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Mille Miglia: Die Mutter aller Autorennen

Die Mille Miglia in Italien ist die berühmteste und verrückteste Oldtimerrallye der Welt. Unser Autor Thomas Ammann fuhr mit.

Abendliche Stempelkontrolle für die Startnummer 349, einen Mercedes 300 SL der Baureihe W 198.

Abendliche Stempelkontrolle für die Startnummer 349, einen Mercedes 300 SL der Baureihe W 198.

Der Polizist in der kleinen Stadt Argenta, zwischen Padua und Bologna, hat seinen Auftrag wohl nicht richtig verstanden. Als wir uns in rasantem Tempo einer Kreuzung nähern, fordert er uns mittels roter Kelle unmissverständlich zum Anhalten auf. "Slowly", ermahnt er uns mit einem strengen Blick durchs Seitenfenster, "only 50 kilometres". Wir murmeln was von "sorry", fahren etwas verhaltener weiter und schauen uns ungläubig an: Ein Polizist, der uns wegen Schnellfahrens ermahnt, hat Seltenheitswert auf der Mille Miglia, der berühmtesten Oldtimerrallye der Welt.

Normalerweise erweisen sich die Polizisten und Polizistinnen als wahre Freunde und Helfer für die Teilnehmer, indem sie den Gegenverkehr sperren, an roten Ampeln freundlich durchwinken oder mit Blaulicht eine Motorradeskorte bilden, um einen schnellen Weg durch die teilweise hoffnungslos verstopften Städte zu finden. Jedes im Jahr im Mai führt die Mille Miglia über "tausend Meilen", wie der Name sagt, also rund 1.600 Kilometer, durch malerische Landschaften, verwinkelte Ortschaften und kurvenreiche Pässe, und sie hat wenig mit dem gemütlichen Ausfahrten für solvente ältere Herrschaften gemein, die man in deutschen Landen gewöhnlich mit dem Begriff "Oldtimerrallye" verbindet.

Die pfeilschnellen BMW-Rennroadster schrieben einst auf der Mille Miglia Renngeschichte.

Die pfeilschnellen BMW-Rennroadster schrieben einst auf der Mille Miglia Renngeschichte.


Es sind vier Tage voller Begeisterung, Wahnsinn, Lärm, Hitze, dem beißenden Geruch von heißem Gummi und Öl und teilweise auch Gefahr, wenn eine Flotte von rund 450 Oldtimern mit je zwei Besatzungsmitgliedern einfällt und in vier Etappen durch das Land zieht, von Brescia aus über Padua nach Rom und von dort über Parma wieder zurück zum Ausgangspunkt. Begleitet werden sie von einem Tross aus Serviceteams, Mechanikern sowie anderen Helfern und unzähligen - nennen wir sie - Tempojunkies, die aus ganz Europa kommen und sich mit ihren eigenen Gefährten unter die registrierten Teilnehmer mischen, um sich wenigstens für vier Tage mal wie Sebastian Vettel oder Walter Röhrl zu fühlen. Das ist nicht verboten, denn die Mille Miglia, und auch das gehört zum besonderen Reiz, findet auf öffentlichen Straßen statt, auf denen der übrige Verkehr rollt wie an jedem anderen Tag - Trecker, LKW, Busse inbegriffen.

90 Jahre Mille Miglia

Denn bei der "Mille", wie die Insider sagen, wird extrem "zügig" gefahren, so die offizielle Sprachregelung, und die Organisatoren mahnen auch zur Einhaltung der Verkehrsregeln. De facto sind Tempolimits, Überholverbote, Vorfahrtregeln, rote Ampeln und andere Verkehrshindernisse während der Rallye außer Kraft gesetzt.

Startnummer 63, Bugatti Typ 40, rund zwei Stunden nördlich von Rom.

Startnummer 63, Bugatti Typ 40, rund zwei Stunden nördlich von Rom.

Das ist man schon der Tradition dieses Langstreckenklassikers schuldig, der "Mutter aller Autorennen", die zum ersten Mal 1927, also vor genau 90 Jahren, in Brescia gestartet und auf einer ähnlichen Route wie heute ausgetragen wurde. Selbstverständlich ist die Mille-Historie reich an Tragödien und Triumphen, und ebenso selbstverständlich kennt jeder, der hier dabei ist, die Heldengeschichte von Stirling Moss und seinem Co-Piloten Dennis Jenkinson, die 1955 auf ihrem Mercedes 300 SLR mit etwas mehr als 10 Stunden für die 1.600 Kilometer einen Rekord für die Ewigkeit aufstellten. Das entsprach einer irrwitzigen Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 160 Stundenkilometern, und das auf Pisten, die noch enger und holpriger waren, als sie es heute sind.

Wenig später wurde die Raserei auf öffentlichen Straßen vorübergehend eingestellt, sie war endgültig zu gefährlich geworden. Eine Gruppe von Enthusiasten startete in den 1970er-Jahren mit einer Neuauflage, die sich rasch wachsender Beliebtheit erfreute und an die ruhmreiche Tradition insofern anknüpfte, als nur solche Fahrzeugmodelle zugelassen wurden, die bei der "alten" Mille zwischen 1927 und 1957 teilgenommen haben. Entsprechend wertvoll ist das Starterfeld der Sport- und Rennwagen heute, was aber die meisten Teilnehmer nicht davon abhält, beherzt Gas zu geben. Um die Wette gerast wird aber nicht mehr; als Sieger geht nicht der Schnellste durchs Ziel, sondern derjenige, der die Sonderprüfungen am präzisesten bewältigt.

Ehemals war dieser Mercedes Flügeltürer die legendäre Startnummer 417 - auf der Mille Miglia 2017 ist das 215 PS starke Coupé mi

Ehemals war dieser Mercedes Flügeltürer die legendäre Startnummer 417 - auf der Mille Miglia 2017 ist das 215 PS starke Coupé mit der Nummer 352 unterwegs.

Historische Begegnungen

Kein Wunder, dass sich in dieser historisch und emotional aufgeladenen Atmosphäre nicht nur die italienischen Traditionshersteller wie Fiat, Ferrari oder Alfa Romeo gut aufgehoben fühlen, sondern auch die einstigen "Mille"-Rivalen aus Stuttgart. Für Mercedes-Benz gehören Rennsport und die früheren Erfolge bei der "Mille" untrennbar zur Markengeschichte, und deshalb tritt man auch 2017 wie in jedem Jahr mit einem guten Dutzend Fahrzeugen aus der Museumssammlung an. Der Moss-Siegerwagen von 1955 ist nicht mehr darunter, weil der inzwischen viel zu wertvoll geworden und daher kaum noch zu versichern ist, aber die übrigen Wagen, die in diesem Jahr in Brescia an den Start rollen, sind allesamt auch nicht zu verachten: Vorkriegsklassiker wie der SSK (Super Sport Kurz) oder das 300 SL Coupé, besser bekannt als Flügeltürer, eine der automobilen Ikonen des 20 Jahrhunderts. Im Cockpit sitzen Daimler-Verantwortliche, Rennsportprofis wie Bernd Mayländer, Ellen Lohr, Roland Asch oder Formel 1-Chef Toto Wolff, die als Markenbotschafter unterwegs sind. Gelegentlich werden Journalisten zur Mitfahrt eingeladen, und das ist auch die Art und Weise, wie dieser Bericht möglich wurde.

Brescia, 18. Mai, nur noch wenige Stunden bis zum Beginn der ersten Etappe. Gestartet wird in chronologischer Reihenfolge, die ältesten Fahrzeuge sind als erste dran. Gorden Wagener, der Chefdesigner von Daimler, und ich sind ein Team. Unsere Startzeit wurde auf 16 Uhr 32 festgelegt, genug Zeit für eine akribische Vorbereitung. Es gibt vorgeschriebene Routen, die nach dem "Roadbook" befolgt werden müssen, genaue Start- und Ankunftszeiten für jede Etappe und insgesamt rund 120 Sonderprüfungen, bei denen man eine Durchschnittsgeschwindigkeit exakt einhalten oder eine definierte Strecke in vorgegebener Zeit durchfahren muss. Jede Abweichung bringt Strafpunkte.

Unser Auto ist ein 300 SL, Startnummer 349, der in den 1950er-Jahren tatsächlich bei der alten Mille Miglia eingesetzt wurde, deshalb als historisch wertvoll gilt und damals wegen seiner Außenfarbe liebevoll "graue Maus" getauft wurde. Schon weniger spezielle Exemplare des 300 SL kosten inzwischen locker über eine Million Euro, das wirkt schon im Stand Respekt einflößend. Gute 45 Stunden lang werden wir mit der "grauen Maus" in den nächsten vier Tagen über Schnellstraßen donnern, uns durch enge Dorfstraßen und über Pässe quälen, im verrückten Stadtverkehr von Rom mitschwimmen – und das alles mit einem Auto, das weder Servolenkung noch Scheibenbremsen oder gar ABS hat, keine Klimaanlage, dafür eine eingebaute Sitzheizung, die aber sich nicht ausschalten lässt, weil es im ganzen Innenraum durch die Motorhitze und den durch die Karosserie verlegten Auspuff schon nach wenigen Minuten unerträglich heiß wird. "Rolling sauna", nennt Gorden das. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Die Seitenscheiben lassen sich komplett herausnehmen und in einer praktischen Tasche verstauen, was wir sofort prophylaktisch tun. Über die gesamte Strecke werden wir in einem konstanten Strom warmer Zugluft sitzen.

Die Durchfahrt auf der großen Piazza von Siena ist jedes Jahr eines der Highlights.

Die Durchfahrt auf der großen Piazza von Siena ist jedes Jahr eines der Highlights.

Jeder ist ein Star

Noch wenige Minuten bis zum Start. Gorden übernimmt die erste Etappe, wofür ich ganz dankbar bin. Er war schon mehrfach dabei, und ich habe so die Chance, mich an die ungewohnten Umstände zu gewöhnen. Schon bei der Anfahrt zur Startlinie wird klar, was die besondere Atmosphäre dieser Rallye ausmacht:

Tausende stehen am Straßenrand oder sitzen auf den Tribünen, winken mit den kleinen Mille-Miglia-Fahnen (die zu Hunderttausenden entlang der Strecke verteilt werden) und begrüßen jeden Teilnehmer mit frenetischem Applaus.

16 Uhr 32, Start! Ich drücke alle Streckenzähler auf Null, Gorden legt los. Die ersten Kilometer führen mit lautem Donnerhall aus dem Auspuff durch die Innenstadt von Brescia, dann geht es hinaus Richtung Sirmione am Gardasee, dann über Verona nach Padua. Dieser erste Streckenabschnitt gleicht einem Triumphzug. Wer sich einmal als Star fühlen will, dem sei die Teilnahme an der Mille Miglia empfohlen. Hunderttausende säumen die Straßen, um die vorbeizischenden Teilnehmer mit ausgelassenem Jubel zu begrüßen. Je lauter das Motorengebrüll, und je halsbrecherischer die Fahrt durch die unzähligen Kreisel, desto größer der Zuspruch des Publikums. In den Städten und Dörfern herrscht zu jeder Tages- und Nachtzeit Ausnahmezustand, wenn die donnernden Rennwagen einfallen, um sich zu einer Parade zu formieren oder für eine Sonderprüfung aufzustellen.

Den besonderen Wow!-Effekt erzielen wir bei jeder Zufahrt auf die Checkpoints, wenn wir zwecks Kühlung die Flügeltüren unseres 300 SL nach oben klappen. Jedesmal brandet Applaus auf. Eltern nutzen die Gelegenheit, ihre Sprößlinge auf die offenen Türschweller zu setzen, um ein Foto fürs Familienalbum zu machen. Die Stars dieser Rallye allerdings sind Toto Wolff und Formel-1-Konstruktionschef Aldo Costa in ihrem 300 SL "Panamericana" von 1952. Wo sie auftauchen, bildet sich sofort eine Traube von Menschen, die unmittelbar ihre Handys zur Herstellung eines Selfies mit den Prominenten zücken. Dass Aldo Costa, gebürtiger Italiener, vor einigen Jahren von Ferrari zum Erzrivalen Mercedes wechselte, stört die Fans nicht allzu sehr. "Vinciamo noi", rufen sie Wolff und Costa zu, "wir gewinnen". Gemeint ist das Formel 1-Team von Ferrari, das in diesem Jahr mit Vettel am Steuer die Wertung anführt.

Startnummer 83, der Alfa Romeo 8C 2600 Muletto mit Neil und Joe Twyman aus England.

Startnummer 83, der Alfa Romeo 8C 2600 Muletto mit Neil und Joe Twyman aus England.

Ästhetik der Geschwindigkeit

Soviel Begeisterung für das Automobil und die Verbrennung fossiler Brennstoffe findet man wohl nur noch in Italien, einem Land, in dem Ferrari nach wie vor eines der Nationalheiligtümer ist. Die bösen "F"-Worte wie Fahrverbote oder Feinstaubalarm, die in Deutschland die Diskussion um den Autoverkehr bestimmen, nimmt hier niemand in den Mund, wenn auch die Schadstoffkonzentration beim ersten Etappenziel auf dem Prato della Valle in Padua bei jedem Umweltschützer blankes Entsetzen auslösen würde. Vierhundert Rennwagen-Klassiker mit ihren grollenden Motoren erzeugen eine einzigartige Atmosphäre. Die Italiener lassen sich mit Begeisterung einnebeln und atmen Abgase und Benzindürfte ein wie halluzinogene Drogen. Die 90. Ausgabe der Mille Miglia steht in diesem Jahr denn auch unter dem etwas eigenwilligen Motto "Die Ästhetik der Geschwindigkeit".

Die kann man im 300 SL ausgiebig erleben, vor allem bei der Fahrt über die Pässe des Apennin, bei der sich die Rennwagen-Gene des Flügeltürers am besten zeigen. Beim Beschleunigen antwortet der 215-PS-Sechszylinder mit einem tiefen Donnergrollen und schießt mit einem Satz davon, in schnell gefahrenen Kurven reagiert das Heck mit leichtem Wegwischen. "Die Flügeltürer sind Diven", erklärt Gorden Wagener, während er mächtig am riesigen Lenkrad kurbelt, "die wollen sanft behandelt werden". Besser ist das. Man sitzt wie anno dunnemals ohne Sicherheitsgurte in den engen Schalensitzen, und an Airbags oder Ähnliches war damals noch nicht einmal zu denken. Auch ein Navigationssystem sucht man vergebens, was sich am zweiten Abend kurz vor Mitternacht bei der Ankunft in Rom als verhängnisvoll erweist. Mehrfach verpassen wir den Abzweig ins Hotel und irren durch die italienische Metropole.

Währenddessen entlädt sich ein Gewitter biblischen Ausmaßes über der Stadt, begleitet von einem Starkregen, der uns wegen der nicht vorhandenen Seitenscheiben ordentlich mächtig nass macht. Nicht zu vergleichen allerdings mit den Kollegen in den offenen Vorkriegsautos, die nach und nach im Hotel wie die begossenen Pudel eintreffen.

Macht nichts. Der Kampf "Mensch gegen Naturgewalten" passt zu den Heldenstories, an die man sich später noch gern erinnert. Ein bisschen Ehrgeiz gehört auch dazu. Wir erreichten Platz 108 als viertbestes Team aus dem Mercedes-Kader. Nicht schlecht für den Anfang, fanden Gorden Wagener und ich. Das Team Wolff/ Costa allerdings schlug uns mit Platz 86 um Längen. Die Sieger kamen wie fast jedes Jahr aus Italien, und dann noch mit einem Alfa Romeo von 1931. Ende gut, alles gut für die italienischen Fans.

Ach ja, und die „graue Maus“ hat die 1.600 Kilometer anstandslos durchgehalten. Nicht schlecht für eine 62-jährige Diva.

Die "Mille" ist mit ihren bis zu fünfzehnstündigen Etappen, die nur mit kleinen Unterbrechungen quasi nonstop gefahren werden, eine Erfahrung der Extreme, ein viertägiger Ausbruch aus dem Alltag, ein Anachronismus, allerdings ein herrlich unvernünftiger. Die einzige Rallye dieser Art auf dem Kontinent. Die Frage ist allerdings, ob es die italienischen Veranstalter mit der Kommerzialisierung nicht übertreiben. Was einst als Treffen automobiler Enthusiasten begann, ist in den Zeiten des globalen Oldtimerbooms längst zu einem Millionengeschäft geworden, mit allem, was dazugehört: Sponsoring, Merchandising und einer Streckenführung, die teilweise offenbar von der Zahlungsbereitschaft der jeweiligen Kommune abhängt.

Der Begeisterung der Fans an der Strecke tut das vorerst keinen Abbruch. Und deshalb wird es die "Mille" wohl noch viele Jahre geben.

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