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GELDANLAGE: »Eine verdammte Lüge«

Amerikanische Behörden ermitteln gegen Analysten, die Anlegern falsche Börsentipps gaben. Unter anderem wird der Bank Merrill Lynch »fundamentale Irreführung der Öffentlichkeit« vorgeworfen.

Monatelang stand die Aktie des Internetportals

Infospace auf der Liste der »15 Favoriten« der New Yorker Investmentbank Merrill Lynch - bis deren damaliger Star-Analyst Henry Blodget genug hatte: »Nehmt diesen Müll endlich von der Liste!«, fauchte er in einer E-Mail an einen Kollegen. Doch nichts geschah. Infospace hielt sich weitere gute sechs Wochen in Merrills Top-Empfehlungen, bis zum 5. Dezember 2000. Heute pendelt die Aktie, die zu Hochzeiten für 130 Dollar gehandelt wurde, um die 1,30-Dollar-Marke. Ein »verkaufen« oder auch nur »reduzieren« aber lasen die Anleger nie. Auch nicht für andere Aktien, selbst wenn die Analysten wussten, dass sie potenzielle Pleitekandidaten empfahlen. So durfte sich der Internetanbieter Excite@Home offiziell mit der zweitbesten Bewertung »aufstocken« schmücken, während Blodget und Kollegen die Aktie intern als »Stück Scheiße« schmähten. Sie hatten offenbar den richtigen Riecher: Im Herbst 2001 ging Excite@Home Bankrott.

Dass die Anleger nun mit viel Verspätung

erfahren, was Analysten wirklich dachten, verdanken sie dem New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer. Der ließ vorigen Sommer bei Merrill Lynch Tausende von E-Mails beschlagnahmen und auswerten und hat jetzt seinen Untersuchungsbericht vorgelegt: 37 Seiten pures Dynamit für die schon vom Enron-Skandal erschütterte Wall Street. Spitzer wirft Merrill Lynch »fundamentale Irreführung der Öffentlichkeit« und »schockierenden Vertrauensbruch« vor: Die Bank habe Analysten dazu angehalten, Aktien schönzureden, um lukrative Aufträge für ihr Investmentgeschäft zu erhalten - Börsengänge beispielsweise oder Fusionen. In einigen Fällen, so die Anklage, durften Vorstandschefs sogar Analysen vorab sehen und Passagen umformulieren.

»Haltlose Vorwürfe«, wehren sich die Banker

. Die Zitate in dem Untersuchungsbericht seien aus dem Zusammenhang gerissen und »kein Beweis für Fehlverhalten«. Selbst die dramatischsten Dokumente spielt ein Merrill-Lynch-Manager, der anonym bleiben will, als ganz normale »Debatte unter Analysten« herunter: etwa Blodgets Drohung an seine Chefs, Aktien so zu bewerten, »wie wir sie sehen, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf andere Geschäftszweige«. Oder den Zornesausbruch von Blodgets früherer Mitarbeiterin Kirsten Campbell, sie wolle »keine Hure fürs verdammte Management« sein, »Leute verlieren unseretwegen Geld, das gefällt mir nicht.« Ihre Schlussfolgerung: »Die Vorstellung, dass wir unabhängig vom Banking sind, ist eine verdammte Lüge.«

Überraschen kann die Erkenntnis

nur Idealisten und Börsenlaien. Experten wussten, was ein ehemaliger Analyst für die Robertson Stephens Bank in San Francisco bestätigt: »Verkaufen gehört zum Geschäft«; die Balance zu halten zwischen Anlegerberatung und Unterstützung der Investmentkollegen sei »ein Hochseilakt - die meisten Analysten entscheiden sich im Zweifel dafür, Deals zu unterstützen«. In vielen Fällen ist ihr Gehalt direkt an den Umsatz der Investmentabteilung gekoppelt. Wall-Street-Insidern ist schon lange klar, dass die so genannte Chinesische Mauer, die angeblich die Abteilungen Analyse und Investmentbanking trennt, löchrig ist wie Maschendraht. »Die E-Mails beweisen es zum ersten Mal«, sagt Stephen Choi, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Berkeley. Merrill Lynch sei keine Ausnahme.

Auch dafür will Spitzer Beweise liefern.

Er hat seine Untersuchung auf ein Dutzend weitere Banken ausgeweitet, darunter so prominente Namen wie Goldman Sachs und Morgan Stanley. Alle müssen ähnlich peinliche Enthüllungen fürchten. Schlimmer noch: Der Skandal kann teuer werden. Ein Heer von Anwälten steht bereit, Spitzers Enthüllungen dazu zu nutzen, für Anleger Schadensersatz in Millionenhöhe einzuklagen.

Merrill Lynch erklärte sich fürs Erste

nur bereit, Anlegern künftig klar zu sagen, ob die Firmen, die ihre Analysten untersuchen, auch ihre Kunden sind. »Diese Offenlegung«, brüstet sich die Bank, »geht weit über die gesetzlichen Anforderungen hinaus.«

Karsten Lemm