Indien setzen?

Die Wirtschaft wächst rasant, der Subkontinent lockt zunehmend Anleger - auch aus Deutschland. Ein Gespräch über Chancen und Risiken.

Von Frank Donovitz und Adrian Geiges

Der indische Subkonti nent gilt neben anderen aufstrebenden Märkten wie China, Russland und Brasilien als kommende Wirtschaftsmacht. Viele Ökonomen glauben, Indien werde in 15 bis 20 Jahren die Volkswirtschaften der USA, von Europa und Japan eingeholt haben, ja sogar überflügeln. Darauf spekulieren schon heute die Investoren: Sie pumpen jedes Jahr Milliarden Dollar und Euro in indische Wertpapiere.

Das meiste Geld fließt an die Börse von Bombay. In der Hafenmetropole, die seit elf Jahren offiziell Mumbai (nach der Hindu-Göttin Mumba) heißt, leben unzählige Finanzmakler und Unternehmer, "Bollywood"-Filmstars und eine wachsende Mittelschicht - und auch Millionen Slumbewohner. Zusammen sind es rund 16 Millionen Menschen.

Im Süden Mumbais liegt das Finanzviertel. Hier hat die Investmentfonds-Firma Fidelity, größter Fondsanbieter der Welt, ihr Indien-Hauptquartier. Geleitet wird die Niederlassung an einem der - in jeder Beziehung - heißesten Börsenplätze der Welt von einer Frau: Ashu Suyash, 39, ist Indien-Chefin von Fidelity. Zum stern-Gespräch mitgebracht hat sie ihren Aktienexperten Sandeep Kothari, 36.

Frau Suyash, Herr Kothari, was ist so besonders an Ihrem Land, dass wir unser schwer verdientes Geld in indische Aktien anlegen sollten?


ASHU SUYASH (lächelt): Weil Sie langfristig gute Chancen haben, es zu vermehren.

Das hören wir auch über China, Russland, Brasilien ...


SANDEEP KOTHARI: Russland profitiert von seinen Rohstoffen, Brasilien von seiner Landwirtschaft und China von Industrieproduktion. In Indien entwickelt sich dagegen eine breit gefächerte, wissensbasierte Wirtschaft ...

Suyash: ... verbunden mit Demokratie, Rechtssicherheit und englischer Sprache.

Einige Ökonomen glauben, Indien könne schon im Jahr 2010 stärker wachsen als China.


Suyash: Zuletzt lag das jährliche Wachstum bei mehr als acht Prozent. Beschäftigung und privater Konsum steigen stetig. Ich halte zweistellige Raten für möglich, sofern die Infrastruktur mitwächst.

Kothari: Nehmen Sie nur die Zahl der Mobiltelefonkunden. Sie steigt um eine Million - pro Monat!

Solche hohen und schnellen Zuwächse bergen auch Risiken. Was ist, wenn es zu sozialen Spannungen zwischen Wachstumsprofiteuren und Armen kommt?


Suyash: Deshalb versucht die hiesige Politik die Marktöffnung nur Schritt für Schritt zu vollziehen. Und was unsere Börse betrifft: Inder investieren mehr und mehr ihrer eigenen Ersparnisse in heimische Aktien. Derzeit liegt der Aktienanteil bei vier Prozent, doch er wächst schnell. Unsere fünf inländischen Fonds haben in 18 Monaten 800 000 Kunden aus dem ganzen Land gewonnen.

Investmentfonds werden in Indien von Finanzberatern und Banken unters Volk gebracht, auch etwa in den indischen Geschäftsstellen der Deutschen Bank und der amerikanischen Citibank. Nach Handelslehre-Diplom an der Uni Mumbai und Wirtschaftsprüferexamen war Ashu Suyash 15 Jahre für die Citibank tätig. Zuletzt leitete sie dort die Abteilung für Geschäftsstrategie Indien. Das traditionelle indische Frauengewand, den Sari, zieht sie dem westlichen Business-Look vor - auch bei Fidelity, wo sie Ende 2003 begann.

Was kostet Einheimische der Einstieg in einen Aktienfonds?


Suyash: Ungefähr so viel wie in Deutschland: als Sparplan umgerechnet etwa 100 US-Dollar monatlich. Hiesige Kunden haben bis jetzt 1,2 Milliarden Dollar bei uns angelegt - Tendenz steigend. Das macht unseren Aktienmarkt stabiler.

Wie viel Geld kommt aus dem Ausland, zum Beispiel aus Deutschland?


Kothari: In unseren Indien-Aktienfonds für Ausländer stecken mehr als sechs Milliarden Euro, davon ein dreistelliger Millionenbetrag aus Deutschland.

Im Mai dieses Jahres schien der Boom jäh zu Ende. Die Börse Mumbai brach um fast 30 Prozent ein.


Kothari: Ja, aber wir liegen heute schon wieder über dem Ausgangswert vor der damaligen Korrektur.

Bedeutet das nicht, dass der Markt überhitzt ist, indische Aktien längst überteuert sind?


Suyash: Das mag in Einzelfällen und kurzfristig zutreffen. Aber uns interessieren langfristige Potenziale. Eine angemessene Bewertung stellt sich zumindest mittel- und langfristig automatisch ein. Auf lange Sicht ist der Markt nicht dumm.

Das heißt, Sie halten einmal gekaufte Aktien eher lange.


Kothari: Exakt. Wir sind keine Zocker.

Sandeep Kothari war Analyst bei verschiedenen Investmentbanken, unter anderem bei der Allianz-Tochterfirma Dresdner Kleinwort. Vor vier Jahren stieg er bei Fidelity in Hongkong ein. Er gehört zur jungen Generation hervorragend ausgebildeter Inder, die sich bestens auf dem globalen Arbeitsmarkt behaupten. Anfang 2006 kam er zurück in seine Heimatstadt Mumbai, für ihn der "interessanteste Ort der Welt".

In Deutschland gibt es rund 700 börsennotierte Firmen, in Indien mehr als 4500. Wie finden Sie aussichtsreiche Aktien?


Kothari: Wir halten direkten Kontakt zu mehr als 250 Firmen. Davon sind derzeit fast 70 in unseren Aktienfonds vertreten, auch mittelgroße und kleinere Unternehmen. Wir verlassen uns dabei nur auf unsere eigenen Analysen. Dafür haben wir in Mumbai und Delhi insgesamt 100 Mitarbeiter.

An der Börse von Mumbai sind viele indische Ableger globaler Konzerne notiert, darunter auch von Siemens oder Bayer. Schwächt ein deutscher Anleger mit einer Investition dort nicht die Mutterfirmen in seiner Heimat und gefährdet so womöglich den eigenen Arbeitsplatz?


Suyash: Nein, da sehe ich keinerlei Zusammenhang. Arbeit entsteht, wo sich Absatzchancen und gute Standortbedingungen finden - in Deutschland wie in Indien.

Kothari: Aus Anlegersicht gibt es freilich Unterschiede. Die Aktie von Siemens India Ltd. zum Beispiel verzeichnet in den vergangenen fünf Jahren ein Kursplus von mehr als 3000 Prozent. Die Titel der deutschen Siemens AG bringen es in derselben Zeit gerade auf 30 Prozent Plus.

Bei solchen Vergleichen haben Sie wohl keine besonders gute Meinung von der deutschen Wirtschaft?


Suyash: Ganz im Gegenteil! Ich kenne zum Beispiel München, Nürnberg und Hamburg. Mein Vater hat dort vor vielen Jahren gearbeitet.

Als Computerexperte?


Suyash (schmunzelt): Als Ingenieur - bei Siemens.

Wie viel "Indien"-Anteil empfehlen Sie einem Aktienfondsanleger?


Suyash: Das sollte er mit seinem Berater besprechen.

Beraten Sie uns!


Suyash (lacht): Also gut. Erstens: Wer morgens wegen seiner Aktien-Investments schweißgebadet aufwacht, sollte generell die Finger davon lassen. Zweitens: 100 minus Lebensalter ist eine gute Formel, um den optimalen Aktienanteil eines privaten Anlegers zu bestimmen. Also je jünger, desto höher, und umgekehrt.

Macht wie viel "Indien" für einen "Mittelalten"?


Suyash: Vielleicht zunächst rund fünf Prozent innerhalb seines Aktienteils.

Kothari: Anleger müssen sich im Klaren darüber sein, dass Indien immer noch ein Schwellenlandmarkt ist. Schwankungen wie zuletzt im Frühsommer sind immer wieder möglich.

Allein in Mumbai starben dieses Jahr 180 Menschen durch religiös motivierte Anschläge. Vertreibt das Investoren?


Suyash: Nicht mehr oder weniger als nach Anschlägen in New York, London, Madrid oder Istanbul. Es ist ein Übel, mit dem wir überall umgehen müssen.

Die Gegensätze zwischen Arm und Reich sind in Indien nach wie vor extrem. Wie groß ist der soziale Sprengstoff?


Suyash: Er ist gering, denn die Fortschritte beschleunigen sich. Wir durchlaufen - beginnend ab 1947 - die dritte große Umwälzung. Nach der politischen und sozialen jetzt die marktwirtschaftliche, eingeleitet 1991. Es braucht einfach etwas Zeit.

Die sozialen Gegensätze sind in den Großstädten besonders extrem - und allgegenwärtig: Keine 30 Meter von der Flughafenrollbahn entfernt beginnt eine Elendssiedlung. Die Fahrt vom Flughafen in den alten Stadtkern von Mumbai, rund 30 Kilometer, dauert tagsüber gut zwei Stunden und kostet umgerechnet etwa acht Euro. Sie führt vorbei an Slums, aus dem Boden gestampften neuen Stadtteilen, historischen Tempeln, Palästen und Parkanlagen, dazwischen einige Kolonialgebäude. Gefahren wird nach Gehör, in einem DauerHupkonzert. Auf den zwei markierten Fahrstreifen drängeln sich oft sechs bis sieben Vehikel nebeneinander - vom Lkw bis zur Motor-Rikscha. Kaum ein Auto verfügt über Außenspiegel. Sie sind entweder eingeklappt oder abgerissen.

Wie lange brauchen Sie von zu Hause ins Büro?


Kothari: 15 bis 30 Minuten, ich wohne um die Ecke.

Suyash: Ein Glücklicher! Mein Fahrer benötigt morgens weniger als eine, abends aber mehr als zwei Stunden. Der Verkehr in Mumbai ist extrem.

Nach unserem Eindruck gilt das für die gesamte Infrastruktur, etwa die Bausubstanz, die Wasser- und Elektrizitätsversorgung.


Suyash: Sie haben recht. Hier liegen die größten Herausforderungen für große Teile Indiens ...

Kothari: ... und folglich interessante Investmentideen.

Die scheinen Sie ja ständig zu begleiten. Was machen Sie in Ihrer Freizeit?


Suyash (lacht): Freizeit? Würde ich mir wünschen. Die wenige gehört vollständig meinen beiden Töchtern, 11 und 18 Jahre.

Wer betreut die Kinder, während Sie und Ihr Ehemann arbeiten?


Suyash: Glücklicherweise meine Eltern und Schwiegereltern. Wir haben in Indien eine sehr starke Familienorientierung.

Haben es Frauen in der indischen Wirtschaft schwerer als ihre männlichen Kollegen?


Suyash: Ja, definitiv.

Es hat nichts bewirkt, dass bereits 1966 eine Frau, Indira Gandhi, Premierministerin wurde?


Suyash: Jedenfalls nicht viel in der Geschäftswelt. Das kann ich generell sagen. Und aus eigener Erfahrung. Aber es wird sich entwickeln, Schritt für Schritt. Wie alles in Indien.

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  • Frank Donovitz