Finanzkrise Der weise Mr. Minsky


1750 Dollar für ein uraltes Werk über die Volkswirtschaft: Angesichts der Finanzkrise klammern sich die US-Manager an jeden Strohhalm und entdecken vermeintlich verstaubte Theorien wieder. So wurde nun ein eher linker US-Ökonom und erklärter Kapitalismuskritiker zum neuen Held der Finanzhaie.
Von Jan Boris Wintzenburg

Während an den amerikanischen Börsen die Preis-Rallye beendet ist, sorgt der aktuelle Einbruch an den weltweiten Finanzmärkten für eine absurde Rallye am Markt für gebrauchte Bücher. Das Objekt der Begierde ist schwarz und trägt einen schlichten, etwas dünn anmutenden Leineneinband. Der Titel ist so sperrig, wie der Name des Autors: "Stabilizing an unstabel economy" von Hyman Minsky. Trotzdem werden bei Amazon einzelne Exemplare des Werkes für bis zu 1750 Dollar angeboten.

Der hohe Preis stützt sich ganz offenkundig nicht auf die Ausstattung des Buches, sondern auf die Qualität des Inhalts: Auf den 353 eng bedruckten Seiten hat Minsky im Erscheinungsjahr 1986 genau beschrieben, was dieser Tage an den Finanzmärkten passiert ist: Sorglos angehäufte Risiken, in diesem Fall auf dem Hypothekenmarkt, haben unweigerlich zu einem Zusammenbruch geführt, der sich auf alle Bereiche der Finanzwelt ausgeweitet hat. Häuslebauer verloren ihr Heim, Investoren Tausende Milliarden, Banken stürzten in die Zahlungsunfähigkeit. Zuletzt musste die Sachsen LB in letzter Sekunde gerettet werden.

20 Jahre Verspätung

Das alles hat Minsky in seinem Buch sauber aus geschichtlichen Beobachtungen und der volkswirtschaftlichen Theorie von John Maynard Keynes hergeleitet, dessen glühender Anhänger er war. Mit 20 Jahren Verspätung finden seine Ideen nun Eingang in die reale Finanzwelt. Man kann sich gut vorstellen, wie der Hype um das trockene Lehrbuch mit den dürren Grafiken und langen Tabellen entstanden ist: Panische Finanzmanager, die Stunde um Stunde neue Millionenverluste entdecken, hören vom weisen Buch des Mr. Minsky. Sie hetzen Assistenten los, um es zu besorgen. Sofort. Es ist ein neuer Hype, dem sie hinterherlaufen. Und ein billiger noch dazu: Was sind schon die paar Tausend Dollar im Vergleich zu den Summen, die auf dem Spiel stehen.

Hyman Minsky hat das alles nicht mehr erlebt: Der bisher relativ unbeachtete amerikanische Ökonom starb bereits 1996 im Alter von 77 Jahren. Der ehemalige Professor der Universität von St. Louis, der lange in Italien lehrte, stand den Kräften des Kapitalismus relativ kritisch gegenüber. In seinem Buch werden die Käufer lesen müssen, dass man ihn ständig kontrollieren müsse, um seine schlimmsten Auswirkungen abzufedern. Gerade die findige Finanzindustrie würde unkontrolliert so lange neue spekulative Finanzinstrumente erfinden, bis es zu einem Zusammenbruch käme. Minsky fordert deswegen möglichst scharfe regeln des Staates und besonders "Big Government", um die Auswüchse der schnellen Finanzzocker mit der Trägheit des Staates abzufedern. Das dürfte den Zockern, die das Buch gekauft haben, kaum schmecken.

Der Minsky-Moment

Die Finanzbranche spricht dieser Tage trotzdem ehrfürchtig vom "Minsky-Moment" und meint damit den Zeitpunkt, an dem sich entscheidet, wie schlimm die Finanzkrise werden wird, die sie hervorgebracht hat. Minskys Ideen sind eigentlich ziemlich simpel: Sie besagen, dass in einer langen, stabilen Aufschwungphase der Weltwirtschaft - und damit auch der Finanzmärkte - die professionellen Anleger immer mutiger werden. Auf der Jagd nach Rendite verschulden sie sich höher und höher und gehen größere Risiken ein, ohne sich dabei ausreichend abzusichern. Motto: Es wird schon weiter aufwärts gehen. Sie ignorieren dabei getrieben durch ihre Gier den gesunden Menschenverstand, der sagt: Nichts dauert ewig.

Irgendwann kippt jeder Markt, weil die Investitionen nicht mehr genügend Ertrag bringen, um die steigenden Zinslasten zu zahlen. Darauf kündigen nach Minskys Theorie die Gläubiger die Kredite und zwingen die Investoren auch ihre weniger riskanten Investitionen schnell zu Geld zu machen, um sie auszuzahlen. Das ist der Minsky-Moment, bei dem durch hektische Verkäufe von allem, was noch etwas wert ist, selbst sichere Anlagen in den Abwärtsstrudel gezogen werden. Dadurch werden weitere Werte vernichtet, weitere Kredite werden Not leidend, weil die geliehenen Summen nicht mehr durch den Anlagewert gedeckt sind. Die Schuldner müssen nachschießen - und verkaufen weiter. Obwohl Minskys Theorie so einfach und logisch erscheint, wurde sie Jahrzehnte lang vom Mainstream der US-Ökonomen eher belächelt: Sie glaubten an die Kraft der Märkte, die das Risiko im Griff halten würde.

Wertvolle Lektüre

Nun hat sich gezeigt, dass das falsch war. Minskys Buch ist in jeder Hinsicht eine wertvolle Lektüre. An einigen gut sortierten Uni-Bibliotheken ist es auch in Deutschland verfügbar. Aber angesichts der US-Preise für gut erhaltene Exemplare sollten die Bibliothekare diese momentan vielleicht eher unter den Präsenzexemplaren einordnen. Was sind schon ein paar Euro Strafgebühr für ein verlorenes Buch gegen den schnellen Deal im Internet, könnte der ein oder andere weniger kapitalismuskritische Student denken.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker