Dosenpfand Alles Blech


Ab Oktober sollte es beim Dosenpfand einfacher werden. Doch der Handel bockt, für die Kunden bleibt es unbequem.

Gedacht hatte sich Umweltminister Jürgen Trittin das Ganze so: Der Kunde zahlt beim Kauf einer Dose oder Einwegflasche Pfand - und bei Rückgabe der Dose bekommt er es wieder. Ganz einfach. Gekommen ist es so: Ilse und Walter Trippel aus Paderborn kaufen im Penny-Markt 36 Dosen und fahren damit in den Urlaub nach Bayern. Dort trinken sie die Dosen leer und schmeißen sie weg. Wieder zurück in Paderborn bekommen sie trotzdem ihr Pfandgeld zurück - der Penny-Markt ist vermutlich froh, dass er den Müll nicht entsorgen muss.

Annette Jäger aus Hamburg möchte ihre PetEinwegflaschen am Automaten eines Spar-Markts entsorgen. Da die Flaschen zerknautscht sind, verweigert der Automat die Annahme. Ein Spar-Mitarbeiter wirft die Plastikflaschen kurzerhand in den Papierkorb. Ali Mandirali, Kioskbetreiber am Berliner Alexanderplatz, teilt seine Kunden in zwei Gruppen: Wer verspricht, in der Nähe zu bleiben, bekommt die Dosen ohne Pfand, alle anderen zahlen.

Bei der seit Januar geltenden Pfandpflicht sucht man vergebens nach einheitlichen Regeln. Sicher ist nur eines: Der Kunde ist rettungslos verloren. Die Verbraucher haben in den ersten neun Monaten des Jahres rund 400 Millionen Euro Pfandgeld nicht wieder abgeholt - ein schöner Extragewinn für den darbenden Handel. Bei den Pfandregeln blickt niemand durch. So kostet ein Apfelsaft mit Kohlensäure Pfand, einer ohne Kohlensäure nicht. Der Handel weigert sich, ein einheitliches Rücknahmesystem - wie bei Mehrwegverpackungen üblich - einzurichten, obwohl sich Politik und Handel mal auf den 1. Oktober geeinigt hatten.

Der Schutz der Umwelt spielt in der Diskussion fast gar keine Rolle mehr. Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, gibt zwar vor, dass der ihm persönlich schwer am Herzen liege: "Wenn ich jemanden was wegschmeißen sehe, bitte ich ihn, das wieder aufzuheben." Sogar mit einem Messer sei er deshalb schon bedroht worden. Aber Dosenpfand? So weit geht die Liebe denn doch nicht. Auf mehr als zwei Milliarden Euro beziffert Pellengahr die Kosten für ein einheitliches Rücknahmesystem. Zu teuer, findet er: "Der ökologische Nutzen steht in keinem Verhältnis zum Aufwand."

Das findet auch Peter Zühlsdorff. Der 62-Jährige sitzt im Beirat des Handelsriesen Tengelmann. Für Trittin und das Dosenpfand hat er etwa so viel übrig wie Naddel für Verona Feldbusch. Pervers sei das, persönliche Profilierung von Trittin. Der Minister sei ein Fundamentalist. "Das läuft alles auf eine Staatswirtschaft hinaus", schimpft Zühlsdorff. Wenn er so was hört, blickt Rainer Baake, fürs Dosenpfand zuständiger Staatssekretär im Bundesumweltministerium, lange angespannt in den Himmel. "Teile der Wirtschaft stellen das Primat der Politik infrage", sagt er dann. "Trittin hat das Thema keineswegs gepuscht, er hat nur geltendes Recht vollzogen." Die Verpackungsverordnung von 1991 schreibt das Einwegpfand vor, wenn der Mehrweganteil unter 72 Prozent fällt. Der Handel habe das kommen sehen, aber "russisches Roulett gespielt" - nach dem Motto: Wird schon nicht so schlimm werden.

Schlimm ist es vor allem für die Verbraucher geworden. Nur wer ganz auf Dose oder Einwegflasche verzichtet, hat kein Problem. Und das sind nicht wenige - der Anteil von Einwegverpackungen bei Getränken ist auf 40 Prozent zurückgegangen. Die Handelskette Metro und die Discounter Aldi und Lidl verkaufen zurzeit gar keine Dosen. Nur: Dieser durch das Pfand eigentlich erwünschte Effekt führt zu neuen Problemen. "Das ist zu schnell und zu hart gekommen", sagt Baake. Bei Dosenherstellern sind viele Arbeitsplätze verloren gegangen. Und die europäischen Getränkeexporteure und die EU-Kommission sitzen der Bundesregierung im Nacken, weil sie im Dosenpfand und in der raschen Auslistung Handelshemmnisse sehen.

Der Kunde ist weiter der Willkür des Handels ausgesetzt. So haben sich Plus und Rewe für so genannte Insellösungen entschieden: Dosen gibt es nicht mehr und Einwegflaschen nur noch in einer ganz bestimmten, ausschließlich dort verkauften Formung. Nur die "eigenen" Flaschen werden, bundesweit, zurückgenommen, aber keine Flaschen oder Dosen der Konkurrenz. Spar-Läden verteilen Pfandbons, die man bei Rückgabe der Verpackung einlösen kann - ein System, das eigentlich längst hätte verschwunden sein sollen, nun aber vom Umweltministerium bis Oktober 2004 gestattet wurde. Die kundenfreundlichste Lösung hat der Kioskbelieferer Lekkerland-Tobaccoland entwickelt. Hier bekommen alle Einwegverpackungen ein "P" für Pfand aufgedruckt. Und die können an den 70.000 Kiosken, Tankstellen und Bäckereien wieder abgegeben werden.

Die Antworten auf die Frage, ob man die P-Dosen auch bei Spar und die Spar-Bons auch an Kiosken abgeben kann, lassen einen an die Radio-Eriwan-Witze denken: Im Prinzip ja, aber Lekkerland prüft gerade, ob es aus der Rücknahmepflicht ausscheren kann. Im Prinzip ja, aber es gibt keine Clearingstelle, die die Pfandgelder zwischen den Systemen gerecht verteilt, deshalb vielleicht nicht mehr lange. Im Prinzip ja, aber Läden mit einer Verkaufsfläche unter 200 Quadratmetern müssen nur zurücknehmen, was sie auch verkauft haben.

Alles klar? Für Jürgen Trittin, der Anfang der Woche die EU-Kommissare von dem irren System zu überzeugen versuchte, schon. Wie das Rücknahmesystem organisiert sei, müsse "den Verbraucher überhaupt nicht interessieren", sagt der Minister eisern. Jeder könne seine Einwegflaschen überall zurückgeben, egal, wo er sie gekauft habe. Man hat es geahnt: Der Mann hat Humor.

Miriam Müller

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