Rücknahmesystem Die Strapaze mit der Dose


Wo auch immer Dosen gekauft werden, ab sofort müssen Einzelhändler, die Pfanddosen verkaufen, diese auch ohne Pfandbon zurücknehmen. So einfach, wie es sich anhört, ist es leider nicht: Es hapert noch immer an einem einheitlichen Rücknahmesystem.

Für das umstrittene Dosenpfand ist heute die neunmonatige Übergangsfrist abgelaufen. Damit müssen Händler, die Pfanddosen verkaufen, gleichartige Verpackungen auch wieder zurücknehmen und das Pfand auszahlen. Ausgenommen sind Geschäfte mit einer Fläche unter 200 Quadratmetern. Diese müssen nur Dosen solcher Marken zurücknehmen, die sie selbst verkaufen. Die Rücknahme wird von mehreren konkurrierenden Systemen organisiert.

Zudem will die Europäische Kommission heute über ein Prüfverfahren zum deutschen Dosenpfand entscheiden. Dabei geht es um die Frage, ob die Pfandpflicht ausländische Getränkehersteller benachteiligt. Möglich ist nach Angaben aus Brüssel, dass die Kommission die Entscheidung auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt. Dann könnte die Brüsseler Behörde die Erfahrungen mit der bundesweiten Rücknahmepflicht berücksichtigen.

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und der Handel hatten sich Ende 2002 auf eine Übergangsfrist bis zum 1. Oktober verständigt, um ein bundesweites Rücknahmesystem aufzubauen. Als Folge davon mussten Verbraucher bisher einen Kassenbon oder Wertmarken aufheben, damit sie das Pfand zurückbekamen. Nachdem der Handel seine Zusage zum Aufbau eines Rücknahmesystems nicht eingehalten hat, gibt es jetzt mehrere Systeme, die von Trittin zur Zusammenarbeit verpflichtet wurden. Eines davon arbeitet weiter mit Pfandcoupons.

Stärkere Kundenbindung durch Insellösungen

Während Bundesregierung und Koalitionsparteien die Umsetzung des Dosenpfands als umweltpolitischen Durchbruch begrüßen, warnen Teile des Handels und der Getränkeindustrie vor Unübersichtlichkeit und Chaos. Faktisch findet der Start des bundesweiten Rücknahmesystems ohne die großen Lebensmitteleinzelhändler statt. Edeka, Aldi, Metro und andere hatten bereits vor Wochen die komplette Auslistung der Dose angekündigt.

Am Dienstag zog auch die Kölner Handelsgruppe REWE nach. REWE will für alle seine Märkte (Rewe, Minimal, toom, Penny) statt Dosen künftig Getränke in eigenen Einwegverpackungen oder Flaschen anbieten. Diese könne der Kunde dann bundesweit in den Geschäften der Unternehmensgruppe zurückgegeben. Mit diesen so genannten Insellösungen versprechen sich die Unternehmen nach Angaben von Branchenkennern eine stärkere Kundenbindung. Nach Angaben des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels geht es bei den Rücknahmesystemen nur noch um 10 Prozent des Getränkemarktes.

Solche "Insellösungen" hatten zuvor auch große Discounter wie Aldi, Lidl und Plus angekündigt. Mit eigenen, anders geformten Dosen und Flaschen umgehen sie die Pflicht, alle "nach Art, Form und Größe" gleichen Gebinde zurücknehmen zu müssen. So will Deutschlands drittgrößter Lebensmittel-Discounter Plus ab heute in allen 2.700 Filialen Bier in pfandpflichtigen Plastikflaschen verkaufen. Wie das Unternehmen am Dienstag in Mülheim an der Ruhr mitteilte, können die Flaschen in jeder Filiale zurückgegeben werden. Die Flasche hat eine eigene Form und wird nur bei Plus verkauft.

“Konjunktur schädigendes Durcheinander“

Während Bundesregierung und Koalitionsparteien die Umsetzung des Dosenpfands als umweltpolitischen Durchbruch begrüßen, warnen Teile des Handels und der Getränkeindustrie vor Unübersichtlichkeit und Chaos. Der Handelsverband BAG kritisierte am Dienstag ein «Konjunktur schädigendes Durcheinander» und forderte statt des Dosenpfands die Einführung einer «Lenkungsabgabe».

Für die Union sagte deren umweltpolitischer Sprecher Peter Paziorek, Trittin habe seine Zusage nicht eingehalten, ein bundeseinheitliches Rücknahmesystem für Einwegverpackungen aufzubauen. Stattdessen werde es eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme und "Insellösungen" geben. "Trittin täuscht die Öffentlichkeit", sagte Paziorek. Die FDP-Sprecherin Birgit Homburger kritisierte eine "neue Runde im Zwangspfandchaos".

Starke Zunahme von Mehrwegverpackungen

Nach Ansicht von SPD und Grünen im Bundestag hat die Pfandpflicht bereits positive Wirkung gezeigt. Zwischen Dezember 2002 und Juni 2003 sei der Anteil von Mehrwegverpackungen um rund 9 Prozent auf 59,2 Prozent gestiegen. Auch die Vermüllung der Landschaft sei spürbar zurückgegangen. Die Abgeordneten Ulrike Mehl (SPD), Gerd Bollmann (SPD) und Antje Vogel-Sperl forderten den Handel auf, seine "Verweigerungshaltung" aufzugeben. Es sei nicht hinzunehmen, dass Teile des Handels "das geltende Recht ignorieren".

Mit Spannung wurde unterdessen in Brüssel die Entscheidung der EU-Kommission erwartet, ob sie wegen des Dosenpfands ein Verfahren gegen Deutschland eröffnet. EU-Kommissar Frits Bolkestein hatte die Sorge geäußert, ausländische Anbieter seien durch die Pfandpflicht auf dem deutschen Markt behindert. Trittin hatte am Montag in Brüssel seine Position dargelegt.

AnbieterVerkaufRücknahme
Aldipfandpflichtige Plastikflaschen, keine Dosen mehrbundesweit, aber nur Aldi-Leergut
Edekanur Mehrwegbundesweit, aber nur selbst verkaufte Marken
Kaiser's + Tengelmannnur Mehrwegbundesweit, aber nur selbst verkaufte Marken
Lidlpfandpflichtige Plastikflaschen, keine Dosen mehrbundesweit, aber nur Lidl-Leergut
Pluspfandpflichtige Plastikflaschen, Mehrweg, keine Dosen mehrbundesweit, aber nur selbst verkaufte Marken
Rewe-Gruppe (miniMal, Penny, Rewe, toom)pfandpflichtige Plastikflaschen, Mehrweg, keine Dosen mehrbundesweit in allen Konzernfilialen, aber nur selbst verkaufte Marken
Sparpfandpflichtige Plastikflaschen, Mehrweg und Dosenbundesweit, aber nur selbst verkaufte Marken und gegen Coupon
Tankstellen + Kioske (wenn von Lekerland beliefert)pfandpflichtige Plastikflaschen, Mehrweg und Dosen

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker