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Silvretta Classic Rallye Montafon: Bergrallye am Steuer einer 80 Jahre alten Lady

Passstraßen mit einem 80 Jahre alten Auto? Steigungen mit 80 PS? Ja - das geht und ist ungemein verführerisch. Denn der Reiz der alten Dame – ein BMW 328 von 1937 – ist unerreicht.

Bei strahlendem Sonnenschein geht es über die Pässe.

Bei strahlendem Sonnenschein geht es über die Pässe.

Meine neue Freundin ist 80. Sie hat rote Backen, schmale Hüften und einen Knackarsch. Ich mochte sie auf Anhieb, weil sie so anders ist, so unkompliziert. Warum dieses Auto weiblich ist? Nun, ganz einfach: Sie ist so grazil, so schmal und leicht, da passt kein männlicher Artikel. Und außerdem gefällt mir, dass in vielen anderen Sprachen weiblich sind. Im Italienischen: La macchina. Im Französichen: La voiture, und sogar, weniger nett, la bagnole (die Karre). Selbst im Angelsächsischen spricht man Autos liebevoll weiblich an: She is a wonderful car.

Airbags oder Knautschzone gibt es nicht.

Airbags oder Knautschzone gibt es nicht.

Und genau das ist dieser rote , ein 328 von 1937. Man muss sich als Fahrer natürlich ein bisschen umstellen. Mit 80 hat die Dame ihren eigenen Rhythmus und ihren eigenen Willen. Die Lenkung ist nicht ganz so präzise wie bei einem modernen Auto. Die Trommelbremsen schwächeln ein wenig, vor allem wenn es die Passstraßen runter geht. Es gibt so gut wie keinen Wetterschutz. Am besten, man fährt offen und kleidet sich entsprechend der Witterung. Die kleinen Unzulänglichkeiten erinnern an eine bewährte Regel, die auch heute gilt: Vorausschauend Fahren und nicht ablenken lassen. 

Das ist das Schöne an alten Autos: Sie zu bewegen, ist ein bewusster Vorgang, keine Nebensache. Man überlässt nichts den Assistenzsystemen, sondern horcht in die Mechanik hinein, liest die Straße, gibt dem Auto die Chance, das Tempo zu bestimmen. Bergab nutzt man die Motorbremse und gibt den Bremsen immer wieder  die Gelegenheit abzukühlen. Sicherheit steht an oberster Stelle. Ohne Gurte und Airbags, mit einem aus Bakelit und einem Armaturenbrett aus Stahlblech würde ich einen Crash schon bei geringem Tempo vermutlich nicht überleben. Während der Fahrt verschwende ich keinen Gedanken daran. Mit einem Segelboot kann man kentern und ertrinken. Man kann auch zu Hause beim Fensterputzen von der Leiter fallen.

Einmal Erster - ein erhebendes Gefühl, wenn danach auch vieles schief ging.

Einmal Erster - ein erhebendes Gefühl, wenn danach auch vieles schief ging.

Mit einem Oldtimer bewegt man sich in einer anderen Dimension. Der kleine BMW, der mit 80 PS bei 800 Kilogramm motorisiert ist, macht einen Riesenspaß. Der Auspuffsound ist ein heiseres Röhren. Warum nur müssen moderne Sportwagen eigentlich so obszön brüllen?

Meinem Mitfahrer Ralf und mir gelingt es offensichtlich gut, uns auf unsere betagte Gefährtin einzustellen. Zum Auftakt der Silvretta Classic schaffen wir den Tagessieg. Als die Ergebnisse eintrudeln, können wir es kaum glauben. 40 Punkte Vorsprung; nicht schlecht für ein Team, das zum ersten Mal zusammen im Auto sitzt. Am nächsten Morgen dürfen wir in aller Frühe als Erste auf die Startrampe rollen. Während uns die anderen Teilnehmer misstrauisch beäugen, genießen wir das Gefühl, Sieger zu sein.

Blick aufs Heck - der Ersatzreifen konnte hinten bleiben.

Blick aufs Heck - der Ersatzreifen konnte hinten bleiben.

Es währt jedoch nicht lange. Während wir am Vortag alle Sonderprüfungen locker und entspannt angegangen waren, spüre ich nun am Steuer plötzlich den Druck, dem jeder Führende ausgesetzt ist. Wir können uns nicht mehr verbessern; allenfalls die Position halten – oder verschlechtern. Und so kommt es. Von Position Eins startend, misslingt eine Sonderprüfung nach der anderen, bei denen meist kurze Distanzen in einer exakt vorgegebenen Zeit durchfahren werden müssen. Waren es am Vortag meist nur wenige Hundertstel-Sekunden Abweichungen von der Sollzeit (eine Hundertstel-Sekunde Abweichung gibt einen Strafpunkt), so sind es am zweiten Durchgang eher Zehntel und entsprechend häufen sich die Miesen. 

Am dritten Tag starten wir von Position 20. Heute sitzt Ralf am Steuer. Er hat die Chance, die Scharte von gestern auszuwetzen. Ich konzentriere mich voll auf die Navigation, und zwar ohne Computerhilfe. Das Roadbook habe ich eingehend studiert und mit Notizen versehen. In die Geheimnisse des sogenannten Tripmasters, einem sehr genauen und einstellbaren Wegstreckenzähler, hat Ralf mich am Vorabend noch vertraut gemacht.

Ein einladendes Plätzchen.

Ein einladendes Plätzchen.


So wunderschön die Berglandschaft im Tiroler Montafon auch ist – ich habe kaum Zeit, sie zu genießen. Doch manchmal müssen wir stehenbleiben, wenn Kühe über die Straße trotten. Und gelegentlich, wenn es das Roadbook erlaubt, werfe ich einen Blick auf das Panorama. Dann weist nur die gepfeilte rote Motorhaube unserer bezaubernden Seniorin den Weg.

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